Zeitung Heute : Schwarzwald: Auf den Spuren von berühmten Frauen

Volker Kippke

Auch Ziegen, Schafe und Rinder kommen als so genannte Touristen nach Bürchau. Hier weidet das Viehzeug von auswärts die Wiesen ab, denn auf denen gedeihen die Wildblumen in prächtigster Vielfalt, seit sich die örtlichen Bauern auf ein Kunstdünger-Verbot verständigten. Urlauber und Besucher bekommen ebenfalls Hornklee, Giersch, Schafgarbe und noch zahlreiche andere Blütenpflanzen sowie Gräser zu essen, fast alles, "was uns beinahe in die Küche rein wächst", sagt der Wirt der Sonnhalde. Dies also nicht etwa nur zur Dekoration oben drauf, sondern als Gemüse und Salat, in Soßen und Suppen. Die Gemeinde lässt den Wildblumenbestand kartieren, um dessen Entwicklung im Auge zu behalten - "Blümchen-zählen", spötteln Ahnungslose. Ein Wiesental bei Bürchau - 700 Meter hoch gelegen - wird jetzt zum gänzlichen Naturbiotop zurück verwandelt; im Wald ums Dorf wird nicht aus Baumkulturen aufgeforstet, nur Naturverjüngung ist zugelassen. Das Dorf hat 220 Einwohner und 110 Ferienbetten, "ein gesundes Verhältnis, und das soll sich auch nicht ändern", sagt der Bürgermeister. Die Bausubstanz habe sich, fährt er fort, schon lange nicht mehr vergrößert; aber immer wieder verbessert. Und von dieser hohen Warte erwiesener ökologischer Vernunft herab kann es sich der Bürchauer Bürgermeister Herbert Beyer leisten, seine badischen Landsleute so zu mahnen: "Allmählich müsste der Naturpark überall in die Köpfe gehen, und zwar nicht nur als Geldgeber."

Denn seit letztem Jahr ist das Gebiet zwischen Freiburg, Villingen-Schwenningen und Waldshut der "Naturpark Südschwarzwald". Bei dem Stichwort fällt sehr vielen Einheimischen nur, oder zumindest erstmal nur eins ein: "Fördermittel". Aus Brüssel, Berlin und Stuttgart erwarten sie zusätzliche Gelder vor allem für Anschübe im Tourismus, in der Land- und Forstwirtschaft. Ein Chor begeisterter Touristiker ist zu vernehmen: Was sie nun alles schaffen werden an neuen Anlagen und Angeboten! Als Instrument der Verkaufsförderung lässt sich der neue Status des südlichen Schwarzwalds sowieso gut verwenden. So schmückte sich sogleich eine Gruppe von zwölf Kliniken mit Gesundheits-Pauschalen für Urlauber mit dem Titel "Naturpark-Kliniken".

Dass es sich bei einem Naturpark weitgehend um einen Tourismuspark handelt, legt das Naturschutzgesetz nahe. Die baden-württembergische Naturpark-Definition beginnt: "Großräumige Gebiete, die als vorbildliche Erholungslandschaften zu entwickeln und zu pflegen sind ..." Typisch westdeutsch übrigens, in den neuen Bundesländern hingegen steht die Erholungsfunktion erst im dritten Satz, hinter der Natur. Anders als - deshalb von Anwohnern oft heftig befehdete - Nationalparke verlangen Naturparke so gut wie keine Einschränkungen menschlicher Aktivitäten. Mangels Verboten, gegen die man hätte opponieren können, kam es auch im Südschwarzwaldpark offenbar nur zu geringem Gegrummel aus instinktiver Furcht vor eventueller Ausbreitung grüner Ideen. Geschickt war - "erstmals in Deutschland" - die Basis schon bei der Planung eingebunden: Es gab Runde Tische und gibt viele Arbeitsgruppen (mehrere zu touristischen Themen, zur Landprodukte-Vermarktung), in denen sich Vertreter verschiedener Interessengruppen zusammenfinden und, so erzählt eine Abgesandte des Landfrauenverbandes, "immer einen Punkt suchen, dass alle zufrieden sind". Zwar könnte es demnächst zu Streit um die "Verspargelung der Landschaft" kommen, wie Verächter das Aufstellen von Windrädern nennen; aber der "Bundesverband Windenergie" ist ebenso Mitglied im Naturpark-Trägerverein wie die Kommunen und Kreise, die Ski-, Tourismus-, Landwirtschafts-, Naturschutzverbände, weitere Organisationen sowie Firmen.

Das Motto des Parks ist "Schutz durch Nutzung". Ein Hintergedanke zum Beispiel: Unterstützt man die Bauern finanziell bei der sonst wenig einträglichen Weidewirtschaft - wozu die verstärkte Zucht einer für das Berggelände gut geeigneten heimischen Rinderrasse beitragen könnte -, werden Bestrebungen vereitelt, Wiesen aufzuforsten; so bleibt der für den Süd-Schwarzwald typische Wechsel von Wald und offenem Land erhalten, der Touristen stärker anzieht als schier endlose Wälder. Denn "das macht Weite, da fühlt man sich frei", sagt der Vorsitzende des Naturpark-Vereins, Bernhard Wütz, Landrat von Waldshut.

Für ihn ist die bisherige Rad- und Wanderweg-Beschilderung "eine Katastrophe". Der Naturpark wird Ordnung in das Durcheinander bringen, Kostenpunkt 400 000 Mark. In den großen Topf greift selbstverständlich nun, nach der langen Solo-Vorreiterei, auch der Bürgermeister von Bürchau: 27 000 Mark sind für einen Naturlehrpfad abgerufen; denn selbst hier "hätten wir den Gedanken daran ohne dies Geld gar nicht erst geboren". Als Nächstes wäre ein spezieller Waldlehrpfad dran; da warnt sich Beyer gleich mal selbst: "Wir müssen aufpassen, dass wir den Wald nicht mit Schildern zupflastern."

In Birkendorf erhofft man sich vom Parkverein einen Zuschuss für Feldhecken, die ganz der Natur zugute kommen sollen. Der Naturführer dort weist in einem Bereich der Gemarkung auf ein paar halbtote Bäume: "Die haben wir stehenlassen, die anderen in dem Wald da hinten waren nicht zu retten, das Kerosin hat sie umgebracht." Niedrig darüber kreisen in der Warteschleife Flugzeuge, die in Zürich landen sollen. Nach Bürgerprotesten sei das Ablassen überschüssigen Kerosins "offiziell" unterbunden worden, sagt der Führer, "aber wir kriegen immer noch schleimiges Zeug herunter." Als Abhilfe reicht das Designieren eines Naturparks eben nicht aus.

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