Zeitung Heute : Schwedischer Herbst

Als Anna Lindh starb, wurde in einem Stockholmer Kindergarten ein Mädchen erstochen – ein Verbrechen von vielen. Aber erst der Mord an der Ministerin macht den Schweden bewusst, dass ihr Land nicht sicherer ist als andere. Nun nehmen sie doppelt Abschied.

Sven Lemkemeyer

Ob Anna Lindh das gewollt hätte? Hundertschaften der Polizei sichern die Straßen Stockholms, Scharfschützen sind auf den Dächern postiert, Patrouillenboote kontrollieren die Wasserstraßen. Ganze Teile der schwedischen Hauptstadt sind abgesperrt an diesem strahlenden Spätsommertag. Krasser könnte der Gegensatz kaum sein. Es ist die Trauerfeier für die am 10. September ermordete Außenministerin, für die 46-jährige Frau, die für so viele das moderne, das offene Schweden repräsentierte. Für die engagierte Feministin und zweifache Mutter, die sich trotz ihres Amtes stets ohne Leibwächter bewegte, die den Kontakt zum Volk suchte, wie kaum eine andere. Ausgerechnet an diesem Tag gelten in Schweden die schärfsten Sicherheitsmaßnahmen seit 17 Jahren. Seit der Beerdigung des ermordeten Ministerpräsidenten Olof Palme, der Anna Lindhs politisches Vorbild war und auf dessen Trauerfeier sie geredet hatte.

Im Rathaus hat sich Polit-Prominenz aus aller Welt versammelt, um – und dies zieht sich durch alle Reden der nächsten Stunde – nicht nur einer großen Politikerin, sondern auch eines großartigen Menschen zu gedenken. Angereist sind fast alle europäischen Außenminister, mit vielen war Anna Lindh befreundet. König Carl Gustaf und Königin Silvia sitzen in der ersten Reihe, an dem Ort, wo auch das Bankett für die Nobelpreisträger stattfindet.

Um elf Uhr ertönt vor den 1200 Trauergästen Lindhs Lieblingslied „Ein Engel im Zimmer“. Und dann steht Schwedens Ministerpräsident Göran Persson, dieser große, bullige Mann, auf, steigt die Steintreppe, die heute als Bühne dient, hoch, und bleibt mit gesenktem Kopf sekundenlang vor dem Porträt einer strahlenden Anna Lindh stehen. Fast hat es den Anschein, der häufig schroff und abweisend wirkende Regierungschef hat Angst vor dem, was vor ihm liegt. Es wird eine sehr persönliche Rede, eine gefühlvolle Erinnerung an die Frau, die er 1998 zur Außenministerin berufen, die er an ihrem Todestag als „das Gesicht Schwedens“ bezeichnet hatte, die seine Nachfolgerin werden sollte. Zum ersten Mal wird klar, was EU-Außenkommissar Chris Patten in seiner Rede bestätigen wird: Es muss eine Freude gewesen sein, mit dieser Frau zusammenzuarbeiten.

Diplomatin ohnegleichen

Persson sagt: „Wir haben sie verloren. So ist es. Und diese Einsicht tut verdammt weh.“ Er erinnert an Anna Lindh, „mit ihrer aufgeknöpften, flatternden Jacke und den Rucksack über die Schulter geworfen“. An Anna Lindh, für die „in allen Fragen stets der Mensch der Ausgangspunkt war“. An Anna Lindh, die weltweit angesehene Außenpolitikerin, die „sich weigerte, zwischen Politik und Familie zu wählen. Sie wählte sowohl als auch“. Als er direkt Lindhs Ehemann Bo Holmberg und die beiden Söhne David, 13 Jahre, und Filip, neun, anspricht, bleibt die Kamera des schwedischen Fernsehens auf den Premier gerichtet. Die Angehörigen haben darum gebeten, nicht gezeigt zu werden. Persson macht eine kleine Pause und dann beginnt seine Stimme zu zittern: „Danke, Anna, für all das, was du gegeben hast und was du warst. Wir gehen jetzt weiter. In die Zukunft.“

