Schulleiter Großpietsch im Interview : „Längeres gemeinsames Lernen hilft“

Jens Großpietsch, Leiter der Moabiter Heinrich-von-Stephan-Schule über die Reformen nach der ersten Pisa-Studie

Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Seit der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 hat es an Berliner Schulen zahlreiche Reformen gegeben. Was waren dabei die wichtigstenVeränderungen?

Das Wichtigste war die Schulstrukturreform, also die Umstellung von einem dreigliedrigen auf ein zweigliedriges System bei den weiterführenden Schulen. Durch die Pisa-Studien ist ja überdeutlich geworden, wie sehr der schulische Erfolg in Deutschland von der sozialen Herkunft abhängt. Das lässt sich durch längeres gemeinsames Lernen mildern. Da es aber politisch nicht durchsetzbar ist, die Gymnasien abzuschaffen – eher würde man wahrscheinlich das Biertrinken oder Fußball abschaffen –, ist es schon ein Schritt in die richtige Richtung, wenigstens nur noch zwei Schularten nach der Grundschule zu haben, die außerdem beide zum Abitur führen. Das gemeinsame Lernen muss aber damit einhergehen, dass sowohl die schwachen als auch die leistungsstarken Schüler individuell gefördert werden.

Und was war die wichtigste Erkenntnis?

Pisa hat klargemacht, dass Lesen und Textverständnis die zentrale Grundqualifikation ist, die für alle Fächer notwendig ist. Viele Schüler aus bildungsfernen Familien scheitern noch immer daran, dass sie sich Textaufgaben nicht erschließen können – weil ihnen die Sprachkenntnisse fehlen. Da muss noch mehr in der Förderung getan werden. Bei uns etwa muss jeder Schüler in der Woche zwei Stunden lang nur lesen.

Die deutschen Schüler haben sich deutlich verbessert. Können Sie das an Ihrer Schule auch nachvollziehen?

Das ist schwer zu sagen, weil sich unsere Schule so stark gewandelt hat und unsere Schülerschaft mittlerweile eine ganz andere ist. 2000 waren wir eine Hauptschule, mittlerweile ist es eine Gemeinschaftschule mit Oberstufe, von lernbehinderten Jugendlichen bis zu Kindern mit Gymnasialempfehlung lernen hier Schüler mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Von den 32 Schülern, die jetzt bei uns in der Oberstufe sind, hatten nur neun in der siebten Klasse eine Gymnasialempfehlung. Die haben sich also ganz schön verbessert.

Welche Reform nach Pisa war unnötig?

Unnötig vielleicht nicht, aber die vielen Vergleichsarbeiten – in der achten Klasse, in der neunten Berufsbildungsreife und in der zehnten der Mittlere Schulabschluss – führen dazu, dass vor allem für diese Tests gelernt wird. Das ist aber pädagogisch nicht nachhaltig. Da wurde meiner Meinung nach Pisa nicht richtig verstanden.

Jens Großpietsch (64) leitet seit 1985 die Heinrich-von- Stephan-Gemeinschaftsschule in Berlin-Moabit. Das Gespräch mit ihm führte Sylvia Vogt.

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