• Schulsenator bricht mit strikter SPD-Linie - Vor einer Einführung aber erst Gespräche mit allen Beteiligten - Kritik von der Gewerkschaft

Zeitung Heute : Schulsenator bricht mit strikter SPD-Linie - Vor einer Einführung aber erst Gespräche mit allen Beteiligten - Kritik von der Gewerkschaft

Klaus Wieking[Annette Kögel]

Berlins neuer Schulsenator Klaus Böger (SPD) ist nicht mehr strikt gegen die Einführung von Religionsunterricht als Wahlpflichtfach. Er persönlich könne sich ein Modell vorstellen, bei dem Schüler zwischen Religion und Ethik/Philosophie wählen müßten, sagte Böger gestern dem Tagesspiegel. "Darüber will ich im nächsten halben Jahr einen Dialog führen", sagte Klaus Böger. An der Debatte wolle sich auch Bundestagspräsident Wolfgang Thierse beteiligen. Das Ergebnis werde in ein Schulreformgesetz einfließen. Bisher hatte die SPD das vom Koalitionspartner CDU geforderte Wahlpflichtfach Religion strikt abgelehnt. Während die evangelische Kirche und die Christdemokraten Bögers Vorstoß begrüßten, lehnten die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Humanistische Verband die Einführung eines verbindlichen Religionsunterrichts weiter entschieden ab.

Bisher ist die Teilnahme am Religionsunterricht in Berlin freiwillig. So nehmen von den knapp 400 000 Schülern nach Angaben der GEW aus eigenem Willen 97 000 am evanglischen und 17 000 am katholischen Religionsuntericht teil. Darüberhinaus wählten rund 27 000 Schüler freiwillig das Fach Lebenskunde. Außerdem gibt es ein Modellprojekt Ethik/Philosophie mit rund 6000 Schülern. Die Teilnahme an den genannten Fächern wird nicht benotet und ist nicht versetzungsrelevant. Nach Auffassung von Schulsenator Böger reichen die bisherigen Angebote auf freiwilliger Basis nicht aus. Er könne sich ein Modell vorstellen, bei dem Schüler zwischen den Wahlpflichtfächern Religion und Ethik/Philosophie wählen müssen, sagte Böger. "Ich habe dazu eine Zuneigung", sagte der neue Schulsenator. Allerdings wolle er einen "ergebnisoffenen" Dialog führen und verhärtete Fronten aufbrechen. Zwar will Böger bis zum Sommer eine Entscheidung in der Frage herbeiführen, aber keinen "Schnellschuss" produzieren, wie er betonte. "Zum Schuljahr 2000/2001 steht das nicht an."

Mit der Einführung eines obligatorischen Religionsunterrichts will Böger auch größeren Einfluss auf die religiöse Erziehung von muslimischen Kindern gewinnen. Bisher sei die Rechtslage so, dass islamische Gruppen Religionsunterricht anbieten könnten. Würde Religion jedoch Wahlpflichtfach, könne man größeren Einfluß darauf gewinnen, das sich der islamische Glaubensunterricht an den Werten des Grundgesetzes orientiere, so Klaus Böger. Dazu müßten entsprechende Pädagogen an den Universitäten ausgebildet werden. Damit wolle er das Bewußtsein für die Bedeutung von Wertevermittlung an der Schule schärfen. Obwohl der Schulsenator eine Entscheidung noch in dieser Legislaturperiode nicht ausschloss, stehe sie nicht in nächster Zeit an. Er wolle einen "ergebnisoffenen Dialog" mit allen Beteiligten, darunter Kirchen, Gewerkschaften und Lehrerverbänden führen.

Obwohl Böger mit seinem Vorstoß von der bisherigen Linie seiner Partei abweicht und auf den Koalitionspartner CDU zugeht, zeigt sich die SPD-Fraktion gelassen. "Über die hervorragende Bedeutung von Wertevermittlung an der Schule gibt es keinen Zweifel", sagte Fraktionssprecher Peter Stadtmüller. Bögers Angebot, mit allen Beteiligten Gespräche zu führen, gelte auch für die SPD-Fraktion. "Aufgeregtheiten wie in der vergangenen Legislaturperiode" wolle man aber vermeiden.

Zustimmung signalisierte auch die CDU. "Wir halten das für einen sinnvollen Ansatz", sagte der schulpolitische Sprecher des CDU-Landesverbandes, Stefan Schlede. Bisher gebe es an den Schulen nur Religionsunterricht oder Freizeit. "Das ist für uns keine Alternative", sagte Schlede. Die Wertevermittlung müsse in den Pflichtkanon der Schulen aufgenommen werden. Allerdings müsse es auch ein Angebot für muslimische Schüler geben. Nach Schledes Vorstellungen könnten Religion und Ethik zunächst in den ersten und den siebten Klassen verpflichtend angeboten werden, um dann in den übrigen Jahrgängen "durchzuwachsen". Dazu müßten allerdings die Ausbildungkapazitäten in den betreffenden Fächern erweitert werden.

Begrüßt wurden Bögers Vorstellungen auch von der evangelischen Kirche. "Das sind die Vorschläge, die wir schon lange auf den Tisch gelegt haben", sagte der Sprecher der evangelischen Landeskirche, Reinhard Stawinski. Religion gehöre zum umfassenden Bildungsprozeß. Mit der Alternative Ethik/Philosophie sei auch weiter die freie Wahlmöglichkeit gegeben. Scharfe Kritik an Bögers Überlegungen übte hingegen die stellvertretende GEW-Vorsitzende Sanem Kleff. "Für die Einführung dieser Wahlpflichtfächer gibt es weder eine pädagogische noch eine gesellschaftspolitische Begründung", sagte Kleff. Bögers Modell sei eine drastische Reduzierung auf den bekennenden Religionsunterricht und lasse keinen Raum für andere Angebote, etwa islamischen Unterricht. "Das geht an der pluralistischen Wirklichkeit dieser Stadt vorbei."

Auch der Humanistische Verband lehnt einen staatlich verordneten Werteunterricht weiterhin ab. "In Zeiten, in denen nur noch ein Drittel aller Berliner der Kirche angehört, und in einer multireligiösen Stadt ist Pflichtunterricht nicht das taugliche Mittel", sagte Referent Gerald Betz. Das Wahlrecht stamme noch aus Zeiten der Weimarer Republik und dürfe nicht über Bord geworfen werden. In Berlin erteilen etwa 400 Lehrer das Fach Lebenskunde an 300 Schulen - mit steigender Tendenz. "Bei einem solchen Angebot ist erst die Freiwilligkeit der Motor für den Unterricht", sagte Betz. Werde er zwangsweise verordnet, machten die Schüler innerlich dicht. Die Humanisten sind davon überzeugt, dass die Vermittlung von Religion oder Ethik / Philosophie gesellschaftliche Probleme nicht löse: "In den USA sind die Leute tiefreligiös, und dort ist Gewalt ein viel größeres Problem als bei uns." Offensichtlich sollen hier vor dem Verfassungsgerichtsurteil "Fakten geschaffen werden".

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