Zeitung Heute : Schulreform: Überforderte Lehrer, schwierige Kinder

Peter Struck

Über die Schulen wird zur Zeit gestritten. Nicht mehr ideologisch, eher aus enttäuschten Erwartungen. Es ist ein Punkt erreicht, an dem Veränderungen einsetzen müssen

Unsere Schulen gelten als unzeitgemäß, Reformen sind dringend erforderlich, aber viele Lehrer sind reformmüde.

Schulgebäude, massenhaft in den 50er und 60er Jahren gebaut, sind oft marode, sie zeigen das, was die Verwaltungsbeamten einen "Renovierungsstau" nennen.

Lehrer sind im Schnitt so alt, wie schon lange nicht mehr, sie sind ausgebrannt und durch schwierige Kinder überfordert.

Bei vielen Schülern ist der familiäre Versorgungs- und Erziehungsanteil zusammengebrochen - sie sind verhaltensgestört, lernschwierig, gewalttätig, süchtig oder krank.

Dem Staat mangelt es an Geld für Lehrerstellen, sinnvolle Lerngruppengrößen, Schulbau sowie Lehr- und Lernmittelausstattung.

Immer mehr Lehrer klagen über Angriffe von Schülern, aber auch über Intrigen von Kollegen.

Zugleich klagen immer häufiger Schüler über "pöbelnde Pauker", von denen sie beleidigt oder niedergemacht, ausgegrenzt oder diskriminiert werden.

Unterrichtsausfall ist zu einem Problem geworden, das Eltern beunruhigt.

Sparen scheint zur wichtigsten Gestaltungsdimension des deutschen Schulwesens zu werden.

Wir müssen mit einer zeitgemäßen Schule den Seiltanz hinbekommen, den Schülern ein Fundament an Grundwissen zu bieten und in ihnen darüber hinaus die Kompetenz zu entwickeln, sich jeweils nötige Informationen selbst zu beschaffen. Schüler sollten zwar noch wissen, wie die Hauptstädte von Italien und Ägypten heißen, aber wie die Hauptstädte von Sierra Leone oder Burkina Faso heißen, müssen sie nicht mehr unbedingt in der Schule lernen, denn dieses Wissen benötigen sie null bis einmal in ihrem gesamten Leben, und dafür reicht die Fähigkeit, das in Sekundenschnelle mit Hilfe des Comupters oder Lexikons zu ermitteln, wenn es erforderlich wird.

Schule hat die Aufgabe, die Welt im Kopf und im Herzen des Kindes zu ordnen und das Kind für die Welt lebenstüchtig zu machen. Wir brauchen eine ganz neue Vision von Schule und eine völlig neue Arbeitsplatzbeschreibung für Lehrer. Wenn immer mehr erzieherisch vernachlässigte und immer mehr häuslich gut und früh geförderte Schüler zugleich in die ersten Klassen kommen, können die Lehrer mit herkömmlichen Unterrichtsmethoden nur noch den Kindern in der Leistungsmitte einer Klasse einigermaßen gerecht werden. In dem Maße, wie immer mehr Schüler überfordert und gleichzeitig immer mehr Schüler unterfordert werden, ist die bisherige Grundschule mit frontalen und lehrerzentrierten Vorgehensweisen in der Tat am Ende. Nur mit der Wandlung der Grundschule zur Lernwerkstatt mit Offenem Unterricht, mit Partnerarbeit und Computern, mit Wochenplanarbeit und mit vielen individualisierenden Materialien (Arbeitsblätter, Lexika, Karteikartensysteme, Druckerei) kommt man weiter.

Es beginnt mit der Schulzeit: Nötig sind flexible Lernphasen statt der bisherigen 45-Minuten-Takte. Jahrgangsübergreifende Klassen (wie an der Peter-Petersen-Schule) haben sich bewährt. Es sind immer zwei Jahrgänge in einen Raum, so dass jeder Schüler im Wechsel mal zu den jüngeren, mal zu den älteren gehört.

