Zeitung Heute : Schweden-Rätsel

Olof Palme wurde 1986 ermordet. Die Suche nach dem Täter geriet zum Desaster. Wie sich Schweden erinnert – und verändert.

Stefanie Flamm

Die Tage, an die sich die Menschen noch Jahre später genau erinnern können, sind entweder besonders glückliche oder besonders traurige oder solche, nach denen plötzlich alles anders ist. Der 11. September 2001 war so ein Tag, der Mauerfall im November 1989 und die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. In Schweden hat sich die Nacht vom 28. Februar auf den 1. März 1986 ins Gedächtnis der Leute gebrannt. Wer vor 20 Jahren schon denken konnte, weiß bis heute, was er damals gemacht hat.

Lena Sundberg zum Beispiel, die Inhaberin einer schicken Boutique in Östermalm, einem der teuersten Stadtteile Stockholms, fuhr gegen 23 Uhr 30 im Taxi durch die eisstarrende Hauptstadt zu einer Party. Der spätere Immobilienmakler Sune Larsson saß um diese Zeit mit ein paar britischen Kumpels in einem Studentenwohnheim im verregneten Oxford und hatte, eigenem Bekunden zufolge, schon ein paar Biere zu viel getrunken. Während Claes Arvidsson, heute gefürchteter Leitartikler der Tageszeitung „Svenska Dagbladet“, daheim eine Grippe kurierte.

Weil er beim besten Willen nicht einschlafen konnte, drehte er gegen Mitternacht noch einmal das Radio an – und hörte, was die meisten seiner Landsleute erst am nächsten Morgen mitbekamen: Ministerpräsident Olof Palme war vor einer halben Stunde auf offener Straße erschossen worden. Arvidsson, der immer noch ziemlich hohes Fieber hatte, dachte im ersten Moment, er träume. Doch langsam fuhr auch dem jungen Mann die Erkenntnis in die Knochen, dass diese Nacht das Land für immer verändern könnte.

Heute gilt der 28. Februar in Schweden als Zeitenwende. Die Leute teilen die neuere Geschichte ihres Landes in die Zeit vor dem Palme-Mord und die danach. Denn mit Olof Palme starb nicht nur einer der schillerndsten Politiker, den das Land je gehabt hatte, mit ihm starb schon drei Jahre vor dem Ende des Kalten Krieges der Glaube an einen dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus.

Unter Palmes konservativem Nachfolger Carl Bildt sind die Schweden, die einmal so stolz auf ihre Neutralität waren, in Nato und EU, damals noch EG, eingetreten. Sie haben ihren starken Sozialstaat zurückgebaut, ein Großteil der Staatsbetriebe privatisiert und die Unternehmensteuern gesenkt. In dem längst wieder sozialdemokratisch regierten Land zahlen die Krankenkassen keinen Zahnersatz mehr und die Rentenkassen nur noch einen Teil der Altersvorsorge. In der Kinderbetreuung und -versorgung ist Schweden noch immer unerreichtes Vorbild, doch das „Volksheim“, das sich „von der Wiege bis zur Bahre“ für seine Bürger verantwortlich fühlt, ist längst Geschichte.

Was bleibt da von einem wie Palme, der das „Volksheim“ in den 70er und 80er Jahren noch einmal groß ausbaute und als „schwedisches Modell“ international berühmt machte? Welchen Platz nimmt er ein im Gedächtnis des Landes?

Für alle, die die Zeit zurückdrehen wollen, sei er immer noch ein Held, sagt der Essayist Göran Rosenberg. Ein Held, mit allem, was dazu gehört: große Mission, streitbarer Charakter und ein bis heute ungeklärter Tod. „Palme ist eine Legende“, sagt die Dame im langen schwarzbraunen Nerz, die sich im „Grand-Kino“ eine Karte für die Nachmittagsvorstellung kauft. Ihre Brillantohrringe blitzen, während sie sich durchs blondierte Haar fährt. „Nicht, dass Sie mich falsch verstehen, mein Mann und ich haben noch nie rot gewählt.“ Aber Palme sei schon ein besonderer Mensch gewesen. „Manchmal denke ich, er war eine Nummer zu groß für dieses kleine Land“. Sie nimmt einen schwarzen Kaffee mit Süßstoff und verschwindet im Kinosaal. Es läuft „Memoiren einer Geischa“. Vor 20 Jahren lief hier „Die Gebrüder Mozart“, ein schwedischer Historienschinken, an den sich wahrscheinlich niemand mehr erinnern würde, wäre es nicht Olof Palmes letzter Film gewesen.

