Zeitung Heute : Schwalben im Winter

Demos in Minsk: Anfang oder Ende der Revolution?

Thomas Roser[Minsk]

Es ist kalt, wieder fällt Schnee, aber aus den Boxen von der Freitreppe des Gewerkschaftshauses schallen sommerliche Reggae-Rhythmen über den Minsker Oktoberplatz. Mit ineinander verhakten Armen haben mehrere Dutzend Jugendliche einen schützenden Ring um das kleine Camp von 15 Zelten gebildet. Eine junge Frau bietet den frierenden Demonstranten zum Frühstück selbst gemachte Kartoffelreibekuchen und Kaffee an.

Die ganze Nacht hat der langhaarige Student mit den rot geränderten Augen auf dem Minsker Oktoberplatz gewacht. Er habe keine Angst mehr, verhaftet zu werden, sagt der 24-Jährige. Er will nur noch schlafen: „Heute Abend will ich zur Demonstration wieder auf dem Platz sein.“ Pawel Litweski, ein anderer Student, erzählt, er habe in der Nacht vergeblich versucht, zu dem von der Miliz abgeriegelten Lager zu gelangen. Erst am Morgen ist es ihm gelungen. „Wir stehen hier für unsere Rechte, unsere Wahl – und um den Menschen zu zeigen, wo sie sein sollten.“

Schon den dritten Tag halten in der weißrussischen Hauptstadt die Proteste gegen die Fälschung der Präsidentenwahl an. Doch obwohl sich in den letzten beiden Tagen Tausende zu den größten Demonstrationen seit zehn Jahren versammelten, fällt es der Opposition schwer, ihre Proteste gegen den autoritären Staatschef Alexander Lukaschenko zu einer Massenbewegung auszuweiten. Mit der Situation vor der ukrainischen Orangen-Revolution 2004 sei die Lage in Weißrussland kaum zu vergleichen, sagt Litweski. „In Weißrussland herrscht eine echte Diktatur. Wir haben viel weniger Möglichkeiten, den Leuten die Zustände aufzuzeigen.“ Wusste die Opposition in der Ukraine im Winter 2004 zumindest einen Teil der Parlamentarier, Regionen, Kommunen und des Beamtenapparats hinter sich, ist der weißrussische Staat praktisch auf allen Ebenen gleichgeschaltet.

In der Nacht zum Dienstag ließen KGB und Miliz wieder die Muskeln spielen. Am frühen Morgen nehmen die Sicherheitskräfte den Chef der Vereinigten Bürgerpartei, Anatoli Lebedko, fest. Im Morgengrauen wird Alexander Janukowitsch inhaftiert, der Wahlkampf-Organisator des Präsidentschaftskandidaten Alexander Milinkewitsch. Auch die Verhaftung des Physikprofessors Milinkewitsch gilt in Minsk nur noch als Frage der Zeit. Seine beiden Söhne sind schon seit Montagabend verschwunden. „Lukaschenko lässt die Demonstrationen noch ein wenig laufen – und sobald wir unsere Kameras abgebaut haben und nach Hause fahren, macht er kurzen Prozess“, sagt eine russische TV-Journalistin am Oktoberplatz.

Das Wichtigste sei, die Angst in den Köpfen der Menschen gebrochen zu haben, sagt Milinkewitsch: „Unser Protest wird lang und stark.“ Am Dienstag allerdings flaute die Zahl der Demonstranten erst einmal ab. Doch angesichts der unerbittlichen Repression waren schon die 5000 bis 10 000 vom Wochenende ein Erfolg, auch wenn die meisten Passanten gleichgültig am Camp der Protestierenden vorbei zur U-Bahn hasten.

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