Der griechische Außenminister Georgios Papandreou, der früher in Schweden lebte, hält seine Rede in der Landessprache. Noch am Tag vor der Bluttat hatte er mit Lindh für die Euro-Einführung in Schweden geworben. Das „Nej“ der Schweden am vergangenen Sonntag hätte sie vermutlich am meisten geschmerzt. Anna Lindh sei eine „Diplomatin ohnegleichen“ gewesen, sagt der Grieche und hat Mühe, seine Tränen zu unterdrücken. „Wir Politiker nehmen uns zu selten Zeit, über Gefühle zu sprechen. Du warst eine Ausnahme. Du hast dich getraut, offen zu sein.“ Und dann stellt er die Frage, die seit dem Attentat am 10. September alle bewegt. „Warum? Warum? Warum wieder?“, sagt er, bevor er einen Olivenzweig an ihr Porträt heftet und die Steintreppe hinabsteigt.

Schweden im September 2003, ein Land unter Schock. Das Unfassbare ist geschehen: Geschichte hat sich wiederholt. Die Wunde, die der Mord an Palme im Jahr 1986 der Nation zufügte, ist nie ganz verheilt. Jetzt ist sie wieder aufgerissen, und, so meinen viele, tiefer als jemals zuvor. Auch auf Palmes Mord reagierten die Schweden mit Entsetzen, doch diesmal ist es anders. Palme polarisierte, wurde von seinen Gegnern regelrecht gehasst. Bei Anna Lindh taten sich sogar die politischen Kontrahenten schwer, etwas Negatives zu finden. Und so kommt es, dass heute viele Schweden das Gefühl haben, sie hätten eine Freundin verloren, auch wenn sie der Außenministerin nie persönlich begegnet sind.

Fehlstart der Behörden

Und die Schweden haben Angst. Wie im Fall Palme gab es auch diesmal schnell Kritik an der Arbeit der Polizei, wurde die Frage gestellt, warum die engagierte Euro-Befürworterin sich so kurz vor dem Referendum über den Beitritt des Landes zur Währungsunion ohne Personenschutz in der Öffentlichkeit aufhielt – wie Palme, der auf der Straße nach einem Kinobesuch erschossen wurde. Der Mord an ihm ist bis heute nicht geklärt. Die Arbeit der Behörden begann auch am 28. Februar 1986 mit einem Fehlstart: Erst mehr als zwei Stunden nach der Tat wurde die Großfahndung ausgelöst, der Tatort völlig unzureichend abgesperrt, ein zwei Wochen später verhafteter Mann hatte ein Alibi. Alle Spekulationen über mutmaßliche Drahtzieher – vom iranischen Chomeini-Regime, über südafrikanische Rassisten bis hin zum sowjetischen KGB – waren haltlos. Noch heute arbeiten zwölf Fahnder an dem Fall. Und so sind die Schweden besorgt, dass sich auch diese Geschichte wiederholt, dass der Mord wieder nicht aufgeklärt wird. Für viele ist es unverständlich, dass der Täter entkommen konnte, dass trotz Zeugenaussagen bis heute nicht feststeht, wer der Mörder ist.

Was die meisten der Trauergäste an diesem Freitagmorgen im Stockholmer Rathaus noch nicht wissen können: Die Staatsanwaltschaft hatte 30 Minuten vor dem Ende der Zeremonie Untersuchungshaft für den 35-Jährigen beantragt, der am Dienstag unter dem Verdacht verhaftet worden war, Lindh in einem Kaufhaus mit mehreren Messerstichen so schwer verletzt zu haben, dass sie einen Tag später ihren Verletzungen erlag. Allerdings stuft Staatsanwältin Agneta Blidberg den Verdacht gegen den Mann nur als „angemessen“ ein – der schwächste Verdachtsgrad nach schwedischem Recht. Am Nachmittag entscheidet das Gericht, dass der Verdächtige noch eine Woche in Untersuchungshaft bleibt.

