Schweinegrippe : Keine Panik

Hartmut Wewetzer

Stell’ dir vor, es ist Schweinegrippe-Impfung, und fast niemand geht hin. Diese Vorstellung könnte Wirklichkeit werden, wenn die Impfung Ende des Monats beginnt. Noch vor ein paar Monaten wäre das undenkbar gewesen. Als im Frühjahr mit der Schweinegrippe ein neues Grippevirus in Mexiko auftauchte und sich in Windeseile über die Welt ausbreitete, war die Furcht groß. Die grauenvolle Spanische Grippe von 1918 warf plötzlich einen langen Schatten in die Gegenwart. Nur eine Impfung schien der Pandemie Einhalt gebieten zu können.

Jetzt, ein halbes Jahr, später, ist es vollbracht, der Impfstoff in Rekordzeit hergestellt und in ausreichender Menge vorhanden. Aber dieser Triumph der Medizin freut niemanden so recht. Stattdessen dominiert die Kritik. Der Impfstoff habe Risiken, die Schweinegrippe dagegen stelle sich als ziemlich harmlos heraus. Warum also überhaupt impfen?

Die Impfskepsis hat ihre Berechtigung, wenn sie auch überzogen ist. Der für Deutschland bestellte Impfstoff enthält Verstärker, weil man mit seiner Hilfe den Impfstoff strecken und das Immunsystem gegen den neuartigen Erreger vom Typ H1N1 besonders gut „scharf“ machen kann. Die bisherige Erfahrung mit Schweinegrippe-Impfstoffen spricht dafür, dass bereits nach wenigen Tagen ein zuverlässiger Schutz vor dem Erreger erreicht wird.

Häufige Nebenwirkungen der Impfung sind eine gerötete, tastempfindliche und geschwollene Haut an der Einstichstelle, Kopf- und Gliederschmerzen, selten auch Fieber. Altbekanntes also. Zudem gibt es ein nicht auszuschließendes Risiko für seltene, schwere Nebenwirkungen, über die nur spekuliert werden kann. Alles in allem aber bestehen wenig berechtigte Zweifel daran, dass die Impfung wirksam und sicher ist. Deshalb ist es nicht sinnvoll, von der Panik vor der Schweinegrippe nun in die Panik vor der Schweinegrippe-Impfung zu verfallen.

Allerdings verläuft die Pandemie in unseren Breiten sehr mild. Angesichts von 23 000 offiziell bekannten Fällen in Deutschland wird man vermutlich davon ausgehen können, dass in Wirklichkeit schon Hunderttausende infiziert sind. Trotzdem gab es lediglich zwei Todesfälle, und die Opfer waren Menschen, die bereits zuvor erkrankt und geschwächt waren. Viele werden sich fragen, ob ein für die meisten Menschen banaler Virusinfekt eine Impfung lohnt und sich am Ende dagegen entscheiden. Und die Politik? Sie wollte das beste, kaufte Unmengen an Impfstoff ein – und könnte am Ende auf ihm sitzen bleiben.

Trotzdem ist die Schweinegrippe keine Erfindung der profitgierigen Pharmaindustrie, auch wenn die bestens an dem Impfstoff verdient, sondern noch immer eine reale Gefahr. Es gibt sie wirklich. Weltweit hat sie bisher mehr als 4500 Todesopfer gefordert. Und es ist denkbar, dass der neue Erreger sich in der bevorstehenden Grippesaison aggressiver als bisher gebärdet und eine zweite Welle auf uns zurollt. Zumindest in der Vergangenheit war das bei neuen Pandemieviren häufig der Fall.

Ob man sich impfen lässt oder nicht, ist eine Frage der persönlichen Abwägung, ja des Charakters. Viele wird der mögliche bislang begrenzte Nutzen nicht so recht überzeugen. Sie werden erst einmal abwarten und, wenn das Virus in den nächsten Monaten tatsächlich gefährlicher werden sollte, die Impfung nachholen. Andere werden auf Nummer sicher gehen und sich sofort impfen lassen. Legitim ist beides.

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