Zeitung Heute : Schwarze Beeren zu Schuhcreme

Alte Nutzpflanzen helfen den Alltag zu meistern

Dagmar Thiel ddp

Bevor sie ihre schwarzen Lederschuhe mit zerquetschten Holunderbeeren einrieb, war Gertrud Scherf durchaus skeptisch. Der Botaniker Troost empfahl 1884 die stark färbenden Früchte des Schwarzen Holunders als Schuhputzmittel. „Es funktioniert aber tatsächlich. Einfach einige Beeren auf den Schuhen verreiben. Sie sind geruchlos und geben dem Leder einen tiefschwarzen Glanz“, sagt die Autorin, die viele Verwendungsmöglichkeiten von Nutzpflanzen in einem Buch zusammengetragen hat („Alte Nutzpflanzen wieder entdeckt. Färberginster, Pfeifengras, Seifenkraut & Co“).

Gerade im Herbst sind viele Pflanzenfrüchte reif, die nicht nur im Garten schön aussehen, sondern auch im Haushalt nützlich eingesetzt werden können. Pflanzen wurden einst zum Färben und Reinigen von Wäsche, zur Abwehr von Schädlingen, als Ersatz für rare Nahrungs- und Genussmittel oder als Spielzeug für Kinder verwendet. So dienten getrocknete Birkenblätter als Tabakersatz, ausgehöhlte Holunderzweige wurden zu tollen Blasrohren für Kinder. „Das meiste ist leider in Vergessenheit geraten“, bedauert Scherf. Das liege auch daran, dass Informationen oft nur mündlich weitergegeben worden seien. Heute wüssten nur noch wenige alte Menschen, wie vielfältig Nutzpflanzen verwendet werden könnten.

Als synthetische Farben und Waschmittel aufkamen, gerieten die Arbeitsweisen mit Pflanzenstoffen langsam in Vergessenheit. „Schon Anfang des 20. Jahrhunderts ist diese Tradition abgebrochen“, sagt Scherf. Von der einst unverzichtbaren Nutzung vieler heimischer Pflanzen künden heute nur noch Namen wie Besenheide, Färberginster, Glaskraut, Korbweide oder Zinnkraut. „Das Problem ist, dass die Herstellung von Produkten aus Nutzpflanzen oft eine Hundearbeit macht“, räumt Scherf ein. Trotzdem sei es eine schöne Sache, Mittel selbst herzustellen, zumal die meisten Nutzpflanzen im eigenen Garten wüchsen. Meist wird nicht die gesamte Pflanze verwendet, sondern nur Teile davon, zum Beispiel beim Seifenkraut der Wurzelstock fürs Waschen, beim Färberginster die Blüten und jungen Zweige für das Einfärben oder beim Pfeifengras der Halm zur Pfeifenreinigung. Gertrud Scherf hat Anleitungen aus verschiedenen, zum Teil mittelalterlichen Quellen zusammengetragen und selbst ausprobiert. Gute Ergebnisse hat sie zum Beispiel mit dem Färben von Ostereiern erzielt: Die Farbe Gelb gewinnt sie aus den getrockneten Blüten der Färberkamille, Braun aus getrockneten Walnussblättern, Violett aus getrockneten Heidelbeeren oder Grün aus getrockneten Brennnesselblättern. Eine Waschbrühe aus Efeu- oder Seifenkraut ist besonders geeignet für dunkle Textilien aus Wolle oder Seide, deren Farben aufgefrischt werden.

Ältere Menschen erinnern sich noch aus Kriegszeiten wohl mit eher unguten Gefühlen an Kaffee-Ersatz. Für Eichel-Kaffee sollten im Herbst die frisch abgeworfenen Früchte eingesammelt werden, bevor sie sich verfärben. „Eichel-Kaffee schmeckt wegen der vielen Gerbstoffe sehr herb, allerdings soll er laut Sebastian Kneipp auch sehr gesund sein“, sagt Scherf. Auch wenn nicht alles gut schmeckt oder nur mit viel Aufwand herzustellen ist, liegt ihr vor allem daran, alte Methoden nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Dagmar Thiel/ddp

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