Zeitung Heute : Schulweg über die Grenze

Sie wollten, dass ihr behindertes Kind mit nichtbehinderten in die Schule geht. Bayern sagte nein, und Edmund Stoiber riet: „Dann wandern Sie doch aus!“ Sie haben’s getan.

Jörg Schallenberg[Villach]

Von Jörg Schallenberg,

Villach

Die rot-weiße Schultüte wird jetzt wieder im Flur der Ferienwohnung am Seeufer stehen. Gestern hat Miriam sie, weil es mit dem Greifen so schwer geht, zwischen Hand und Armbeuge geklemmt, als sie in ihrem Rollstuhl in das Klassenzimmer der Villacher Grundschule gefahren ist, wo 22 Klassenkameraden auf sie warteten. Dabei läuft das Schuljahr auch in Österreich schon seit zwei Monaten, dabei ist Miriam neun Jahre alt, dabei ist sie vor gut zwei Jahren bereits einmal in die Schule gekommen, und dabei wohnen ihre Eltern eigentlich gut 400 Kilometer entfernt vom österreichischen Villach in Diedorf bei Augsburg, mitten in Bayern. Aber dort, sagt Miriams Mutter Bernadette Bisle-Steinborn, „wollte uns keiner haben“.

Denn bei Miriam ist alles etwas anders. Sie leidet an einer geistigen Behinderung, deren genaue Bezeichnung die Familie erst vor zwei Jahren erfuhr: Das Rett-Syndrom, ein Gen-Defekt, tritt bei einem von etwa 10000 Mädchen auf. Nach dem Down-Syndrom ist es damit die zweithäufigste Ursache einer schweren Behinderung bei Mädchen, Jungen sind davon nicht betroffen. Miriam kann bis heute nicht laufen, nicht sprechen und nur mit Hilfe der Eltern sitzen und essen. Aber sie kann hören und sehen. Und sie scheint ganz schön neugierig zu sein. Dieser Besucher etwa, der ist spannend. Unaufhörlich verfolgen Miriams hellblaue Augen unter dem dunkelblonden Pony die Bewegungen des Reporters, und als der ein paar ihrer aufgerauten Lernbuchstaben zum Befühlen ausprobiert, lacht sie sich fast schlapp. Sie kann verstehen, und sie kann sich mit glucksenden Lauten auch verständlich machen.

Seit Jahren bemühen sich Bernadette Bisle-Steinborn und ihr Mann Hartmut deshalb um einen Platz in einer integrativen Grundschulklasse, in der Miriam zusammen mit nichtbehinderten Kindern unterrichtet wird. Im europäischen Ausland und den meisten anderen deutschen Bundesländern sind solche Modelle an der Tagesordnung. Bayern dagegen, teilt Staatsminister Erwin Huber mit, „favorisiert ein Modell vielfältiger integrativer Förderangebote, die dem speziellen Förderbedarf der Kinder besser gerecht werden. An eigenen Förderschulen unterstützen und helfen wir behinderten Kindern gezielt und bedarfsgerecht.“

Miriams Mutter ist da ganz anderer Ansicht: „Da fehlt jede Anregung von den normalen Kindern. Kinder mit einer Beeinträchtigung sitzen nebeneinander und können sich zum großen Teil überhaupt nicht verständigen. So geht es dann jahrelang.“ Das war zumindest ihr Eindruck, als Miriam ein Jahr lang die einzige Förderschule besuchte, die im Landkreis Augsburg existiert. „Da gab es zu wenig Pädagogenstellen, wir haben keinen Lehrplan bekommen, und sie musste täglich über zwei Stunden mit dem Bus fahren“, sagt Bernadette Bisle-Steinborn, „das mutet man Kindern zu, die eine gekrümmte Wirbelsäule haben und ohnehin viel weniger belastbar sind.“ Als die Schule zu Beginn des zweiten Jahres dann noch das Mittagessen strich, „da hat die Mutter zum Telefonhörer gegriffen und gesagt, dass die Tochter nicht mehr kommt“.

