Zeitung Heute : Schweigen

Sonja Niemann

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Ja, ja, ja, es ist nicht originell und außerdem auch spießig, sich über Handy- Benutzer in der Öffentlichkeit aufzuregen. Ein Handy ist wahnsinnig praktisch. Ich hab ja auch eins. Wie soll ich schließlich sonst Verabredungen im letzten Moment absagen, wenn mir was besseres eingefallen ist. Oder der Freundin in Hamburg mitteilen, dass ich gerade in der U-Bahn sitze und gleich Gneisenaustraße bin, aber bis zum Südstern ist auch nicht mehr weit, und dann kommt Hermannplatz. Oder meiner Mutter sagen, dass sie wirklich nicht extra aus dem fernen Niedersachsen anreisen muss, nur um mir zu helfen, meine Wohnung mal richtig aufzuräumen.

Aber nun das. Neulich war ein schöner, sonniger Tag. Ich lag mit Tilmann am Urbanhafen. Wir lasen leichte Lektüre, ich „Brigitte“, er „India Today“, und unterhielten uns nicht – denn wozu hat man denn gute Freunde? Damit man nicht dauernd gezwungen ist, was zu sagen, um nicht als uninteressant, arrogant oder schüchtern zu gelten. Hinter uns stand aufrecht und schmuck das Urbankrankenhaus. Um uns herum tanzten ein paar Wespen Ringelreihen. Vor uns trainierte ein American Staffordshire Kampfschwimmen, indem er 217 Mal hintereinander ein Stöckchen aus dem Landwehrkanal apportierte. Ein Kreuzberger Idyll.

Bis der Typ neben uns sein Handy zückte. Und reinbrüllte: „Du, Manni, nee, ich konnte nicht auf diese sehr exklusive Party, wo DJ T.J.Coxx aufgelegt hat, obwohl der Beckham, Robbie Williams, König Bhumibol von Thailand und sogar Susan Stahnke da waren – stell dir vor, Susan Stahnke! – und alle, echt alle, nach mir gefragt haben, aber weißte, ich hab da so’n Projekt am Laufen, Film, ganz große Sache, vielleicht kriegen wir Susan Stahnke in der Hauptrolle…“

Was sollte denn das? Wir saßen vorm Urbankrankenhaus, nicht in Mitte oder Hamburg.

Schlimm, wie viel Müll so geredet wird. Habe sofort meine Mutter angerufen, um ihr das zu erzählen.

Das aller, aller letzte echte Kreuzberger Idyll findet man im reizenden Gartenlokal „Heinz Minki“, Vor dem Schlesischen Tor 3, U-Bahnhof Schlesisches Tor. Schweigen Sie dort ihre Freunde an.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar