Schulprojekt der Bürgerstiftung : Wo Rosinen Schwimmflügel haben

Das Projekt „Zauberhafte Physik“ will Kinder spielerisch für Naturwissenschaften begeistern

Silke Zorn
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Sohaila und Physik-Pate Gebhard von Oppen bereiten die „schwebenden Rosinen“ vor. Foto: Jen Preußler

Sohaila steht vor der Tafel und gießt Mineralwasser in ein Glas. Dann legt sie einige Rosinen hinein, neugierig beobachtet von ihren Mitschülern aus der Teltow- Grundschule in Schöneberg. Erst versinken die Früchte, dann beginnen sich Luftblasen an der rauen Oberfläche festzusetzen. Mit ihrer Hilfe treiben sie nun wieder an die Wasseroberfläche. Sohaila und die anderen staunen. Wie geht das denn? „Tja, das sind Rosinen mit Schwimmflügeln“, sagt Physik- Pate Gebhard von Oppen. „Und das probiert ihr jetzt alle.“

Warum schwimmen Rosinen? Wie funktioniert ein Dampfschiff? Und wie macht man Seifenblasen? Ein Kinderalltag steckt voller Fragen – und die Paten der Initiative „Zauberhafte Physik“ beantworten sie. Im Februar 2007 startete das Projekt der Bürgerstiftung Berlin, das vom Lions Club Berlin-Wannsee, der Bayer Cares Foundation und der Berliner Volksbank gefördert wird. Los ging es an der Charlottenburger Eosander- Schinkel-Grundschule. Inzwischen finden die wöchentlichen Zauber-Stunden auch an der Teltow-Grundschule, der Charlottenburger Reinhold-Otto- Grundschule, der Carl-Humann- Grundschule in Prenzlauer Berg und der Kreuzberger Fanny-Hensel-Grundschule statt; alle in sozialen Brennpunkten. Dazu kommen Schnupperstunden an weiteren Schulen. „Pro Monat erreichen wir so 350 bis 400 Kinder“, schätzt Maren Heinzerling, pensionierte Ingenieurin und „Erfinderin“ des Projekts.

Besonders Kinder aus benachteiligten Familien sollen gefördert werden. „Wir möchten ihre Neugier wecken und sie spielerisch für Naturwissenschaften begeistern“, sagt Uta Jankowsky von der Bürgerstiftung. Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Schulkarriere seien für sie besonders schlecht. „Viele sprechen unzureichend Deutsch und müssten viel intensiver betreut werden, als es die Lehrer leisten können.“

Hier setzt die „Zauberhafte Physik“ an. Mit 100 anschaulichen Versuchen sollen die Grundschüler zum Hinschauen, Mitmachen und Nachdenken angeregt werden. Die Experimente drehen sich um Luft, Wasser, Kraft, Reibung, Strom und Magnete.

Betreut werden sie von ehrenamtlichen Paten – zu denen auch Klaus Schultze gehört. Während die Drittklässler den Rosinen noch beim Schweben zusehen, bereitet er schon den nächsten Versuch vor und rückt neue Utensilien heran. Als alle fertig sind, wird über einen Namen für das Experiment abgestimmt. „Blasengürtel“ schlägt Tisch drei vor – und gewinnt damit knapp vor „Tanzende Rosinen“.

Was jetzt kommt, kennen die Neun- und Zehnjährigen schon. „Dieses war der zweite Streich, und der dritte folgt sogleich!“, schallt es im Chor aus dem Klassenraum. Wenig später sitzen alle mit Wasserschale, Flasche, Plastikschlauch und Einwegspritze an ihren Tischen. „Haltet den Schlauch ins Wasser und saugt es an“, erklärt Maren Heinzerling ihrer Mädels-Runde an Tisch drei. „Wenn ihr das andere Ende in die Flasche tut – die muss natürlich tiefer stehen –, fließt das Wasser von selbst hinein.“ Nicht überall will das auf Anhieb klappen, hier tropft Wasser auf Schuhe und Hosenbeine, da wird gekichert und gekreischt. Trotzdem schaffen es Heinzerling und ihre Kollegen, die Aufmerksamkeit der Kinder immer wieder auf den Versuch zu lenken.

Sohaila und ihre Klassenkameradinnen Merve, Dorontina und Esra finden die „Zauberhafte Physik“ toll. Die Versuche führen Sie zu Hause stolz Eltern und Geschwistern vor. Dass es längst Nachmittag ist, als die Stunde zu Ende geht, stört sie nicht – im Gegenteil. „Ich kann mich hier richtig gut entspannen“, sagt die zehnjährige Esra.

Anregung, Zeit, Zuwendung – das genießen die Schüler, meint Eberhard Otto, Lehrer an der Fanny-Hensel-Grundschule. „Mit fünf bis sechs Erwachsenen ist die Betreuung natürlich ein Wahnsinn“, sagt er. Außerdem sei es gut, dass die Schüler mal mit Nicht-Pädagogen zu tun hätten. „Sie bringen frischen Wind mit und gehen unbefangen mit den Kindern um.“ Und, so Otto: „Viele strahlen eine Ruhe aus, die uns im stressigen Schulalltag manchmal abhanden kommt.“ Silke Zorn

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