An diesem 28. Februar lief der Ministerpräsident, 59 Jahre alt und seit 1982 wieder im Amt, wie fast jeden Tag vom Büro nach Gamla Stan, in die Altstadt. Seitdem die drei Kinder aus dem Haus waren, lebte er dort zusammen mit seiner Frau Lisbet in einer für Stockholmer Verhältnisse sehr geräumigen Altbauwohnung. Gegen halb acht Uhr nahm das Ehepaar die U-Bahn in Richtung Innenstadt, um sich zusammen mit ihrem Sohn Marten und dessen Lebensgefährtin den Mozartfilm anzuschauen. Die letzten paar 100 Meter von der Haltestelle Radmansgatan bis ins „Grand“ gingen sie zu Fuß.

Es war ein kalter Freitagabend. Die Geschäfte auf dem Sveavägen, einer breiten, von sechsstöckigen Steinhäusern aus der Jahrhundertwende gesäumten Einkaufsstraße, schlossen gerade. Es schneite ein bisschen, die Menschen hetzten ins Wochenende. Trotzdem haben viele die Palmes auf ihrem letzten gemeinsamen Spaziergang gesehen, viele haben gegrüßt. Und Palme, der sich als Mann des Volkes begriff, hat natürlich zurückgegrüßt. Offenheit und Bürgernähe sind seit den 30er Jahren die Grundfesten der schwedischen Innenpolitik, auch Palmes Vorgänger haben – wie bis heute die meisten schwedischen Politiker, aber nicht mehr der Ministerpräsident – auf Leibwächter verzichtet. Doch nur Palme machte aus der Bürgernähe eine ganz eigene Form der Rhetorik.

„Er besaß die Fähigkeit, aus dem Stegreif so etwas wie Nähe zu erzeugen“, sagt der Gewerkschaftler Martin Lindblom. In den 70er Jahren haben die beiden Männer zusammen Tennis gespielt. Palme war mehr als 20 Jahre älter als Lindblom. „Trotzdem hat es ihn sehr gefuchst, wenn ich auch mal gewonnen habe.“ Palme, so wie Lindblom ihn in Erinnerung hat, war ein Kämpfer. Den Vorwurf der Arroganz, der dem Sohn einer sehr alten, sehr einflussreichen Industriellenfamilie auch immer anhaftete, will er aber nicht gelten lassen. Sicher, er sei bis an sein Lebensende ein Upperclass-Typ gewesen. „Aber im guten Sinne. Er weigerte sich, einen Weg zu verlassen, den er einmal gewählt hatte.“

Lindblom lächelt. Er ist bald so alt, wie Palme war, als er starb. Sein riesiges Büro liegt in einem pompösen Jugendstilhaus, das der L. O., einer Industriegewerkschaft, gehört, die man hinsichtlich ihrer Bedeutung und ihrer intellektuellen Beweglichkeit mit der IG-Metall vergleichen kann. Es gibt Parkett auf dem Boden, Stuck an der Decke, über Lindbloms schlichtem grauen Besuchersofa hängt ein Ölgemälde von der Stockholmer Altstadt. Es fällt runter, als der Funktionär sich am Kopf kratzt. „Leute wie Palme fehlen uns heute“, sagt er, als habe er den kleinen Unfall gar nicht bemerkt. Überzeugende Redner, die sich dem „neoliberalen Mainstream“ mit aller Kraft in den Weg stellten, Menschen, die keine Angst vor denen hätten, die angeblich mächtiger sind. Palme habe den Schweden das Gefühl gegeben, Angehörige einer moralischen Supermacht zu sein, die es mit den ganz Großen aufnehmen konnte, glaubt auch der Essayist Rosenberg. „Das sitzt tief.“

Als junger Parlamentarier demonstrierte Palme Seit an Seit mit dem Botschafter Nordkoreas gegen den Vietnamkrieg und nahm lächelnd in Kauf, dass das zu empfindlichen Verstimmungen im schwedisch-amerikanischen Verhältnis führte. In den 70er Jahren, während seiner ersten Amtsperiode als Ministerpräsident, unterstützte er – genau wie die mächtige Sowjetunion – die antikolonialen Befreiungsbewegungen in Schwarzafrika, wo bis heute manche Straße seinen Namen trägt. Doch er war alles andere als ein makelloser Gutmensch. Nach seiner Wiederwahl 1982 antichambrierte er genauso leidenschaftlich als erster Lobbyist der schwedischen Waffenindustrie bei der indischen Regierung. Er finanzierte die demokratische Opposition in Portugal und die polnische Solidarnosc, fand aber nichts dabei, mit Erich Honecker zwecks Festigung der gegenseitigen Handelsbeziehungen feuchte Bruderküsse auszutauschen. Mitte der 80er Jahre hatte er Feinde in allen Lagern. „Ich könnte Ihnen allein in Stockholm 100 Leute nennen, die damals viel Geld für seine Ermordung ausgegeben hätten“, sagt Sune Larsson, der Immobilienmakler, der von Palmes Tod in Oxford erfahren hatte.

