Zeitung Heute : Schwedisch werden

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Eins haben wir ja gelernt dieses Jahr: dass Berlin die Hauptstadt Schwedens ist. Auch nicht schlecht. Erstens haben die Schweden Witz, wie die Plakat-Aktion von Ikea bewiesen hat, und frech ist der auch. Zweitens haben sie eine feministische Regierung. (Doch, so nennt sie selber sich, wie man in der neuen „Emma“ nachlesen kann.) Drittens haben sie guten Geschmack, wie man in der Ausstellung über skandinavisches Design, die gerade im Berliner Kunstgewerbemuseum läuft, mal wieder sehen kann. Und viertens haben sie uns den ja auch schon beigebracht. Weshalb alle Berliner zu Ikea rennen, wobei sie jetzt gar nicht mehr so weit rennen müssen, weil nun auch mein schönes Schöneberg eine Filiale hat, die allerdings, haben mir meine Nachbarn erzählt, genauso wie in Spandau aussieht.

Fünftens paart sich dieser gute Geschmack auch noch mit Teamgeist und politischem Verstand, wie man an den skandinavischen Botschaften sehen kann – die schönsten der Stadt. Auch dem hartnäckigsten Schlosswiederaufbauanhänger demonstrieren sie, wie schön, wie heiter, wie leicht und licht und warm moderne Architektur sein kann. Dass sich da Länder zusammen schließen, ohne ihre Identität aufzugeben: Das klingt wie eine europäische Utopie, ist aber Realität, die jeder Berliner besichtigen kann. Die Skandinavier führen ein offenes Haus, in dem regelmäßig Ausstellungen zu besichtigen sind.

2000 Schweden wohnen in Berlin, echte Schweden, nicht gelernte wie wir. Und es werden immer mehr, wie aus der schwedischen Botschaft zu erfahren ist. Künstler vor allem, auch Schriftsteller und Musiker, zieht es neuerdings nicht mehr wie einst an Seine und Themse, nein, sie wollen alle an die Spree. Weil für sie Berlin die europäische Kulturhauptstadt ist, so aufregend, ja dynamisch. Und weil das Leben und die Mieten hier erschwinglich sind.

Berliner, hört auf diese Schweden: Schluss mit Depression und Jammerei. Dynamisch ins Neue Jahr, optimistisch, heiter und feministisch, mit Teamgeist und Geschmack. Also: schwedisch ins neue Jahr, so mache ich das schließlich auch. Silvester habe ich sogar einen leibhaftigen Schweden zu Gast, Kalle heißt er, wie sonst, und sieht auch noch genau so aus, wie ich mir die Jungen aus Bullerbü immer vorgestellt habe, nur in groß. Silvester auf schwedisch, hab ich mir von ihm sagen lassen, ist so ähnlich wie Silvester bei uns, mit Bleigießen, guten Vorsätzen und Feuerwerk, nur beim Essen und Trinken werde ich ein bisschen schummeln. Hering, Lachs und Aal sind nicht mein Ding.

Aber weil wir ja jetzt Schwedens Hauptstadt sind, kann man das anderswo auch authentischer bekommen: In Charlottenburg hat ein Lokal aufgemacht, das sich „Der alte Schwede“ nennt. Und der Chef importiert alles frisch aus seiner Heimat, aus dem Süden des Landes. Natürlich auch den Schnaps. 20 Sorten soll man dort kriegen. In diesem Sinn: Skål. Oder, wie der alte Schwede zu Neujahr sagt: Gott Nytt År!

Der alte Schwede, Knesebeckstraße 92, Silvester geöffnet, Telefon 54 71 02 90. Skandinavisches Design jenseits des Mythos, Kunstgewerbemuseum, Kulturforum, bis 29. Februar. Ikea findet jeder.

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