Zeitung Heute : Schwarzes Gold vom Grunde des Eismeeres

Neue Pumpen sollen auch abgelegene und bisher wenig ergiebige Ölfelder erschließen - ohne Bohrtürme und Plattformen

Heiko Schwarzburger

Erdöl, das schwarze Gold: Bei Preisen von mehr als 70 US-Dollar für ein Barrel (159 Liter) Rohöl ist dieser Vergleich aktueller denn je. Der Energiehunger der Welt wächst, die Ölvorräte schrumpfen. Wissenschaftler der TU Berlin wollen nun eine neue Fördertechnologie an den Start bringen, um auch kleinere oder weniger ergiebige Öllager auszubeuten. Dadurch könnte sich der angespannte Ölmarkt mittelfristig beruhigen und die Reserven erhöhen.

Von den verfügbaren Lagerstätten hängt es vor allem ab, ob und wann Rohöl tatsächlich mit Gold aufgewogen wird. „Die Ölreserven, die man nach dem heutigen Stand wirtschaftlich sinnvoll ausbeuten könnte, werden weltweit auf rund 1200 Milliarden Barrel geschätzt“, sagt Wilhelm Dominik, Professor für Angewandte Geologie an der TU Berlin. Der tägliche Weltverbrauch lag laut einer Statistik des Ölkonzerns British Petrol im Jahr 2004 bei etwa 80 Millionen Barrel. Also reichen die Vorräte gerade noch 15 Jahre. Umgerechnet auf sechs Milliarden Menschen stehen pro Kopf nur noch 32 000 Liter zur Verfügung.

Bevor Dominik vor vier Jahren an die TU Berlin kam, forschte er mehr als 16 Jahre lang in den USA, in der Nordsee, in Nordafrika und im Nahen Osten - immer auf der Suche nach Öl. Nun richtet sich sein Blick nach Russland und in die Arktis: „Es wird vermutet, dass in den Randzonen des Nordmeeres große, bisher unentdeckte Ölreserven lagern“, erläutert er. „Russland hat eine lange Küstenlinie in den arktischen Gebieten und dürfte damit über einen bedeutenden Teil der vermuteten Reserven verfügen.“ Russland ist einer der wichtigsten Ölförderer, mit 461 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr. Das entspricht rund 3,4 Milliarden Barrel.

Die größten Reserven befinden sich in Saudi-Arabien, dem die übrigen Förderländer im Nahen Osten folgen, unter anderem der Iran. Für die Anrainer des Nordmeeres wäre die Erschließung neuer Lagerstätten von enormer wirtschaftlicher und politischer Bedeutung. Vor allem der flache, küstennahe Meeresboden bis zu 200 Metern Wassertiefe gilt als ölträchtig. Diese Zone bezeichnen die Geologen als Kontinentalschelf. Die russische Polarküste ist – wegen des ewigen Eises – wenig erforscht.

Doch durch den Klimawandel zieht sich das Eis zurück. Zwischen Murmansk und der Beringsee öffnet sich eine schiffbare Rinne, die neue Nord-Ost-Passage. Doch noch immer bleiben die Bedingungen extrem, eigens dafür entwickelte Fördertechnik wird benötigt. Bisher werden Lagerstätten vor der Küste über äußerst kostspielige Bohrplattformen angezapft, die gegenüber dem rauen Wetter im hohen Norden sehr anfällig sind. Wie sehr, hat der Hurrikan Katrina gezeigt, der im Herbst 2005 über den Golf von Mexiko und den Süden der Vereinigten Staaten raste: Binnen weniger Stunden fielen ein Teil der Ölförderung und acht Raffinerien aus – sofort schnellten die Ölpreise in die Höhe. Weil ihre Förderung ohnehin schon an der Kapazitätsgrenze fährt, konnten die in der Opec versammelten Förderländer den Produktionsausfall kurzfristig nicht kompensieren. Auch Russland und die USA selbst, die nicht zur Opec gehören, standen dem Preissprung hilflos gegenüber.

„Eine Lösung, um die Förderung stabiler zu machen, bietet die so genannte Multiphasenpumpe, die in Deutschland seit 1986 mit Fördermitteln der Bundes entwickelt wurde“, sagt Dominik. „Diese Anlagen könnten auch auf dem Meeresgrund eingesetzt werden.“

Diese Technologie könnte darüber hinaus auch stillgelegte Öl- und Gasfelder wieder interessant machen. „Russland hat rund 150 000 Bohrlöcher“, so rechnet der Berliner Geologe vor. „Davon sind 40 000 versiegelt, weil die Förderrate mit herkömmlicher Technik zu gering ist. Mit der Multiphasenpumpe könnten wir die Förderrate erhöhen, ein Großteil dieser Löcher könnte wieder angezapft werden.“

Erdöl besteht aus den Überresten von urzeitlichen Wäldern, die vor Jahrmillionen vom Meer geschluckt wurden und unter Luftabschluss verfaulten. Hinzu kommen die Ablagerungen von Meeresorganismen. Durch den enormen Druck der höher liegenden Gesteinsschichten bilden sich Öl und Gas, die sich mit Wasser und Verunreinigungen in den Gesteinsporen der Lagerstätte sammeln.

Die Qualität des Rohöls ist regional sehr verschieden, auch die Fördertiefe und die Größe der Lagerstätten schwanken erheblich. Bevor das Öl in Pipelines ans Festland gepumpt werden kann, müssen Salzwasser und Begleitgase abgetrennt werden. Dies geschieht bisher am Bohrkopf. Das Begleitgas wird – mangels besserer Verwendung – meist verbrannt. Allein in Westsibirien gehen jährlich zwischen fünf und zehn Milliarden Kubikmeter Gas in Flammen auf. Denn es fehlt die Infrastruktur, um es nach der Trennung vom Öl aufzubereiten und in die Pipelines nach Westeuropa einzuspeisen.

„Die neue Multiphasenpumpe kann das Öl-Gas-Wasser-Gemisch fördern und in zentrale Sammelanlagen transportieren“, erläutert Dominik. „Die Abtrennung von Gas und Begleitstoffen am Bohrkopf entfällt. Wir haben jetzt ein Forschungsprojekt aufgelegt, das den Einsatz dieser modernen Pumpen optimieren soll. Das enthaltene Erdgas wird nicht mehr verbrannt, sondern genutzt, etwa um die Förderanlage mit Energie zu versorgen.“ Die Multiphasenpumpe ist vier Meter hoch und hat Saugrohre, die zwei Arme nicht umspannen. Ein deutsches Unternehmen hat ein System auf den Markt gebracht, das in der Stunde rund tausend Kubikmeter des klumpigen Öl-Gas-Gemisches fördert, etwa 6300 Barrel. Eine neue Generation der Pumpen steht bereit, um auf dem Meeresgrund abgesetzt zu werden. Dann entfallen die Kosten für die Ölplattformen. „Wir wollen mit unseren russischen Partnern die Pumpen wissenschaftlich unter die Lupe nehmen“, sagt Dominik. „Dann können wir den Einsatz optimieren.“

Ist das Ölreservoir einmal angebohrt, könnte das Ölgemisch durch mehrere, hintereinander geschaltete Pumpen in Pipelines auf dem Meeresgrund bis zur Aufarbeitungsanlage gedrückt werden, wo es aufgespalten und voll ausgenutzt wird. An dem Projekt sind die Universitäten in Bochum, Hamburg und Hannover sowie der Bund beteiligt.

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