Zeitung Heute : Schwein“ „Komm näher, du

Klaus Kinski war genial, exzentrisch und arrogant – ein schauspielernder Sexprotz. Und selbst im Scheitern war er größer als alle anderen. Zu seinem 80. Geburtstag erzählen sechs Weggefährten Anekdoten aus seinem Leben.

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Aufgezeichnet von Christian Schröder 1946

GUNNAR MÖLLER

Kinski war ein blutiger Anfänger, als er 1946/47 am Berliner Schlosspark-Theater seine ersten Rollen bekam. In „Der Widerspenstigen Zähmung“ spielte er die Frau im Vorspiel, einen Stalljungen, dem Frauenkleider angezogen werden, um einem Besoffenen weiszumachen, dass er verheiratet sei. Ein Shakespeare-Ulk. Kinski hatte nur diese eine winzige Szene, musste aber danach mit dem Besoffenen in einer Loge links neben dem Bühnenbild sitzen. Meine Rolle war schon etwas größer, der Biondello. Die Premiere war im Januar 1947, das Stück wurde ein Riesenerfolg. Damals waren alle Stücke Erfolge, vor allem im Winter: Die Theater waren geheizt, wer eine Karte ergatterte, musste nicht frierend zu Hause hocken. In der Curt-Goetz-Komödie „Dr. med. Hiob Prätorius“ spielten Kinski und ich zwei Studenten, wir waren bessere Komparserie und guckten Hans Söhnker von Hörsaalrängen aus bei seinen Vorlesungen zu.

In seiner Autobiografie hat Kinski sich über den Intendanten Boleslaw Barlog beschwert. Dass er in dieser Loge hocken und dem Besoffenen immer wieder die Schnapsflasche aus den Händen reißen musste. Weil da nur „so ein Piss-Getränk“ drin gewesen sei, habe er Steinhäger in die Flasche gefüllt und sich damit betrunken. Alles Blödsinn, typische Kinski-Übertreibung. Bei den Vorstellungen ist er nie weiter aufgefallen, aber er hat eine Scheibe eingeworfen am Theater. Nicht um gegen mangelnde Berücksichtigung bei den Hauptrollen zu protestieren, sondern aus Langeweile. Barlog hat ihn deshalb rausgeschmissen. Glas war zu dieser Zeit Gold wert, es gab ja keine Fensterscheiben.

Ob damals schon zu spüren war, dass aus diesem Klaus Kinski mal so ein Star werden würde? Nee, überhaupt nicht. Er war ein schüchtern wirkender Einzelgänger, und bei den Proben hat er sich brav an das gehalten, was der Regisseur verlangte.

Der Schauspieler Gunnar Möller, 78, drehte 1940 seinen ersten Film.

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1952

THOMAS HARLAN

Wir lernten uns 1952 bei den Proben zu „Der Idiot“ kennen, einer Ballettpantomime nach Dostojewski, die Tatjana Gsovsky am Berliner Hebbel-Theater einrichtete. Es war vom ersten Tag an eine lodernde Freundschaft. Eine Woche später nahm ich ihn nach Paris mit, wo ich studierte. Kinski war ein Prinz, der einen sechsten und siebten Sinn für die Gosse und den Pöbel hatte. Er konnte beides zum Sprechen bringen, das war dann ein Kunstwerk, das mich sofort tief beschäftigte. In seiner Autobiografie hat er behauptet, aus ärmsten Verhältnissen zu stammen, das stimmte nicht, damit hat er sich ein wenig aufgeblasen. Er war sehr früh ein Schauspieler, unterwegs in seiner eigenen Fantasie, keineswegs ein Kellerkind.

