Zeitung Heute : Schwarze Balalaika

SCHLOSSPARK-THEATER Jasmin Wagner spielt die tödlich verunglückte Schlagersängerin Alexandra

Kürzlich saß Jasmin Wagner in einem Hamburger Café und studierte das Textbuch der Produktion, die sie gerade probt, „Alexandra – Glück und Verhängnis eines Stars“. Sie spielt die Hauptrolle, wofür sie sich die Haare kürzer schneiden ließ und Gitarrespielen gelernt hat. Eine Frau sprach sie an, aha, Alexandra, sie könne sich noch genau an den Tag erinnern, als die Sängerin gestorben sei, den 31. Juli 1969. Zusammen mit ihrer Schwester sei sie damals sogar an den Unfallort gefahren. Wagner sagt, da habe sie ein Gefühl für den Schock bekommen, den Alexandras Tod im elfenbeinfarbenen Mercedes-Coupé damals ausgelöst haben müsse. So wie ja unlängst alle, die ihre Musik kannten, über das Schicksal von Amy Winehouse betroffen gewesen seien: „Ein junger Mensch mit solchem Talent, der eigentlich alles noch vor sich hat - und zack, ist es vorbei.“

Alexandra hat Lieder wie „Mein Freund der Baum“ und „Zigeunerjunge“, vor allem aber Rätsel hinterlassen, die natürlich auch Wagner beschäftigen. „Weshalb fährt sie trotz der Stoppschilder ungebremst auf eine Kreuzung? Weshalb kauft sie sich eine Grabstätte und macht ihr Testament, mit 27 Jahren? Ich habe mit 31 jedenfalls noch keins gemacht“. Um die Ungereimtheiten und Verschwörungstheorien in Zusammenhang mit Alexandras Tod kreist das Stück von Michael Kunze indes nur am Rande. Im Mittelpunkt stehen ihr beschleunigtes Leben, die zumeist unglücklichen Lieben und, klar, die Musik. „Sie hatte den Glauben“, ist Wagner überzeugt, „dass ihre Lieder wirklich etwas bewegen“.

Jasmin Wagner ist ja selbst Musikerin. Nicht nur das, sie war die erfolgreichste deutsche Sängerin der 90er-Jahre, Millionen Platten hat sie verkauft, wobei ihr damaliger Künstlername, „Blümchen“, im Gespräch heute kein einziges Mal mehr fällt. Schon seit über zehn Jahren kennt man sie nun als Solokünstlerin unter bürgerlichem Namen, als Schauspielerin im Fernsehen und auf der Bühne, an den Hamburger Kammerspielen etwa. Sie wird nicht versuchen, Alexandras Timbre nachzuahmen, das Stück werde ja „keine Covershow“. Aber sie will die Leidenschaft nachempfinden, die Alexandra in ihre Songs legte. Und dass sie die Welt bestens kennt, in der die Folk- und Schlagersängerin sich bewegte, die Wechselspiele aus Selbst- und Fremdbestimmung, wird dem Abend auch zugutekommen.

„Da sitzen diese Musikbranchenzampanos mit dir am Tisch, Vertreter von Plattenfirma, Verlag, Promotion, und diskutieren über deinen Kopf hinweg – schreckliches Gefühl“, sagt Wagner. Solche Runden habe sie regelmäßig verlassen. Auch dass Alexandra ihren großen Hit „Sehnsucht“ nur ein einziges Mal live gesungen hat, weil sie wegwollte von der Melancholie-Folklore, kann Wagner verstehen. Sie hatte selbst mal so ein Lied, das sie eigentlich gar nicht veröffentlichen wollte. „Aber man hat ja trotzdem eine gewisse Macht. Wenn man nicht mitspielt, bricht auch alles zusammen.“ Wo die Parallelen zur Alexandra-Biografie an Grenzen stoßen? „In der Männerwahl ist sie mir ganz unähnlich“, entgegnet Wagner. „Dieses Kopflose-sich-in- Dinge-Reinstürzen - dafür bin ich zu sehr Hanseatin.“

Jasmin Wagner strahlt ein angenehm uneitles Selbstbewusstsein aus. Keine Spur von Künstlerinnenallüre. Um das Jahr 2000, nach der ersten großen Karriere, hätte sie sich auch vorstellen können, gar nicht mehr im Rampenlicht zu stehen. Suchte Abstand in Asien, begann in den USA ohne konkrete Absichten ein Schauspielstudium. Und merkte dann, dass die Jahre des Wirbels sie nicht verändert hatten, dass eine Rückkehr möglich wäre, nicht nur als Alleinunterhalterin, sondern vor allem im Theaterteam. „Auf der Bühne zu sein“, sagt sie und lächelt, „fühlt sich für mich einfach selbstverständlich an.“ PATRICK WILDERMANN

Premiere 15.10., 20 Uhr

16. und 26.-29.10., jeweils 20 Uhr

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