Zeitung Heute : Schwarz vor Augen

Eine geheime Untersuchung der US-Armee belegt: Amerikanische Soldaten haben irakische Gefangene misshandelt und gequält. Von den Regeln der Genfer Konvention haben sie keine Ahnung. Und angestiftet wurden sie von Offizieren, die aus Guantanamo kamen.

Malte Lehming[Washington]

Die Reflexe jedenfalls funktionieren. Großflächig und gründlich bereiten die amerikanischen Medien den Folter-Skandal aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib auf. Was geschah im Hochsicherheitstrakt 1 A? Immer mehr Details werden bekannt. Klar ist: Die Misshandlungen, die am vergangenen Mittwoch erstmals der TV-Sender CBS dokumentierte, waren weder ein Einzelfall noch geschahen sie im Effekt. In Shakespeares Hamlet heißt es: „Ist es Wahnsinn, so hat es doch Methode.“ Dieser desillusionierende Stoßseufzer, mit Entsetzen gemischt, beherrscht auch die Kommentare. Keiner versucht, den Skandal kleinzureden.

Der Reporter Seymour Hersh ist dafür bekannt, am Tiefsten im Schlamm zu buddeln. Auch er saß offenbar an der Geschichte. Doch CBS kam ihm zuvor. Also beschloss das Magazin „The New Yorker“, für das Hersh schreibt, dessen Artikel „Torture at Abu Ghraib“ am Wochenende vorab ins Internet zu stellen. Hersh liegt eine geheime interne Untersuchung der US-Armee vor. Sie umfasst 53 Seiten, datiert auf Ende Februar. Darin werden bereits eine Reihe von sadistischen Misshandlungen irakischer Gefangener aufgeführt. Zu den Praktiken gehörte unter anderem, chemische Leuchtstäbe zu zerbrechen und die Phosphorflüssigkeit über die Inhaftierten zu gießen, sie mit Besenstil und Stuhl zu schlagen, ihnen mit Vergewaltigung zu drohen. Mindestens ein Häftling sei mit einem Leuchtstab und „wahrscheinlich einem Besenstil“ sexuell misshandelt worden. Der Untersuchungsbericht wurde vom Oberkommandierenden im Irak, General Ricardo Sanchez, autorisiert.

Hersh beschreibt ein Gefängnissystem, in dem kaum noch Regeln gelten. Das Gefängnis selbst ist überfüllt. Die Bewacher sind Reservisten, von denen nur wenige Erfahrung in dem Metier haben. Die Genfer Konvention oder andere internationale Vertragswerke sind ihnen unbekannt. Der Hochsicherheitstrakt, in dem offenbar das Gros der Misshandlungen stattfand, wurde im Prinzip von Mitgliedern des US-Militärgeheimdienstes kontrolliert. Sie sollen die Reservisten zu den Misshandlungen ermuntert haben. Einer der sechs Soldaten, gegen die inzwischen strafrechtlich ermittelt wird, schrieb seinem Onkel im Januar eine Email: „Einige Dinge, die ich sah, stellte ich in Frage.“ So seien Häftlinge ganz nackt oder in Frauenunterwäsche in ihre Zellen gesperrt worden. Die Antwort, die der Soldat erhielt, lautete: Das seien die üblichen Praktiken des Militärgeheimdienstes. Es kam auch vor, dass „wir einen Gefangenen in eine Isolationszelle steckten, mit wenigen oder gar keinen Kleidungsstücken, keiner Toilette, keinem fließenden Wasser, keiner Ventilation, keinem Fenster". Einige Gefangene hätten drei Tage lang so verharren müssen.

Zu überforderten, verführbaren Reservisten und skrupellosen Geheimdienstlern kam erschwerend hinzu, dass auch Privatunternehmen mit den Verhören beauftragt wurden. Mindestens zwei Firmen, „Titan“ aus Kalifornien und „CACI“ aus Virginia, hatten entsprechende Verträge. Armee-Geheimdienstler, CIA und private Sicherheitskräfte verlangten von den Bewachern, die „physischen und mentalen Bedingungen für ein erfolgreiches Verhör“ zu schaffen, wie es ein Zeuge in dem internen Untersuchungsbericht beschreibt.

Bestätigt wird der Verdacht der Anstiftung von der verantwortlichen Brigadegeneralin, Janis Karpinski. Sie wurde vom Dienst suspendiert und äußerte sich am Sonntag zum ersten Mal zu den Vorwürfen. Demnach kamen einen Monat vor den Misshandlungen mehrere Offiziere des Militärgeheimdienstes aus Guantanamo nach Abu Ghraib. „Ihre Haupt-Mission war es, die Befrager mit neuen Techniken vertraut zu machen, wie sie mehr Informationen von den Inhaftierten erhalten.“ Sie selbst, bereut Karpinski heute, hätte Verdacht schöpfen müssen, als die Geheimdienstler „alles versuchten, um das Rote Kreuz von dem Trakt fern zu halten“.

Die Gefangenen in Abu Ghraib erlitten diverse „sadistische, eklatante und böswillige kriminelle Misshandlungen“, heißt es in dem internen Untersuchungsbericht. Je mehr bekannt wird von dem Skandal, desto düsterer werden die Ahnungen.

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