In Paris haben wir kein Sightseeing gemacht, wir haben sofort gearbeitet. Ich arbeitete an einem französischen Gedichtband, er schrieb, allerdings auf Deutsch, ebenfalls Gedichte. Gedichte, die „Ich will kein Grab“ oder „Nehmt meinen Kuss“ hießen und erst vor ein paar Jahren unter dem Titel „Fieber“ herausgekommen sind. Gedichte, die an Villon, Rimbaud und Gottfried Benn erinnern, das kann man „spätexpressionistisch“ nennen, aber man sollte ganz lange warten, bevor man solche Sätze sagt. Er schrieb in Schüben, selber fast fieberhaft. Wir haben uns angespornt, allein durch den Zustand: nachts vom Nescafé wach gehalten, auf die Schreibmaschine gehämmert. Kinski hatte nicht vor, Dichter zu werden. Aber er konnte alles. Wo er seine Nase reingehängt hat, gab es keinen Geruch, den er nicht auch von sich geben konnte. Er hat sich nie für etwas anderes halten wollen als für einen Schauspieler. Wobei das Wort „halten“ nicht stimmt. Er wollte nichts anderes sein als Schauspieler.

Wir sind dann mit einer Filmidee zu dem Baron Rothschild in Paris gegangen, er hat uns Geld gegeben, mit dem wir nach Israel fuhren. Worum es in dem Film gehen sollte, das habe ich vollkommen vergessen. Wir wollten vor allem in Israel sein. Niemand durfte wissen, dass wir Deutsche waren, wir kamen mit türkischen Papieren, Nahum Goldman, der Präsident des Weltjudenkongresses, hatte uns geholfen. Sich als Deutsche zu erkennen zu geben, wäre zu dieser Zeit in Israel lebensgefährlich gewesen. Als es nach einigen Monaten herauskam, mussten wir die Reise Hals über Kopf abbrechen. Gedreht haben wir nicht, nur geforscht und gesprochen und viele Kibbuzim besucht. Es war die Geburt dieses neuen Staats, es herrschte eine Euphorie, die sofort auf mich übersprang. Die Gründung Israels lag erst vier Jahre zurück, jeder hatte noch den Geruch der Eipelle an sich.

Kinski war auch euphorisch, aber aus einem anderen Grund. Er hatte sofort ein Mädchen aufgetan, das tatsächlich eine Entdeckung war, er war in mehreren siebten Himmeln. Sie hieß Aviva und war unfassbar schön, ich glaube, eine Marokkanerin.

Wir waren ein paar Jahre unzertrennlich, haben zusammen gewohnt, alles zusammen gemacht. Es kam auch mal vor, dass Kinski in einer Kneipe angegriffen wurde, dann habe ich mich ins Getümmel geworfen und auf die Fresse bekommen. Es war eine Ganovenliebe, eine Art Verbindung, wie schwere Jungs sie eingehen. Ein Zusammenhalt, der einen Hand in Hand gemeinsam von Ereignis zu Ereignis gehen lässt, manchmal auch leichtsinnig, ohne Geld haben wir uns als Zechpreller aus Restaurants davongestohlen. Kinski begann mit seinem Ein-Mann-Theater, trat mit Villon- und Rimbaud-Rezitationen auf und hatte damit wachsenden Erfolg. Sein großes Idol war Alexander Moissi, der Theaterstar der zwanziger Jahre, dessen Deklamieren ein ekstatischer Gesang war. Kinski sprach auch so, wenn Leute das heute hören, müssen sie sich zusammenreißen. Aber wenn du dich drauf einlässt, begreifst du, dass das die höchsten Klänge sind, die es in der Dichtung überhaupt gegeben hat. Und da ist Kinski vorhanden. Dass er 1956 aus dem Wiener Burgtheater rausflog, darüber hat er mit mir kaum gesprochen, das spielte keine Rolle.

