SCHWARZE KOMÖDIE„Cassandras Traum“ von Woody Allen : Die Mausefalle

Christina Tilmann

In griechischer Mythologie sind die beiden nicht die Besten. Bei einem Boot namens „Cassandras Traum“ hätte man sich schon denken können, dass nicht alles gut gehen würde – hat die trojanische Seherin doch stets nur Unheil vorhergesehen.

Doch auch in BWL hätten die beiden ungleichen Brüder Ian (Ewan McGregor) und Terry (Colin Farell) vielleicht besser aufpassen sollen. Nicht, dass sie nicht genug mit Geld zu tun hätten: Ian, der im Restaurant seines Vaters jobbt, schmiedet unentwegt Business-Pläne, wie man mit Beauty-Hotels in Kalifornien das große Geld machen könnte. Und der labilere Terry finanziert seinen erhöhten Alkoholbedarf durch exzessive Pferdewetten – und leiht sich gelegentlich für eine Spritztour einen Oldtimer aus seiner Autowerkstatt aus.

„Cassandras Dream“, Woody Allens dritter London-Film, ist ein Ausflug in die Welt der britischen Arbeiterklasse – ein Ausflug, der es beinahe nicht in die deutschen Kinos geschafft hätte. Nach eher mäßiger Resonanz 2007 beim Filmfestival von Venedig war vom deutschen Verleih zunächst geplant, den Film nur noch als DVD herauszubringen. Und wahr ist: Über die britische Arbeiterklasse erfährt man in Filmen wie Mike Leighs gefeiertem „Happy Go-Lucky“ ungleich mehr (immerhin spielt Sally Hawkins, die großartige Poppy aus „Happy Go-Lucky“, in „Cassandras Traum“ eine Nebenrolle). Typischer für London waren Allens vorangegangene Filme „Match Point“ (2005) und „Scoop“ (2006) auch.

Andererseits: So schlecht ist „Cassandras Traum“ dann doch wieder nicht, und für einen Film von Woody Allen überraschend düster. Die altbekannte Geschichte von der Sehnsucht nach Aufstieg und schnellem Geld, der klassische amerikanische Tellerwäscher-Traum, verwandelt sich für die Jungs in den tristen Arbeitervororten Londons zur existenziellen Mausefalle. Da ist nichts zu spüren von der spielerisch-melancholischen Lebenskünstler-Allüre, die der Alltagsphilosoph Woody Allen sonst gern kultiviert. Seine Vision der Chancen eines Selfmade-Manns von heute ist rabenschwarz, führt in Ruin, Depression und Mord. Nicht einmal der sprichwörtliche Onkel aus Amerika (Tom Wilkinson) kann mehr helfen. Mag sein, dass London für amerikanische Filmemacher wie Woody Allen ein Traum ist. Für Jungs wie Ian und Terry ist es ein Albtraum. Woody goes Working-Class. Christina Tilmann

„Cassandras Traum“, GB 2007, 108 Min.,

R: Woody Allen, D: Ewan McGregor, Colin Farrell

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