Die energische 50-Jährige redet sich heiß, wenn sie davon erzählt, doch wo einst Wut gewesen sein muss, klingt nun zunehmend Resignation durch. All die wissenschaftlichen Studien darüber, wie sinnvoll integrativer Unterricht für behinderte, aber gerade auch für nichtbehinderte Schüler sein kann, all die Pädagogen und Professoren, die diesen Ansatz befürworten, all die Artikel, Filme und Adressen, die Bernadette Bisle-Steinborn dem Reporter beim Abschied in die Hände drückt, „was nützen die schon, wenn man in Bayern wohnt? Die Integration ist dort einfach nicht erwünscht, und ich weiß bis heute nicht, warum.“ Deshalb ist die Familie jetzt nach Österreich gezogen, wo sie schnell einen Schulplatz für Miriam bekamen. In den Süden wollten sie deshalb, weil das Klima dort für Miriam gesünder ist. Auch Italien war im Gespräch, beinahe wäre Miriam in Rimini zur Schule gegangen. Wegen der Sprache entschied man sich dann aber für Villach.

„Endlich weg von den blöden Bayern, gell, Miriam“, sagt Bernadette Bisle-Steinborn und lacht, während sie ihre Tochter mit einem Stück Himbeerkuchen füttert, „die wollten uns doch sowieso nicht mehr haben.“ Das hat ihr sogar der Ministerpräsident persönlich gesagt. Im März dieses Jahres waren Mutter und Tochter auf einer Wahlkampfveranstaltung der CSU in Augsburg. Dort verteilte Edmund Stoiber gerade Autogrammkarten an ältere Damen, als sich Bernadette Bisle-Steinborn zu ihm durchdrängte. „Tut mir ja Leid, wenn ich die Omas zur Seite geschubst habe, aber es hieß schließlich, er würde den Bürgern Rede und Antwort stehen.“ Als sie Stoiber erreicht hat, kommt es zu einem kurzen Dialog: „Warum schaffen Sie nicht endlich landesweit Integrationsklassen?“ – „Sie wissen doch, dass das nicht möglich ist.“ – „In allen SPD-regierten Ländern ist das schon seit 20 Jahren möglich.“ – „Dann wandern Sie doch aus.“

Stoibers PR-Berater bemerken sofort den Fehler ihres Chefs. In einem Schreiben bedauert Stoiber Wochen später „das Missverständnis“, zu dem es „im Trubel der Wahlkampfveranstaltung“ offenbar gekommen sei. Außerdem bekam Familie Bisle-Steinborn einen Termin in der Staatskanzlei. Dort erwartete sie Kultusministerin Monika Hohlmeier zu einem Gespräch, bei dem Edmund Stoiber auch kurz vorbeischaute. Die Angebote der Ministerin konnten die Familie aber nicht überzeugen: „Auf unsere Wünsche sind sie überhaupt nicht eingegangen. Erst haben sie uns Hausunterricht vorgeschlagen, aber nur für kurze Zeit, später dann einen Platz in der Außenklasse einer Förderschule für Behinderte, die an eine Hauptschule bei Augsburg angeschlossen werden sollte. Mit Integrationsklassen, wo immer zwei Pädagogen dabei sind und wo die ganze Unterrichtsform auf das Miteinander ausgerichtet wird, hatte das nichts zu tun.“ Also ist Bernadette Bisle-Steinborn mit ihrer Tochter dem Rat des Landesvaters gefolgt, ist ausgewandert und zunächst mal in eine Ferienwohnung eingezogen. Ihr Mann Hartmut ist nicht mitgekommen. Er kümmert sich in Diedorf um den 88-jährigen Vater.

Von Bayern nach Kärnten – da wundern sich viele, bedeutet es doch auch von Stoiber zu Haider. Die Schulpolitik in Österreich freilich ist seit Jahren auf Integration ausgerichtet. In Kärnten besuchen mehr als zwei Drittel aller behinderten Kinder eine Integrationsklasse. Wichtiger noch findet Bisle-Steinborn, „wie offen ich hier aufgenommen wurde, wie bereitwillig die Lehrer auf Fragen antworteten.“ Dabei blickt sie zu Miriam, und die lacht von einem Ohr zum anderen.

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