Ich leitete das „Junge Ensemble“ in Berlin, an den Villon-Abenden habe ich als eine Art Dramaturg intensiv mitgearbeitet. Zum Zerwürfnis kam es, weil ich Kinski im Verdacht hatte, er habe die Theaterkasse ausgeräumt. Ich habe überreagiert, ließ 1959, als Kinski mit einem Brecht-Abend im Berliner Titania-Palast auftrat, seine gesamte Gage pfänden. Das habe ich später als Verrat empfunden, vielleicht hätte ich ihm lieber einfach eins in die Fresse hauen sollen. Ich habe das sehr bereut, weil danach alles kaputt war. Wiedergefunden haben wir uns erst ein paar Jahre vor seinem Tod. Ich habe ihm nach Kalifornien geschrieben. Er kam nach Paris, sprach kein Wort über das Zerwürfnis. Stattdessen haben wir ein neues Filmprojekt ausgesponnen, es hieß „Katharina XXIII.“, der Monolog eines Konteradmirals der sowjetischen Flotte, der das Ende der Sowjetunion nicht aushält, auf seinem Flaggschiff den Winterpalast rekonstruiert und sich am Ende mit seiner Besatzung versenkt. Weil Klaus starb, haben wir den Film nicht mehr drehen können. Aber das Ende unserer Freundschaft war wieder genau wie der Anfang: Ständig bekam ich Briefe von ihm, die Brüderlichkeit war so groß, dass er mich etwa aufforderte, Beschimpfungen an eine französische Fotoagentur in ein akzeptables Französisch zu übersetzen, von der er sich wegen falscher Bildunterschriften misshandelt fühlte. Sie mussten über fünf Seiten verflucht werden. Ich habe mir Mühe gegeben, ihm zu helfen, aber es war nicht einfach.

Thomas Harlan, 77, Sohn des NS-Filmregisseurs Veit Harlan („Jud Süß“), ist Filmemacher und Schriftsteller.

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1958

INGO INSTERBURG

Klaus Kinski war befreundet mit einem Mädchen, das Yorka hieß, und Yorka war befreundet mit einem Maler namens Heinz, und Heinz war befreundet mit mir. So haben sich unsere Wege gekreuzt, 1958, als ich Kunst studierte in Berlin. Auf Partys habe ich Gitarre gespielt, und Kinski suchte einen Gitarristen, weil er Brecht-Balladen singen wollte. Bin ich hingegangen, hab ein paar Solostücke vorgespielt, und das gefiel ihm. Vielleicht war ich der Einzige, mit dem er sich nie gezankt hat. Es gab anfangs mal eine Unstimmung, ich war damals auch neu beim Rias, da gab es die Sendung „Rias Kaffeetafel“, das war für mich das Größte. Sie luden mich ein, am nächsten Tag maulte Kinski: „Das hat doch kein Niveau“, er war ungehalten, ich dann auch. Hätte er mich angebrüllt, wäre ich abgehauen. Wir waren Geistesverwandte. Er achtete, was ich konnte, mein Gitarrenspiel. Und ich achtete, was er konnte. Sein Gedächtnis hat mich beeindruckt: Er hat jede Woche ein anderes Anderthalbstundenprogramm auswendig gelernt, Villon, Rimbaud, Shakespeare. Bei seinen Filmen lernte er die Drehbücher, während er geschminkt wurde. Später habe ich ihn in seiner Grunewald-Villa besucht, er wusch sein Auto und rezitierte dabei flüsternd ein Drehbuch.

Wir haben anfangs auch zusammen gewohnt, in der Uhlandstraße 161. Hinterhaus, vier Treppen rechts. Eine Vierzimmerwohnung, vorne lebte noch ein Untermieter, Kinski gehörten zwei Zimmer, eins zum Proben, eins zum Schlafen, mein Reich war das letzte Zimmer. Kinskis Räume waren nur karg möbliert, sein Bett war zu ebener Erde, außerdem besaß er einen Tisch und zwei Stühle. Die Klamotten hingen bohemeartig in der Tür, wichtig war der Plattenspieler, auf dem er stundenlang das rhythmische Getrommel afrikanischer Volksmusik hörte. Abgesehen von den Proben haben wir uns in der Wohnung kaum gesehen, wir haben uns mehr gehört, nachts, wenn aus dem Nebenzimmer Sex-Geräusche drangen. Privat hatte Kinski immer so eine Folie vor sich, er ließ niemanden an sich heran, über Privates haben wir nicht gesprochen. Nach einem Dreivierteljahr bin ich ausgezogen, weil meine Frau schwanger wurde. Ich heiratete, zog zu meiner Schwiegermutter, rausgeschmissen hätte mich Kinski nie. Kurz danach wurde Kinskis Tochter Nastassja geboren, und er bezog mit seiner Familie eine Villa in der Griegstraße in Grunewald. Später lud er mich in sein Haus nach Rom ein, aber ich habe es nicht geschafft, ihn zu besuchen. Ein Kneipenfreund von mir ist aber hingefahren und kehrte begeistert zurück. Er war mit Essen bewirtet worden und hatte umsonst übernachten dürfen.