Auch Martin Lindblom ging am 1. März selbstverständlich von einem politischen Mord aus. Er arbeitete damals als Pressesprecher des Kulturministeriums und wurde gleich morgens ins Regierungsgebäude gerufen. Um elf Uhr gab es eine Pressekonferenz. Genaues wusste allerdings niemand. Palme war um 23 Uhr 21 auf dem Weg zwischen Kino und U-Bahn mit einer Magnum, Kaliber 357, im Oberkörper getroffen worden. „Er war tot, bevor er aufs Pflaster fiel“, schrieb der Dienst habende Gerichtsmediziner im Obduktionsbericht.

20 Jahre später ist vor allem eines klar: Der Fall Palme hat drei Sonderermittler und eine Justizministerin den Job gekostet, er hat kilometerweise Akten und Zeitungsartikel produziert und haufenweise Theorien hervorgebracht. Der erste Sonderermittler Hans Holmer vermutete die PKK hinter der Tat, weil Palme ihrem Anführer Öcalan Mitte der 80er Jahre die Einreise verweigert hatte, sein Nachfolger verdächtigte das südafrikanische Apartheidsregime, das angeblich Rache nehmen wollte für die schwedische Unterstützung Nelson Mandelas. Auch indische Waffenhändler, das KGB, der Mossad und natürlich die CIA standen unter Verdacht. Zum zehnten Jahrestag des bis heute unaufgeklärten Verbrechens war die Theorie, eine rechtsradikale Seilschaft in der Stockholmer Polizei hätte den radikalen Sozialdemokraten auf dem Gewissen, ziemlich populär.

Mittlerweile scheint sich das Land damit abgefunden zu haben, dass auch ein großer Mann wie Palme einem „ensam galning“, einem einsamen Verrückten, zum Opfer fallen konnte: Christer Pettersson, zigfach vorbestraft, drogen- und alkoholabhängig und von einem tiefen Hass auf die Gesellschaft beseelt. Lisbet Palme hatte den Frührentner bereits 1988 als Täter identifiziert, doch ein Jahr später musste der wegen haarsträubender Verfahrensfehler wieder freigelassen werden. Vor anderthalb Jahren ist er gestorben. Eine DNA-Analyse von Palmes Mantel soll nun klären, ob Pettersson es wirklich war. Die Palme-Familie geht fest davon aus. „Mein Vater hatte einfach großes Pech, auf diesen Mann zu treffen“, sagte Marten Palme letzten Dienstag in einem Interview. Die Palmes wollen nach 20 Jahren endlich mit dem Fall abschließen. Und was wollen die anderen Schweden?

„Sie brauchen ihn als radikales Alibi“, sagt Claes Arvidsson, der Leitartikler, der geglaubt hatte, er habe den Palmemord nur geträumt, und zieht Espresso aus dem Redaktionsautomaten von „Svenska Dagbladet“. Vor ihm liegt das Manuskript seiner kritischen Palme-Biografie, die in den nächsten Wochen erscheinen soll. „Die Wirklichkeit als Feind“ lautet der polemische Titel. Arvidsson will eine Debatte provozieren. Denn für ihn war Palme schon in den 80er Jahren eine „vollkommen anachronistische Figur“. „Die Bourgeoisie hatte auch in Schweden längst gesiegt“, sagt er und blättert in den Fahnen. Doch Palme habe alles getan, damit die Menschen nicht mitbekamen, wie sehr das Land sich veränderte. Die Pläne zur weitergehenden Verstaatlichung von Privateigentum lagen auf Eis, die Atomenergie, eines von Palmes Lieblingsprojekten, wurde nach einer Volksabstimmung zurückgefahren und der sozialdemokratische Finanzminister KjellOlof Feldt bekämpfte die steuerintensive Beschäftigungspolitik seines Chefs.

Arvidsson lächelt. Es sei schon klar, warum die Schweden ihn auf einen so hohen Sockel gehievt hätten. So können sie ihm nicht mehr in die Augen blicken und auch nicht erkennen, wie fremd er ihnen geworden ist.

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