Zeitung Heute : Schweben

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars Törne

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die ersten Minuten sind beklemmend. Es ist stockdunkel. Kein Geräusch zu hören. Ich liege in einem Sarg aus Kunststoff, abgeschlossen von der Außenwelt. Oder besser: Ich treibe in ihm, in einer warmen Salzlauge, wie ein Korken auf dem Wasser.

Was, wenn die Luft nicht reicht? Wenn ich einschlafe? Wenn ich die Luke nicht wieder aufkriege? Wenn man mich hier vergisst? Mein Atem, das einzige Geräusch in dem abgeschotteten Raum, wird vor Aufregung schnell und unregelmäßig.

Das hat mir die freundliche Frau vorhergesagt, bevor ich in den Tank geklettert war, der von außen wie eine große Badewanne mit Dach aussieht. Die ersten 15 Minuten brauchst du, um loszulassen, hat sie gesagt. Na gut. Also treibe ich auf der Salzlauge ein wenig hin und her und versuche loszulassen. Mein Ziel: „Eine außergewöhnlich tiefe körperliche und mentale Entspannung.“ Die verspricht das Werbeschild des kleinen Ladens namens The Float. Ein „Hochgefühl“. Genau das, was ich an diesem nasskalten Dezembertag brauche.

Nach ein paar Minuten im Wassertank gewöhne ich mich an Dunkelheit und Stille. Langsam wird der Atem ruhiger. Ich genieße das Gefühl der Schwerelosigkeit, das sich einstellt. Wenn der Körper doch immer so leicht wäre. Das Wasser hat Hauttemperatur. Die Anspannung in Armen und Beinen lässt nach. Durch meinen Kopf ziehen Filmbilder. Die beiden Fische im Nemo-Film, die im Bauch eines Wals herumschwimmen. Frei schwebende Astronauten in Kubricks „2001“. Mein Kopf wird leichter. Ich dämmere dahin. Habe ich gerade meine Augen geschlossen? Geöffnet? Schwer zu sagen in der Dunkelheit. Ist das vielleicht schon der Übergang vom Alltagsbewusstsein in die meditative Bewusstseinsebene, den das Schild im Fenster versprochen hatte?

Plötzlich höre ich ein leichtes Klopfen. Was ist das? Schon das verabredete Zeichen, dass meine 90 Minuten um sind? Da, schon wieder. Und nochmal. Da merke ich, dass es mein Herzschlag ist, in der Stille des Raumes vielfach verstärkt. Ich dämmere weiter ruhig dahin. Wie lange ich wohl schon drin bin? 20 Minuten? 60? Ich schrecke auf. War ich eben wach oder eingenickt? Wo bin ich? Ach ja. Der Tank. So floate ich weiter. Mein Kopf leert sich. Ich nicke ein. Wache wieder auf. Die Luft scheint dünn zu werden. Wird der Sauerstoff vielleicht doch knapp? Schneller Herzschlag, knappes Atmen. Bis mir der Luftschlauch wieder einfällt, der den Tank mit der Außenwelt verbindet. Ich dämmere erneut weg. Vielleicht für fünf Minuten, vielleicht für zwei Stunden. Da klopft es wieder. Diesmal wirklich. Meine Zeit ist um. Das Aufstehen fällt schwer. Mein Rücken, vor zwei Stunden noch verkrampft, fühlt sich gelöst an. Mein Kopf ist klar, entspannt und wach. Mit langsamem Schritt trete ich hinaus in die wintergraue Stadt. Wie schnell die Leute vorbeihasten. Die sollten auch mal loslassen.

The Float – Das Schwebebad, Dunckerstr. 12, Prenzlauer Berg, Tel. 44036500 oder (0160) 6785193. Montags-Freitags 12-21 Uhr, sonst nach Vereinbarung. Preis: 45 Euro für 90 Minuten (Drei Sessions 90 Euro). Internet: www.float-berlin.de . Andere Floating-Läden bieten Ähnliches an.

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