Wir hatten zwei Brecht-Abende in Wien, die waren sehr erfolgreich, und in Berlin, im Titania-Palast. Da saß Götz George in der ersten Reihe. Neben ihm saß ein Mann, der permanent störte. Manche Zuschauer kamen ja nur zu Kinski, um ihn zu provozieren und anzugreifen. Ich sagte: „Halt die Fresse“, danach war Ruhe im Saal. Götz George hat mir später erzählt, dass ihm das gefallen hat. Ich sollte 500 Mark kriegen, Kinski 4000, aber dann wurde die Gage gepfändet, weil sein Jugendfreund Thomas Harlan geklagt hatte.

Meine Gage hätte eigentlich nicht gepfändet werden dürfen, Kinski blieb mir das Geld vorerst schuldig. Bald darauf trampte ich mit einem Freund nach Spanien, Kinski sagte, er schickt mir das Geld hinterher. In Marseille haben wir drei Tage gewartet, aber es kam kein Geld. Wochen später schrieb Kinski, dass er die Summe gerade nicht hätte. Ich hab dann ein Vierteljahr in Wien gelebt, kam zurück nach Berlin und traf Kinski auf der Straße. „Weißt du schon, wo du lebst?“, hat er gefragt und mir den Schlüssel zu seiner Wohnung gegeben. Da konnte ich umsonst wohnen. Und das Geld habe ich schließlich auch noch bekommen, davon kaufte ich mir ein Goggomobil. Mit Geld konnte Kinski nicht umgehen, bei den Edgar-Wallace-Filmen ließ er sich immer einen üppigen Vorschuss auszahlen, den er dann auf den Kopf haute. Deshalb musste er einen Film nach dem anderen drehen. Er hat sich gerne große Autos bestellt, einen Rover oder einen Zwölfzylinder-Jaguar.

In Wien wurden wir von dreitausend Zuschauern gefeiert, das Plattenlabel Amadeo machte einen Live-Mitschnitt des Brecht-Abends, und wir verbrachten ein paar Wochen damit, den zu bearbeiten. Leider hatte sich das Label nicht um die Rechte bemüht, und weil Brechts Witwe Helene Weigel Kinskis Änderungen am Text nicht gefielen, mussten alle Platten am Ende eingestampft werden. Deshalb machte es auch keinen Sinn mehr, mit den Brecht-Songs noch auf Tour zu gehen.

Bei Kinski habe ich diszipliniertes Üben gelernt. Wir probten drei Wochen in unserer Wohnung in der Uhlandstraße. Kinski beherrschte seine Texte sehr schnell, hat dann aber wie wahnsinnig an der Interpretation gefeilt. Für Brechts Song „Kohlen für Mike“, ein Dreieinhalbminuten-Stück, haben wir sieben Stunden geprobt. Es erzählt von einem Mann, der Kohlen aus dem fahrenden Zug wirft, damit Arme sie aufklauben können, ich musste stundenlang die Eisenbahn auf der Gitarre imitieren, mit einem körperlichen schweren Griff. Singen konnte Kinski nicht, es war mehr ein Sprechgesang, bei dem er dauernd den Rhythmus und die Tonart änderte. Er setzte auch lange Pausen, ich musste ihm immer hinterherspielen. Ein richtiger Berufsmusiker wäre verrückt geworden. Ich hieß „Guitar Ingo“, Kinski hatte missfallen, dass „Gitarre“ ein Wort mit Doppel-R ist. Er versuchte mir auch einzureden, dass ich behaupten solle, aus Spanien zu kommen. Das habe ich aber nicht gemacht. Kinski war eitel. Bei der „Seeräuber-Jenny“ habe ich ein Flamenco-Solo gespielt, dafür bekam ich Zwischenapplaus, eine Zeitung schrieb: „Die Überraschung des Abends: Guitar-Ingo mit seinem spanischen Solo.“ Da war ich stolz, aber am nächsten Abend hat Kinski mir in das Solo hineingequatscht. Mein Erfolg hatte ihn geärgert.

