Zeitung Heute : Schwächen zeigen

Von Elisabeth Binder

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IMMER WIEDER SONNTAGS

Foto: Pavel Sticha

Vor vielen Jahren, nicht lange nach der Wiedervereinigung, wollte ich über ein vorbildliches Jugendprojekt in den neuen Bundesländern berichten. In dem Zusammenhang rief ich einen West-Unternehmer an und fragte ihn, mit welcher Summe er dieses Projekt fördere. „Gern“, sagte er. „Wann können Sie kommen?“ Eigentlich hätte er mir die Summe am Telefon nennen können, das hatte ich auch erwartet. Aber aus Neugier ließ ich mich dennoch auf einen Termin ein. In der Unternehmenszentrale war dann im Konferenzraum eine Tafel für circa zwölf Leute gedeckt. Als Dirigent und Obermoderator trat der befragte Unternehmer auf. Nachdem er mir eine dreiviertel Stunde lang seine wahnsinnige Wichtigkeit und seinen außerordentlichen Apparat vorgeführt und ich mich gebührend beeindruckt gezeigt hatte, durfte ich mit der gewünschten Zahl von dannen ziehen. Wenn ich mich recht erinnere, handelte es sich um 20 000 Mark, eine schöne Hoffnungsspritze für das Projekt, ein Erdnusskrümel für besagtes Unternehmen.

Es waren die Jahre, in denen man eine besondere Sensibilität für die Unterschiede zwischen Ossis und Wessis pflegte, und dieses Beispiel markierte in meinen Augen eine besonders gravierende Differenz. Wessis, besonders solche, die in konservativen Unternehmen und Banken Karriere machten, waren früh darauf gedrillt, ordentlich auf die Trommel zu hauen und ohne Ende Räder zu schlagen. Ohne die Maske des unschlagbaren Siegertypen kamen sie meist gar nicht erst am Pförtner vorbei, geschweige denn auch nur in den Job eines einfachen Büroboten hinein. Je mehr Hemmschwellen einer um sich verbreiten konnte, je einschüchternder der (Menschen-)Apparat, den er scheinbar lässig bediente, desto größer die Ehrfurcht des Umfeldes und damit die Chance, sich unangesägt eine Weile in höheren Karrieresphären halten zu können.

Ossis wirkten dagegen manchmal geradezu kindlich in ihrer vergleichsweise unprätentiösen Art des Auftretens, in der Offenheit und Herzlichkeit, mit der sie sich ungeniert ins Tageslicht trauten. Die Jahre haben vieles relativiert, aber am Anfang fand ich den Umgang mit Gesprächspartnern aus den neuen Bundesländern gerade darum angenehm. Weil man nicht ständig dieses anstrengende Ehrgeizspiel spielen musste, in dem es im Grunde nur darum geht, dem anderen mehr zu scheinen, als man eigentlich ist. Außerdem wirkt mitunter nichts so erfrischend, wie ein paar ehrliche Sätze, zum Beispiel über Schwächen, die einer zugibt. Erst ist man total verblüfft, aber der Sympathiegewinn, der daraus resultieren kann, macht die Schwächen dann lässig wett und garantiert mitunter einen größeren Erfolg als wetteiferndes Zähnefletschen.

Sonntag ist der Tag der Muße, also der Tag, an dem man Neues ausprobieren kann. Trauen Sie sich doch mal ungeschminkt auf die Straße. Ja, auch die Top-Typen sind gemeint, die sich nie an den Tiegeln ihrer Gefährtinnen vergreifen würden, schon weil ihr eigenes unsichtbares Make up stahlhart wie eine Rüstung ist. Furcht zu erregen, mag nützlich sein im Kampf um Posten und Umsätze. Sympathie zu wecken, bringt einen mitunter aber weiter. Auf Umwegen, mag sein. Aber dafür sind Sonntage ja da, dass man nach neuen Horizonten Ausschau hält.

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