Hochbegabte Kinder versagen oft in der Schule. Auf den ersten Blick wirkt diese Aussage wie ein Widerspruch in sich. Aber Kinder, die alles am Schulanfang schon können, was der Lehrer von ihnen verlangt, langweilen sich oft, so dass sie zunächst schwierig werden, dann stören, dann lästig werden. Weil die Kräfte der Lehrer zu stark von den schwachen und durchschnittlichen Schülern gebunden werden, vernachlässigen sie die früh- und hochbegabten und die schon intensiv von zu Hause her geförderten. Franz J. Mönks von der Universität Nijmwegen schätzt, dass zehn bis 15 Prozent eines Schülerjahrgangs "Spitzen- und Hochbegabte" sind (Hochbegabte werden mit einem IQ ab 130 definiert). Das bedeutet, dass in Deutschland pro Jahr etwa 80 000 Kinder eingeschult werden, für die die herkömmliche Schule eigentlich nicht mehr taugt.

Kein Nürnberger Trichter mehr

Lernen ist wichtiger als Unterrichten. Eltern, Erzieher und Lehrer müssen heutzutage umlernen, wenn sie Lernen ergiebiger gestalten wollen, sie müssen Abstand nehmen von Moralpredigten und Einpaukweisen nach dem Bild des "Nürnberger Trichters". Die bisherigen Erziehungs- und Beschulungsweisen passten noch ganz gut zu obrigkeitsstaatlichen Industrie- und Militärgesellschaften, sie taugen aber nicht mehr für die mobile und global vernetzte Informations-, Wissens-, Dienstleistungs-, Freizeit- und Produktionsgesellschaft.

Wenn man will, dass junge Menschen unserer Zeit sinnvoller lernen können, so geht das über den Allgemeinplatz "Das Wichtigste ist, dass Kinder lernen, wie man lernt" deutlich hinaus

1. Kinder und Jugendliche lernen besser, wenn sie selbst lernen, als wenn man sie belehrt.

2. Junge Menschen lernen besser, wenn man sie beim Lernen zugleich auch Handeln läßt ("learning by doing"). Deshalb will die Hamburger Schulbehörde ihre Schulen zu "Zukunftswerkstätten" und die Klassenverbände zu "Lernfamilien" umbauen.

3. Schüler lernen besser, wenn sie beim Lernen auch unbestraft Um- und Irrwege beschreiten und Fehler machen dürfen. Wenn wir ihre Fehler mit roter Tinte, schlechten Noten, erhobenen Zeigefingern und bösen oder enttäuschten Gesichtern verfolgen, wird ihre angeborene Lernmotivation durch Lernen aus Angst ersetzt. Angst ist aber ein schlechterer Motor als die Freude, ein Ziel zu erreichen.

4. Kinder lernen besser von Gleichaltrigen als von noch so guten Erwachsenen. Wenn Eltern und Lehrer sich durch diese Einsicht nicht gekränkt fühlen, müssen sie das Lernen der Kinder voneinander begünstigen, zum Beispiel beim Spielen, beim Hausaufgabenmachen sowie über Partner- und Kleingruppenarbeit in der Schule.

5. Am besten lernen Kinder, wenn sie das, was sie lernen sollen, anderen zu erklären haben. Gutes Lernen geht mit dem Sprechen über das zu Lernende einher. Kinder lernen am besten, wenn sie zu zweit ein Problem zu lösen haben. Die bisherige Schule setzt aber junge Menschen entweder allein vor ein Problem (bei Hausaufgaben und Klassenarbeiten) oder im großen Klassenverband.

Wenn Lehrer nicht Belehrer oder Beschuler sind, sondern Lernberater oder "Coaches" ihrer selbstlernenden Schüler, dann lernen junge Menschen in kürzerer Zeit mehr. "Wenn du weißt, wie man etwas lernt, dann weißt du, wie man etwas beibringt." Dabei hilft auch das Gespräch mit den Eltern abends auf der Bettkante, wenn Kinder den zurückliegenden Tag, einen Fernsehfilm oder die Aufgaben des kommenden Tages verstehen sollen.

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