Ingo Insterburg, 72, Gründer der Blödeltruppe „Insterburg & Co.“, tritt heute mit Solo-Performances auf.

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1963

GRIT BÖTTCHER

Über Kinski kursierten wüste Geschichten, dass Frauen vor ihm Angst haben müssten, dass er Schauspielerinnen körperlich bedroht habe. Aber als wir 1963 „Der schwarze Abt“ drehten, habe ich ihn ganz anders kennengelernt: sehr charmant und nur nett. Wir sind uns zum ersten Mal in der Kantine begegnet, er saß müde am Tisch, ich habe ihn angequatscht, dann haben wir geredet. Wir konnten miteinander lachen, und wenn zwei Menschen miteinander über Albernheiten lachen können, ist die Verklemmtheit weg. Kinski hatte dieses Image, „exzentrisch“, vielleicht sogar „verrückt“ zu sein. Das hat er anfangs kultiviert, sicher auch, um sein eigenes Ich zu schützen, seine Verletzlichkeit hinter dem Medienbild zu verstecken. Später hat er vielleicht selber an sein Image geglaubt. Als ich dann mit Harald Juhnke die Sketche für „Ein verrücktes Paar“ machte, hat Harald irgendwann gefunden, ich müsste auch eine Marotte haben. Als Schauspielerin keine Marotte zu haben, gehe nicht, das sei langweilig. „Saufen kannste nicht, das mach ich schon“, hat er gesagt. „Verrückt ist der Kinski, geht auch nicht.“ Mir blieb nichts weiter übrig, als so langweilig zu bleiben, wie ich bin.

Die Schauspielerin Grit Böttcher, 68, lebt in München.

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1969

PETER BERLING

Als ich 1969 nach Rom zog, war Klaus Kinski die heimliche Attraktion der meist blonden deutschen Gemeinde. Ich musste ihn sofort kennenlernen. Regelmäßig spielten wir dann Tennis, Nastassja, seine damals elfjährige Tochter wurde als Balljunge mitgenommen und mit tausend Lire pro Stunde entlohnt, sowie einem großen Gelato. Klaus war ein schlechter Verlierer, es gab ständig Streit, ob ein Ball „gut“ oder „aus“ war. In jedem Fall wurde ich als „sehbehinderter Trickser“ und als „infamer Linienfuchser“ seiner meterweiten Großzügigkeit beschimpft. Kinskis Karriere hatte zu dieser Zeit ihren Tiefpunkt erreicht. Völlig abgehalftert drehte er drittklassige Spaghetti-Western und trashige C-Movies, „back to back“ – immer zwei Filme gleichzeitig – und kassierte dafür unter der Hand kaum mehr als 2,5 Millionen Lire, das waren ungefähr 2000 DM. Kein seriöser Regisseur wollte mehr mit ihm arbeiten.

Aus dieser Situation rettete Kinski 1972 Werner Herzog, der ihm die Hauptrolle in „Aguirre – Der Zorn Gottes“ anbot. Obwohl der Film ein Budget aufwies, das heutzutage keinen Dokumentarfilmer hinter dem Ofen hervorlocken würde, warf Herzog ihm – zum spöttischen Amüsement des Stars – stolze DM 90 000 in den Rachen. Klaus hätte es mit Kusshand auch für ein Drittel gemacht.

