Zeitung Heute : Schutz für die Kinderlunge

Dr. WEWETZER fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Was die Pneumokokken-Impfung bringt

Hartmut Wewetzer

Ich kann mich noch ziemlich gut an die Lungenentzündung meines Sohnes erinnern. Er war noch keine zwei Jahre alt. Lange hatte der Kinderarzt mit einer Klinikeinweisung gezögert, die Infektion unterschätzt. Und dann war es plötzlich höchste Eisenbahn, die Behandlung im Krankenhaus die einzige Möglichkeit. Alles ist noch einmal gut gegangen. Infusionen und ein Antibiotikum haben meinem Sohn das Leben gerettet, daran gibt es wenig Zweifel. Vor 100 Jahren hätte er wohl keine Chance gehabt.

Die ganze Geschichte ist jetzt schon mehr als zehn Jahre her, und seitdem gibt es eine wichtige Neuerung. Seit einigen Jahren kann man sein Kind gegen Pneumokokken impfen lassen. Pneumokokken sind Bakterien. Sie sind zu rund 85 Prozent die Ursache von durch Bakterien hervorgerufenen Lungenentzündungen bei Kindern und können zudem die Hirnhäute, das Mittelohr und die Nebenhöhlen befallen. Zusammen mit dem Grippeerreger, dem Influenzavirus, sind die Pneumokokken die gefährlichsten Krankheitserreger bei Kindern. Die Impfung verleiht keinen völligen Schutz, verringert aber deutlich das Risiko, an einer Lungenentzündung zu erkranken oder zu sterben.

Amerikanische Wissenschaftler haben nun eine erste Bilanz der Impfung gezogen. Carlos Grijalva von der Vanderbilt-Universität in Nashville und sein Team verglichen die drei Jahre vor Einführung der Impfung im Jahr 2000 mit den ersten drei Jahren danach. Ihr Maßstab war, wie häufig Kinder unter zwei Jahren wegen Lungenentzündung ins Krankenhaus eingewiesen wurden – so wie damals mein Sohn, den vermutlich auch die Pneumokokken erwischt hatten.

Das Ergebnis der Untersuchung, das nun im Fachblatt „Lancet“ veröffentlicht wurde, ist eindeutig. Die Zahl der Einweisungen wegen Lungenentzündung ging um fast 40 Prozent zurück. 2004 waren das immerhin etwa 41 000 Krankenhausbehandlungen weniger.

Die Impfung hat noch einen interessanten Nebeneffekt, den Mediziner als Herdenimmunität bezeichnen. Das heißt, dass auch Nichtgeimpfte von der Impfung profitieren. Denn in der Untersuchung zeigte sich, dass in der Gruppe der 18- bis 39-Jährigen die Einweisungen wegen Lungenentzündung um fast 25 000 Fälle pro Jahr zurückgingen – obwohl diese Personen diese Impfung nicht bekommen hatten. Eine der Ursachen für diesen Rückgang könnte sein, dass geimpfte Kinder ihre Eltern nicht mehr mit Pneumokokken anstecken können.

„Der Rückgang von Lungenentzündungen in geimpften und nichtgeimpften Bevölkerungsgruppen illustriert, wie der Wert des Impfstoffs die Erwartungen bei weitem übertrifft“, kommentiert der Gesundheitswissenschaftler Orin Levine von der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore die Studie. Allerdings gilt es, weiterhin wachsam zu bleiben. Denn die Impfung schützt nicht gegen alle Pneumokokkenstämme. Damit die alten Bösewichte nicht durch neue ersetzt werden, gilt es, wachsam zu bleiben. Vielleicht muss der Impfstoff deshalb irgendwann an andere Keime angepasst werden.

Unser Kolumnist leitet das Wissenschaftsressort des Tagesspiegels. Haben Sie eine Frage zu seiner guten Nachricht?

Bitte an: Sonntag@Tagesspiegel.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar