Schulreform : Zöllner will Kinder früher fördern

Berlins Bildungssenator Zöllner stellt heute seine Pläne für eine Schulreform vor: Danach sollen Grundschulen mit Kitas eng zusammenarbeiten. Doch der Ausgangspunkt des Konzepts betrifft die Hauptschulen.

Susanne Vieth-Entus

Berlin - Die größte Schulreform seit der Wende wird an diesem Dienstag den Senat beschäftigen. Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) legt auf Antrag des Abgeordnetenhauses seinen Bericht zur Umstrukturierung der Berliner Schullandschaft vor. Ausgangspunkt ist die Abschaffung der Hauptschulen und ihre Verschmelzung mit Real- und Gesamtschulen zu neuartigen „Sekundarschulen“. Um die Kinder von Anfang an besser fördern zu können, soll zudem jede Grundschule „verbindlich“ mit umliegenden Kindertagesstätten kooperieren. Dazu gehörten auch gemeinsame Fortbildungen der Lehrer und Erzieher, heißt es in dem 13-seitigen Papier des Senators, das dem Tagesspiegel vorliegt.

Ziel der Kooperation ist eine individuelle Förderung, um sowohl den hoch Begabten als auch den sozial Benachteiligten gerecht zu werden. Dazu gehört, dass Erzieher und Lehrer schriftliche Vereinbarungen über ihre Ziele treffen. Um auch die oberen Grundschulklassen zu stärken, soll es einen Lehreraustausch geben: Pädagogen der weiterführenden Schulen und Grundschulpädagogen sollen wechselseitig in der jeweils anderen Schulform unterrichten. Dies betrifft die Fächer Deutsch, Fremdsprachen, Mathematik und Naturwissenschaften.

Die neu zu gründende Sekundarschule soll noch in der laufenden Legislaturperiode eingeführt werden und in 12 oder 13 Jahren zum Abitur führen. Wenn eine Schule nicht genügend Schüler für eine gymnasiale Oberstufe hat, muss sie eine „feste Kooperation“ mit einer anderen Schule eingehen. Das kann eine allgemeinbildende Schule ebenso sein wie ein berufsbildendes Oberstufenzentrum.

Falls ein Schüler am Ende der achten Klasse „erhebliche Leistungsrückstände“ aufweist, muss er am dualen Lernen teilnehmen. In Zöllners Papier ist ausdrücklich davon die Rede, dass dies „verbindlich“ ist. Der stärkere Berufs- und Praxisbezug soll den Schülern Erfolgserlebnisse vermitteln und gegen „Schulmüdigkeit“ wirken. Kritiker befürchten, dass der duale Unterricht auf Kosten der Hauptfächer Deutsch, Englisch und Mathematik gehen könnte. Dazu liegen aber noch keine Festlegungen vor.

Das Wiederholen von Klassen soll in der Sekundarschule nur noch „in Ausnahmefällen im Rahmen von Bildungs- und Erziehungsvereinbarungen“ möglich sein. Anders in den Gymnasien: Sie können ihre Schüler weiterhin verpflichten, eine Klasse zu wiederholen. Allerdings ist es ihnen auch jetzt schon gestattet, darauf ganz zu verzichten und die Kinder automatisch aufrücken zu lassen.

Zöllner begründet die Notwendigkeit einer umfassenden Reform mit den großen Defiziten der Berliner Schüler. Insbesondere das schlechte Abschneiden der Migranten bei internationalen Leistungsstudien, aber auch der bundesweit stärkste Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Leistung erfordere ein Umsteuern. Alle Anstrengungen zur Verbesserung schulischer Qualität „stoßen aber an die Grenzen des vielgliedrigen Systems“, heißt es in dem Papier. Deshalb müssten vor allem die Hauptschulen abgeschafft werden, von denen 60 Prozent ein „schwieriges Milieu“ hätten.

Noch ist unklar, wie sich der Senat zu dem Papier verhalten wird. Im vergangenen Jahr hatte es bereits einen Eklat gegeben, weil sich der Senat geweigert hatte, ein Vorläuferpapier Zöllners offiziell zur Kenntnis zu nehmen. Die neue Version ist allerdings vorab mit den Fraktionen von SPD und Linke besprochen worden.

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