Wir flogen nach Peru, Kinski war der Star, Herzog hofierte ihn, das völlig unterfinanzierte Abenteuer begann, über die Höhen der Anden bis in die Tiefen des Regenwaldes am Amazonas. Herzog hatte eigens für alle Teammitglieder rot-weiß gestreifte Seesäcke schneidern lassen, mehr, als da reinpasste, sollten wir nicht mitnehmen. Ich kam in Cusco an, gleich nach mir landete die Maschine von Kinski.

Klaus stieg aus, seinen prallen Seesack geschultert, Herzog strahlte wie ein Honigkuchenpferd, es ertönte ein schriller Pfiff von Kinski, die Frachtluke öffnete sich und sieben riesige, mit Aluminium beschlagene Überseekisten wurden herausgewuchtet: eine komplette Ausrüstung für Tiefseetaucher, mehrere Sauerstoffflaschen inklusive, ein gasbetriebener fünfflammiger Campingherd, ein Eisschrank mit eigenem Aggregat und dazu alles, was ein Bergsteiger braucht, ausreichend für drei Seilschaften samt stählernen Eispickeln. Widerspruchslos wurde alles mitgeschleppt.

Auf dem Amazonas lebten wir auf gewaltigen, selbst gebastelten Holzflößen in Palmhütten. Die Flöße trieben gemächlich die mäandernden Flüsse hinab und wurden des Nachts in einer festgelegten Reihenfolge – wegen der ebenfalls gemächlich treibenden Fäkalien – in der Strommitte verankert: zu oberst das Floß von Kinski, auf dem er mit seiner Frau Minhoi hauste, dann das der übrigen Darsteller, danach Herzog und sein engeres Team, dann das „Frauenfloß“ und ganz am Ende die sonstigen Hilfskräfte und Indio-Komparsen.

Da ein Großteil der Schauspieler, die eigens aus Verehrung für Herzog aus Brasilien angereist waren (wie der bekannte Regisseur Rui Guera), schnell empört war über die Art und Weise, mit der Herzog die Einheimischen behandelte, erteilten sie ihm „Hausverbot“, so dass er des Abends auf seinem Kanu nur den Fluss entlangpaddeln konnte, um uns den Drehbeginn für den nächsten Tag zuzurufen. Sobald er die Höhe von Kinski erreicht hatte, erschien der Lauf von dessen Winchester in der Schießscharte des massiven Blockbaus, und man hörte Kinski krächzen „Komm noch ein bisschen näher, du Schwein!“ Darauf ließ Herzog es nicht ankommen, dabei schoss Kinski nur Hühner für die Küche, die in den umliegenden Bäumen saßen.

Dass Regisseur wie Star bald Eingeborene engagiert hätten, die jeweils den anderen umbringen sollten, ist in das Reich wildwuchernder Fabeln zu verweisen.

Bei „Cobra Verde“ riss Kinski schließlich die Regie völlig an sich. Er hatte bereits den Kameramann zum Teufel gejagt und durch einen neuen ersetzt und nun erhielt auch Herzog Setverbot, immer mit der Drohung „sonst reise ich auf der Stelle ab!“ Solange Herzog noch das Zepter schwang, bestanden Kinskis Einwände betreffs Dramaturgie und „Achssprüngen“ stets zu Recht. Kaum hatte er ihn verbannt und selbst das Kommando übernommen, fabrizierte Klaus bar jeder Selbstkontrolle nur noch abstrusen Schwachsinn. Die Szenen waren nachher im Schneideraum beim besten Willen nicht zu gebrauchen. Herzog musste mühsam das einbauen, was unumgänglich war.

