Schutzengel : Das kleine Mädchen und die Markise

Ob es wohl geschrien hat, gellend, markerschütternd? Bestimmt hat es geschrien, panisch, voller Angst, als es aus der siebten Etage eines Pariser Wohnhauses stürzte, in die Tiefe, ins Bodenlose, in den Tod. Und als es schrie, schauten da Passanten erschrocken nach oben? Bestimmt schauten sie hoch und erstarrten im Schock, weil da ein kleines Kind durch die Luft flog, erst 18 Monate alt, wie sich hinterher herausstellte. Die siebte Etage, das mögen, je nach Bauweise an die 40 Meter sein. So einen Sturz überlebt nur James Bond.

Inzwischen gibt es sogar wissenschaftliche Untersuchungen, welche Stunts und halsbrecherischen Aktionen des Geheimagenten Ihrer Majestät physikalisch überhaupt möglich sind. Viele sind es nicht. Und das richtige Leben hält keine Sicherheitszäune bereit, keinen doppelten Boden, im richtigen Leben lässt sich auch der Physik kein Schnippchen schlagen. Dann, wenn keine Kamera an ist und kein Regisseur das Geschehen koordiniert, dann reißt die Schwerkraft so ein 18 Monate altes Mädchen aus der siebten Etage eines Pariser Wohnhauses in den Tod.

Es gibt dazu auch keine wissenschaftlichen Untersuchungen, schon gar nicht, wie Mensch sich vor so einem schrecklichen Ereignis feien kann. Wir nehmen stattdessen Zuflucht ins Metaphysische und flehen nach dem Schutzengel.

Das kleine Pariser Mädchen hatte einen Schutzengel. Einen mit übergroßem Herzen, von zupackendem Wesen und mit Sinn für Slapstick, wie er bei Stan Laurel und Oliver Hardy vorkommt oder in ähnlichen Klamotten der Filmgeschichte. Das kleine Mädchen flog, es schrie, Passanten schauten entsetzt in die Höhe. Oh, wunderbares Paris, liebreizendes Paris, mit seinen Straßencafés, den Tischchen und Stühlen vor Häusern. Und mit seinen Markisen, die aus Schutz vor Sonne oder Regen über Tische und Stühle gespannt sind.

Und auf so einer Markise landete das kleine Mädchen. Dann wurde es wie auf einem Trampolin wieder nach oben geschleudert. Ob da das Leben schon wieder jauchzte, wie kleine Kinder jauchzen, wenn sie auf Trampolinen hüpfen? Grund genug hätte das Leben für Jauchzer, wenn aus todernst plötzlich ein Spaß wird. Am Ende schließlich landetet das kleine Mädchen sicher in den Armen eines Passanten. Gänzlich unverletzt. „Es war reiner Zufall“, sagte der Passant, „ich war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort“. Und der Schutzengel war es auch.Helmut Schümann

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