Zeitung Heute : Schwarze Schafe am Telefon

Durch Ausbeuter-Methoden sind Callcenter in Verruf geraten. Doch auch seriöse Anbieter können viele Stellen nicht besetzen

Alexander Visser

Früher waren es Nähfabriken, die im Ruf standen, ihre Mitarbeiterinnen auszubeuten: Arbeit im Akkord unter unerträglichen Bedingungen und fehlende Sicherheitsstandards kennzeichneten die Branche im frühen Industriezeitalter. Seit Beginn des Informationszeitalters haben Callcenter den Ruf besonders miserabler Arbeitsbedingungen. Die Mitarbeiter, so genannte Callcenter-Agenten, leisten telefonischen Kundenservice oder versuchen im Ferngespräch Mobilfunkverträge oder Zeitschriften zu verkaufen. Längst gibt es unzählige seriöse Firmen, die kommunikationsfreudigen Arbeitssuchenden einen Job mit Zukunft bieten. Doch die schwarzen Schafe der Branche haben bewirkt, dass viele Arbeitssuchende seufzen: „Alles, bloß kein Callcenter“. Wer sich jedoch nicht abschrecken lässt, hat gerade in Berlin-Brandenburg gute Anstellungsaussichten. Allein in Berlin gibt es derzeit 158 Callcenter.

„Wir suchen händeringend nach guten Callcenter-Agenten und Teamleitern“, sagt Kai Puls, Telefonmarketing-Experte der Zeitarbeitsfirma Manpower für die Hauptstadtregion. Die Tochterfirma Callpower vermittelt Profi-Telefonierer an Autokonzerne, Versandunternehmen oder Softwarefirmen, die in der Region ihre Callcenter betreiben. Nicht wenige werden vom Leih-Arbeitgeber übernommen, wenn die Leistung stimmt. „Leider gibt es immer noch schwarze Schafe unter den Callcentern, aber an die vermitteln wir niemanden“, sagt Puls, der die Branche als Sprecher des Callcenter-Forums Berlin-Brandenburg sehr genau kennt.

Vor allem die technischen Überwachungsmöglichkeiten der Computeranlagen können den Arbeitsplatz im Callcenter zur Hölle machen. Die Anlage registriert genau, wie viele Kundengespräche ein Agent führt und wie viele Verträge abgeschlossen werden. Sie registriert, wenn ein Mitarbeiter seinen Arbeitsplatz kurz verlässt oder ein paar Sekunden einfach nichts tut. Arbeitgeber, die auf schnelle Profite aus sind, setzen Mitarbeiter dann mit den ermittelten Durchschnittswerten unter Druck. „Besonders unseriös sind Center, die statt Stunden- oder Monatslohn eine Bezahlung auf Provisionsbasis anbieten“, warnt Puls. Auch wenn ein Arbeitgeber nicht die gesetzlich vorgeschriebenen Bildschirm-Pausen einräumt, sollten Mitarbeiter möglichst das Weite suchen.

Auch Kerstin Poloni von der Industrie- und Handelskammer Potsdam hat schlechte Erfahrungen mit Callcentern machen müssen. „Manche Unternehmer haben sich Mitarbeiter von der Arbeitsagentur ausbilden lassen, für ein paar Wochen ausgenutzt und dann wieder nach Hause geschickt.“ Doch weil viele Firmen mit externen Auftragnehmern schlechte Erfahrungen gemacht hätten, würden viele Firmen nun eigene Callcenter betreiben. Sie bieten humane Arbeitsbedingungen und Einstiegsgehälter von 1700-2000 Euro.

„Wir suchen kommunikationsfreudige Menschen mit PC-Erfahrung, die sich gut ausdrücken können und gerne im Service-Bereich arbeiten“, beschreibt Kai Puls die wichtigsten Voraussetzungen für den Callcenter-Agenten. Eine eigene Berufsausbildung gibt es noch nicht, die meisten Betriebe weisen neue Mitarbeiter selber ein. Für manche Stellen müssen Bewerber Fachwissen mitbringen. In anderen Jobs zählt vor allem der freundliche Umgang mit den Kunden und das Lächeln in der Stimme.

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