Kinski hielt sich für einen begnadeten Regisseur, mit seinem Film „Paganini“ hatte er seinen italienischen Produzenten, der ihn anbetete, völlig ruiniert. Der Mann ging Bankrott und beging dann Selbstmord. Bevor es so weit war, ließ Klaus seinen Leib- und Magenfriseur bei mir anrufen, er müsse mich sofort sehen, er habe eine tolle Rolle für mich. Und schon stand eine Limousine vor der Tür und verschleppte mich in die Albaner Berge, wo Kinski auf einem Castello sein Meisterwerk in Szene setzte. Kaum hatte ich den Schlosshof betreten, lief mir schon weinend der Coiffeur entgegen. „Geh nicht rein, er ist heute ganz furchtbar!“ So leicht ließ ich mich nicht beirren. Durch immer weiter hintereinander gesetzte Säle hindurch sah ich in der Ferne eine schwarzgewandete Gestalt wie Rumpelstilzchen tanzen mit pechschwarzen Haaren: Kinski als Paganini!

Er umarmte mich nicht wie üblich zur Begrüßung, sondern kniete sich vor mir auf den Boden: „Ich sehe dich rot, feuerrot und ohne Bart!“ Meine Antwort kam trocken: „Das kommt vom Alter, Klaus, die Augen machen nicht mehr recht mit.“ „Du spielst meinen Agenten, ich sterbe in deinen Armen, ich flüstere meine letzten Worte in dein von roten Haaren verdecktes, fleischiges Ohr – aber der Bart muss ab!“ „Das habe ich mir schon immer gewünscht“, entgegnete ich gerührt, „aber der Bart bleibt dran, ich habe ihn Scorsese versprochen.“ „Scorsese, wer ist schon Scorsese!“ Der leidgeprüfte Produzent betrat die Szene, zog mich zur Seite und flüsterte: „Das ist alles morgen wieder vergessen, nimm’s nicht ernst.“ Aber ich musste ihm zur Antwort geben: „Doch, ich erinnere mich jetzt wieder, wie furchtbar er sein kann“ und verzichtete auf die Rolle. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass ich Klaus begegnet bin.

Peter Berling, 72, lebt als Schauspieler und Schriftsteller in Rom

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1985

BERTHOLD SACK

Als Klaus Kinski zum ersten Mal vor mir stand, hatte er quietschorange gefärbte Haare. Ein Produktionsleiter hatte mich 1985 eingeladen, wir flogen nach Rom. Es ging um „Cobra Verde“, den Film, in dem Kinski einen Sklavenaufseher zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielen sollte. Er war schon fast 60 und hatte sich die Haare lang wachsen lassen. Sie sollten für den Film blond sein, waren aber schon grau. Kinski hatte selber versucht, sich die Haare zu färben, mit Wasserstoff aus der Apotheke, so wie es damals auch die Punks machten. Das war sehr verunglückt, er war hysterisch, drehte durch: „So kann ich nicht rausgehen, nur mit Turban oder Mütze. Am besten, ich schneide mir die Haare gleich ganz ab.“ Da habe ich ihn gerettet. Es gibt eine Farbmischung von drei verschiedenen Farbtönen, wir nannten das: „Das Blond Ihrer Kindheit“. „Genau so etwas brauch ich“, sagte er. Ich machte meine Köfferchen auf, wir sind ins Hotel-Badezimmer gegangen, und ich habe Kinskis Haare umgefärbt. Das dauerte einen halben Tag, danach strahlte er und war überglücklich.

Wir drehten drei Monate in Ghana und anschließend zwei Monate in Kolumbien, die salzige Meeresluft machte es für mich schwierig, die Continuity zu wahren und immer den identischen Blondton hinzubekommen. Kinski konnte unerträglich sein, bei „Cobra Verde“ wurde der Kameramann ausgetauscht, weil er sich seinen Kommandos widersetzte. Unser Verhältnis war relativ entspannt, aber ich brauchte einige Zeit, um mich an seine Ansprüche zu gewöhnen. Er war neidisch, wenn ich mich um andere Schauspieler kümmerte, und beanspruchte mich immer mehr. Der Produktionsleiter ernannte mich schließlich zu Kinskis „Private Assistent“, damit war ich nur noch für ihn zuständig. Ich machte ihm die Haare und das Make-up und reichte ihm auch die Kostüme an, weil er die Kostümbildnerin nicht mehr an sich heran ließ. Er wollte keine Frau um sich haben, weil das ein Hemmnis hätte sein können für seine Beziehungen mit anderen Frauen, einheimischen Schönheiten, die er haremsweise um sich versammelte.

