• „Schule und Wirtschaft – Partner sind sie nicht“ Lehrer bereiten nicht genug aufs Arbeitsleben vor, sagt ein Firmensprecher. Er fordert: kooperieren!

Zeitung Heute : „Schule und Wirtschaft – Partner sind sie nicht“ Lehrer bereiten nicht genug aufs Arbeitsleben vor, sagt ein Firmensprecher. Er fordert: kooperieren!

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Immer weniger Schulabgänger seien ausbildungsfähig, klagen Unternehmen. Dabei geht es nicht nur um Schwächen beim Lesen, Schreiben oder Rechnen, sondern auch um soziale Defizite. Sind das auch Ihre Erfahrungen?

Nein, und mich ärgert ein derart undifferenzierter Umgang mit dieser Problematik. Sicher gibt es Schwachstellen, speziell in Mathe oder Deutsch. Von einem Realschüler können Sie heute nicht mehr die gleichen Rechenkünste erwarten, wie noch vor 30 Jahren. Andererseits muss man bedenken, dass von Jugendlichen heute im Beruf auch weit mehr verlangt wird als früher. Heute sind Auszubildende selbstständiger, teamfähiger und kommunikativer. Damals reichte es, wenn jemand gute Noten mitbrachte und pünktlich zur Arbeit erschien.

Haben die Schulen auf diese veränderten Anforderungen reagiert?

Das ist genau das Problem. Meiner Ansicht nach haben viele Schulen genau das versäumt, von Ausnahmen einmal abgesehen. Die Berufswelt, die Jugendliche nach ihrem Schulabschluss erwartet, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewandelt. Aber der Unterricht, der sie für den Start in den Job fit machen soll, ist der gleiche geblieben. Kurz gesagt: Das Leben stellt die Schüler vor Herausforderungen, auf die sie die Schule nur unvollkommen vorbereitet.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Nehmen wir den Mathematikunterricht. Die inzwischen bundesweit einheitlichen Prüfungsstandards für den mittleren Bildungsabschluss haben das Problem sehr deutlich gemacht. In der Prüfung musste eine Grafik ausgewertet und mit den gewonnenen Zahlen eine relativ einfache Rechenaufgabe gelöst werden. Die meisten Schüler konnten mit der Grafik rein gar nichts anfangen, weil sie Aufgaben, bei denen es nicht nur ums Rechnen, sondern auch um analytisches Denken und Sinn erfassendes Lesen geht, zu wenig geübt hatten. Ähnliches gilt für die soziale Kompetenz: Wie sollen Jugendliche beispielsweise in komplexen Projekten arbeiten können, wenn ihnen das in der Schule niemand beigebracht hat, wenn jeder Lehrer sein eigenes Fachgebiet als wichtigstes ansieht und fachübergreifender Unterricht in Projektgruppen so gut wie nie stattfindet.

Wie sieht es mit der ganz praktischen Vorbereitung auf das Berufsleben aus? Leistet Schule da genug?

Von einseitigen Schuldzuweisungen halte ich auch hier überhaupt nichts. Was sich aber dringend verbessern muss ist der Dialog zwischen Schulen und Betrieben. An dieser Schnittstelle wird zu wenig kooperiert. Zwar gibt es an allen Schulen so genannte Berufsorientierungs-Lehrer. Doch auch das sind oft Pädagogen, die selbst nie in der freien Wirtschaft gearbeitet haben und oft auch unzureichend informiert sind. Ich erlebe das immer wieder, wenn ich in Schulen unsere Ausbildungen vorstelle: Für viele Lehrer gibt es, überspitzt gesagt, nur den Handwerker und den Akademiker. Dass ihre Schüler aber inzwischen viel mehr Wahlmöglichkeiten haben, zum Beispiel die duale Ausbildung an einer Berufsakademie, scheinen sie nicht zu wissen.

Gibt es denn in Berlin schon Ansätze, die in die richtige Richtung weisen?

Ja, auf jeden Fall, etwa die Projekte „Partner Schule Wirtschaft“, „Partnerschaft Schule-Betrieb“ oder das Realschul-Netzwerk „Jobcoaches“, von dem ich vor kurzem erfahren habe. Das sind allerdings nur einige wenige Leuchttürme, von denen es viel mehr geben müsste.

Das Gespräch führte Silke Zorn

Norbert Giesen

leitet das Bewerbermarketing für die

Berufsausbildung

bei der Siemens AG . Außerdem ist er für die Akquise von

Ausbildungsplätzen verantwortlich.

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