Zeitung Heute : Schwefel riechen

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Der Totenschädel scheint zu schreien: Weit aufgerissen sind die Zahnreihen, der Kopf ist nach hinten geworfen. In Sekunden ist dieser Mensch gestorben, vor fast 2000 Jahren von einer Feuerwalze des Vesuvs überrannt. Eine 30 Meter dicke Schlammlawine konservierte die Skelette und die gesamte Stadt Herculaneum. Erst 1709 entdeckte man sie wieder.

Der Rentner und der Künstlerfreund sind im Pergamonmuseum; durch labyrinthische Gänge und gelblich-gedämpftes Licht scheinen sie in den Ausgrabungen zu wandeln. Eine hölzerne Wiege steht so in einem Raum, wie die Eltern sie 79 n. Chr. geschaukelt haben; das Kinderskelett hat man entfernt. Der Künstlerfreund zeigt dem Rentner, mit welcher handwerklichen Kunst die ans Licht gebrachten Fresken gemalt sind: Geflügelte Engelchen spielen Versteck; Stillleben mit Granatäpfeln und erbeuteten Vögeln; Herkules findet seinen Sohn; ein Kentaur lehrt Achill das Saitenspiel. Ein Museumsführer erklärt jungen Zuhörern eine Plastik: Pan treibe es hier mit einem Ziegenbock. Als seine Zuhörer etwas weitergegangen sind, spricht der Künstlerfreund ihn an: Er glaube nicht, dass Pan schwul gewesen sei, es handle sich nämlich um eine Ziege. Grotesk und sehr realistisch ist die Plastik des trunkenen Herkules: Den Bauch weit vorgestreckt hält er seinen Penis in der Hand und pinkelt in die Gegend. Nach zweieinhalb Stunden sinken die Freunde in dem schönsten Raum auf eine Bank. Vor ihnen im geheimnisvoll wirkenden Licht stehen zwei Bronzen, jugendliche Läufer. Die Körper sind im Lauf zwar gespannt, aber von einer wunderbaren Leichtigkeit und weit entfernt von sportlich übertriebenen Muskelmännern. Auf einer Computersimulation können die Freunde staunend durch die riesigen, am Meer gelegenen Paläste gehen. Auf einer anderen erleben sie, wie der Vesuv die Stadt zuerst mit feurigen Geschossen anzündet, sie später mit der glühenden Schlammwalze überschüttet und letztendlich alles Leben vernichtet. „Ich rieche schon den Schwefel“, meint der Künstlerfreund. Und der Rentner: „Irgendwie Sodom und Gomorrha. Eine ungewöhnliche und einmalige Ausstellung!“

Tipp: Die letzten Stunden von Herculaneum, Pergamonmuseum, 22. Sept. - 1. Januar 2006

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