Am Anfang gab es eine Auseinandersetzung zwischen uns. Weil Kinski einen Tag drehfrei hatte, hatte ich mich aus dem klimatisierten Hotel entfernt, um Herzog bei der Arbeit zuzusehen. Am Horizont tauchte eine Staubwolke auf, Kinski fuhr in einem Mercedes vor, lief zum Strand und brüllte mich an, was mir einfiele, er müsse doch das Kostüm anprobieren. Er war total in Rage und kam so dicht an mein Gesicht, dass kein Blatt mehr zwischen uns gepasst hätte. Der Beleuchtungschef stand ein paar Schritte hinter uns und wäre dazwischengegangen, wenn es handgreiflich geworden wäre. Danach wusste ich Bescheid, dass ich Kinski über jeden meiner Schritte zu unterrichten hatte.

Kinski war abrupt, schnell im Denken und Handeln. Für andere manchmal zu schnell. Für sein Herzensprojekt „Paganini“ bot man ihm bei Kamera, Licht, Bühnenbild die besten Leute an, aber er war nicht bereit, Ratschläge anzunehmen. „Die verstehen mich alle nicht“, sagte er. „Die wissen nicht, was ich will. Ich will aus diesem Geiger kein Monument machen, der Film soll ein gewaltiger Videoclip werden.“ Ein paar Jahre später, als bei Festivals die „Dogma“-Filme mit wackelnder Kamera liefen, ist mir klar geworden, dass Kinski ein Visionär war, der seiner Zeit weit voraus war. Auf „Paganini“ hatte sich Kinski sehr lange vorbereitet, er ließ sich die Haare schulterlang wachsen. Ich musste wieder färben, diesmal sollten sie so blauschwarz werden wie bei Tarzan. Wir zogen ein halbes Jahr zigeunermäßig mit dem Team durch Italien, drehten an wunderbaren Orten, in Schlössern und Palazzi, auf Sizilien, in Venedig und in einem alten Theater in Parma.

Sein letztes Projekt hieß „Big Hunter“. Die Story: Die Geliebte eines Großwildjägers wird von einem Panther zerfleischt, und der Jäger geht in den Dschungel, um sich zu rächen und den Panther zu töten. Wir sind ohne Drehbuch nach Simbabwe geflogen und haben sechs Wochen gedreht. Dann ging das Geld aus. Kinski, der wieder Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person sein wollte, hatte sich mit den italienischen Produzenten überworfen, und wir kehrten quasi bei Nacht und Nebel zurück nach Europa. Mein Geld habe ich trotzdem bekommen, dafür sorgte Kinski, der in solchen Dingen sehr solidarisch sein konnte und für mich intervenierte.

Danach rief er noch ein paarmal aus Kalifornien in aller Herrgottsfrühe bei mir in Berlin an und war ganz erpicht darauf, den neuesten Tratsch zu erfahren: „Na, wo warst du wieder letzte Nacht, du hast doch bestimmt irgendwo rumgehurt?!“ Er war hellwach, schlief immer nur vier oder fünf Stunden, war ständig unter Strom. Drogen brauchte er nicht. Bei „Big Hunter“ wollte er dem Kameramann einmal eine Szene vormachen, er schulterte die Kamera, riss sie herum und fasste sich nachher schmerzverzerrt an die Brust. Als ich sagte: „Du musst zum Arzt gehen, pass auf dich auf“, entgegnete er: „Das geht dich gar nichts an!“ Sein Tod war beinahe absehbar. Aber einen Schauder habe ich bekommen, als ich las, dass die Ärzte bei Kinskis Obduktion ein vernarbtes Herz fanden. Das waren die Spuren eines wilden Lebens, er hatte sicherlich schon, ohne es zu wissen, einige Infarkte hinter sich.

Berthold Sack, 57, ist Friseurmeister, Maskenbildner und Perückenmacher.

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