Und vor noch etwas haben die Schweden nun Angst: Eine am Tag nach dem Attentat durchgeführte Umfrage zeigte – jeder siebte Schwede sieht in diesem Mord das Ende der offenen Gesellschaft, fast 70 Prozent vertrauen nicht mehr in die öffentliche Sicherheit, und sogar jeder zweite rechnet mit weiteren Attentaten auf Spitzenpolitiker. Und dies in dem Land, in dem der Staat bislang das Vertrauen der meisten genoss.

Nach dem Mord an Palme änderte sich im schwedischen Alltag wenig, Leibwächter und gepanzerte Autos galten weiterhin als unschwedisch. Spitzenpolitiker gingen ohne Schutz einkaufen, fuhren mit dem Rad zur Arbeit, und selbst Göran Persson gab bislang Interviews ohne Bodyguards. Die Schweden werden sich überlegen müssen, ob sie nach dem Mord an Lindh dieses Risiko weiter eingehen wollen, können und dürfen. Immer häufiger ist die Frage zu hören, ob nicht nur Politik und Polizei die Situation im Land falsch wahrnahmen, sondern die ganze Gesellschaft, jeder Einzelne. Schweden, das ist für viele Astrid Lindgren, man denkt an Elche, Seen, Wälder und natürlich an Ikea. Auch die Deutschen bewundern das Land im Norden, das Rücksicht auf die Schwachen nimmt – auch wenn vom schwedischen Wohlfahrtsstaat in Wirklichkeit nicht viel übrig ist.

Die Schriftstellerin Kerstin Ekman sieht den Hintergrund des Mordes in einer „stark zunehmenden Verrohung“ der schwedischen Gesellschaft. „Die Schweden leben in dieser Illusion, dass wir ein so überaus gutes Land sind.“ Dabei sei es nicht anders als andere. „Die Gesellschaft ist heute extrem gewalttätiger als zu der Zeit, als Anna Lindh geboren wurde.“ In den 90er Jahren kam es zu einer regelrechten Welle rechter Aggression. So wurde ein Gewerkschafter vor seinem Haus von drei Neonazis ermordet. Auf Journalisten, die im Neonazi-Milieu recherchierten, wurde ein Bombenanschlag verübt, und auf der Flucht aus dem Gefängnis erschossen Rechtsextremisten zwei Polizisten. Auf 800 bis 2000 Mitglieder schätzen die Behörden den gewaltbereiten Kern der Szene in diesem Land mit neun Millionen Einwohnern – zum Vergleich: In Deutschland gehen Experten von 11000 gewaltbereiten Rechtsextremisten aus. Doch auch nicht politisch motivierte Gewalttaten erschütterten Schweden in jüngster Zeit. Zwischen 1995 und 2002 stieg die Quote der Kapitalverbrechen um 22 Prozent. So tötete vor kurzem ein Mann mit einem Stahlrohr zwei Menschen, und der so genannte „Vollgas-Killer“ raste mit dem Auto in die Stockholmer Fußgängerzone und ermordete zwei Leute. Und ein junger, psychisch gestörter Mann drang in Stockholm in einen Kindergarten ein und erstach eine Fünfjährige – am Todestag von Anna Lindh. Seit zwei Tagen, so berichten schwedische Medien, ist der Schutz für Kronprinzessin Victoria erhöht worden. Auch sie werde von einem psychisch Gestörten verfolgt.

„Anna Lindh“, sagt Göran Persson in seiner Trauerrede, „glaubte an den Menschen. Sie glaubte an den Menschen als das fantastische Wesen, das er ist, mit einer beinahe unerschöpflichen Kapazität zu wachsen und sich zu entwickeln.“ Heute wird sie in ihrer Heimatstadt Norrköping im Kreise ihrer Familie beerdigt.

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