Zeitung Heute : Schwarz. Rot. Geil?

Axel Vornbäumen schiebt einen Patriotismus-Quickie ein

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Heute, 16 Uhr, Berlin, Olympiastadion, geht’s gegen Ekuador. Wenn wir die weghauen, dann wird, jede Wette, hier zu Lande alles noch eine Spur „schwarz-rot-geiler“, als es nach dem Polen-Spiel ohnehin schon war. Höchste Zeit eigentlich, schnell noch einen Patriotismus-Quickie einzuschieben, oder nicht? Schließlich wird ein Mann doch auch mal seinen Spaß haben dürfen.

In Halle an der Saale läuft das auch nicht anders als in vielen anderen Städten: Der Puff liegt in Sichtweite des Bahnhofs. Er heißt X-Carree. Christine Conrad, die Chefin des Etablissements, hat im Sommer vor zwei Jahren mal ein paar Tage lang die Schlagzeilen der Boulevardpresse bestimmt, weil ausgerechnet sie im Internet eine Deutschlandfahne ersteigerte, die zuvor mal auf dem Reichstag geweht hat. Frau Conrad hat das imposante Teil dann am Dach anbringen lassen, gut sichtbar, so wie das in diesen Tagen vielfach bei Eigenheimen üblich geworden ist. Die Kunden fanden’s, nun ja, geil. Die Nutten auch, schon um die Kunden nicht zu verprellen. Kurzum: Im und um das X-Carree war reger Verkehr damals. Der Puff war in aller Munde. Das konnte nicht lange gut gehen. Ein paar Moralapostel echauffierten sich, dass eine Deutschlandfahne ein Bordell nicht zieren dürfe. Kleinkariert, fand Christine Conrad das damals, gab aber irgendwann, als ihr der Trubel zu viel wurde, nach und verkaufte die Fahne weiter. Sie weht nun in Augustdorf.

Im kleinen Hinterhof des X-Carree haben sie wegen der WM jetzt einen Fernseher aufgestellt und eine Torwand wie im ZDF-Sportstudio. Für zehn Euro hat man zweimal sechs Schuss frei. Das Geld wird für krebskranke Kinder gespendet. Wer viermal trifft, kann zwischen einer Flasche Schampus und einer halben Stunde mit einer der Damen des Hauses wählen. So oft hat aber noch keiner getroffen, vermutlich aus Nervosität. Bei fünf Treffern erhöht sich die Entspannungszeit auf eine Stunde, bei sechs Treffer gibt’s die „Dame“ drei Stunden gratis, außerdem kann man dann noch zwölf Freunde mitbringen, die eine ganze Nacht lang in der Bar des Hauses frei trinken dürfen. „Wir haben uns gedacht“, sagt Christine Conrad, „dann ist’s auch schon egal“. Die Deutschlandfahne von damals hätte das alles schön abgerundet, wahrscheinlich würde sich heute im allgemeinen schwarz-rot-goldenen Trubel kein Mensch mehr aufregen. Vielleicht war die Zeit einfach noch nicht reif, damals. Wir schauen mal, wie es in Perleberg aussieht.

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