Schweinegrippe : Wie im Flug

Angesichts der steigenden Zahl von Schweinegrippe-Infektionen beim Menschen wächst die Angst vor einer weltweiten Ausbreitung der Krankheit. Wie groß ist die Gefahr?

Roland Knauer Ralf Nestler

Bis zum gestrigen Sonntag sind in Mexiko mindestens 81 Menschen an den Folgen einer Infektion mit dem Schweinegrippevirus gestorben. In den USA wurden 20 Infektionen bestätigt und mehrere Verdachtsfälle gemeldet.

Kann das Virus nach Europa kommen und eine Epidemie auslösen?

Gegenwärtig gibt es in Europa noch keinen bestätigten Fall, bei dem ein Mensch mit dem Virus befallen wäre. Nur wenige Verdachtsfälle in Frankreich und Spanien. Nach Ansicht von Experten bei der Weltgesundheitsorganisation WHO und dem Berliner Robert-Koch-Institut handelt es sich aber um ein sehr gefährliches Virus. „In Mexiko City wurden bislang mehr als tausend Fälle gemeldet, die Dunkelziffer in dieser Millionen-Metropole ist natürlich enorm“, sagt Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle. Er rechne damit, dass dort bereits jetzt weit mehr als 10 000 Menschen infiziert seien. „Im Gegensatz zu normalen Influenzaviren, die in jeder Grippesaison auftreten, verursacht das neue Virus besonders schwere Krankheitsverläufe und eine relativ hohe Zahl von Todesfällen.“

Kekulé beunruhigt, dass offenbar nicht nur alte Menschen und Kleinkinder gefährdet sind, sondern auch bei sonst gesunden Menschen im mittleren Lebensalter schwere Krankheitsverläufe beobachtet werden. „Grundsätzlich hat das neue Influenzavirus deshalb das Potenzial, sich weltweit zu verbreiten“, sagt er. Auch die WHO-Direktorin Margaret Chan glaubt, dass eine Pandemie möglich sei. Für detaillierte Aussagen müssen die Wissenschaftler allerdings mehr über den Aufbau und die Wirkungsweise des Virus herausfinden. Experten zufolge wird das aber erst in den nächsten Tagen möglich sein.

Wie sehen die Symptome aus?

Die Schweinegrippe beginnt wie eine gewöhnliche Grippe mit Fieber und Mattigkeit, der oftmals Husten folgt. Einige Menschen, die mit Schweineinfluenza- Viren infiziert waren, berichteten über Schnupfen, Halsschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Die Symptome können so schwach sein wie bei einer leichten Erkältung, aber auch so schlimm, dass man sich sofort ins Bett legen muss. „Wer bei einer Mexikoreise oder spätestens fünf Tage danach solche Krankheitszeichen bemerkt, sollte sofort zu einem Arzt gehen und ihn bitten, eine Untersuchung auf Schweinegrippe zu machen“, rät Kekulé. Wie das geht, können die Ärzte bei den Experten des Robert- Koch-Instituts erfahren.

Was weiß man bisher über das Virus?

Das Virus gehört zu einer Gruppe, die Virologen mit „H1N1“ bezeichnen. Der erste Buchstabe steht dabei für ein Protein namens „Hämagglutinin“, das sich auf der Oberfläche des Virus befindet. Da inzwischen 16 verschiedene Typen solcher Hämagglutinine bekannt sind, werden diese Typen mit Zahlen nummeriert – in diesem Fall die „1“. Beim Vogelgrippeerreger H5N1 ist es demzufolge das Hämagglutinin vom Typ 5. Jedes dieser Hämagglutinine hat wie der Bart eines Schlüssels eine bestimmte Form. Diese schmiegt sich exakt an eine chemische Verbindung auf der Oberfläche bestimmter Zellen im Organismus an. Ähnlich wie ein Schlüssel eine Tür öffnen kann, lässt die Zelle nach diesem Anschmiegen das Virus „eintreten“. Dort übernimmt der Erreger das Kommando und lässt die Zelle rasch neue Viren produzieren.

Damit diese die Zelle verlassen und weitere Zellen infizieren können, ist das Eiweiß „Neuraminidase“ wichtig. Auch für diesen Virusbaustein, abgekürzt mit „N“, gibt es zahlreiche Arten, die von 1 bis 9 nummeriert sind.

Normalerweise können die H1N1-Viren der Schweinegrippe dem Menschen aber nichts anhaben, denn unsere Zellen haben eine etwas andere chemische Oberflächenstruktur als die der Tiere. Der Schlüssel Hämagglutinin passt also nicht zum Schloss. Auch die Neuraminidase muss sich den menschlichen Zellen anpassen, damit sich das Virus im Körper verbreiten kann. Doch genau das ist offensichtlich geschehen.

Als Ursache dafür vermuten Virologen eine „Doppelinfektion“, bei der etwa ein Mensch gleichzeitig mit einem Influenza- Virus aus einem Schweinestall und einem ähnlichen Virus aus der menschlichen Nachbarschaft infiziert ist. In diesem Fall mischen sich die Erbgutstücke der verschiedenen Viren, wodurch Erreger entstehen, die auch andere Arten befallen. Ob die Doppelinfektion bei Menschen stattfand oder bei Schweinen, ist noch nicht klar. Fest steht, dass in dem gegenwärtig beobachteten Erreger auch Erbgutstücke aus Vogelviren enthalten sind.

Wie wird das Virus übertragen?

Die Zahl der Opfer legt nahe, dass es nicht nur vom Tier auf den Menschen überspringt, sondern auch von Mensch zu Mensch übetragen wird. Das passiert auf die gleiche Weise wie bei einer gewöhnlichen Grippe: via Tröpfcheninfektion, die besonders beim Husten und Niesen wirksam ist. „Möglicherweise ist das Virus noch nicht so gut an den Menschen angepasst, dann wäre die Krankheit – zumindest gegenwärtig – nur bei engem Kontakt übertragbar“, sagt der Mediziner Kekulé. In diesem Fall bestünden gute Chancen, die Ausbreitung einzudämmen oder zumindest zu verzögern.

Gibt es eine Schutzimpfung?

Nein. Zwar wurde in den vergangenen Jahren bei Grippeschutzimpfungen mehrfach gegen Erreger des Typs H1N1 geimpft. Doch bei dem Schweinegrippevirus handelt es sich um einen neuen, bisher unbekannten Typ. Es würde Monate dauern, bis ein entsprechender Impfstoff entwickelt und produziert würde. Möglicherweise haben alle, die sich der alljährlichen Grippeschutzimpfung unterzogen haben, dennoch einen Vorteil: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Menschen auch gegen den neuen Erreger geschützt sind“, sagt Kekulé. „Kreuzimmunität“ nennen Wissenschaftler diesen Effekt. „Auch Menschen, die in den letzten Jahren eine normale Grippe mit einem H1N1-Virus durchgemacht haben, könnten einen gewissen Schutz vor dem Schweinegrippevirus haben“, sagt Kekulé. Ob eine solche, teilweise Kreuzimmunität vorliegt, könne man erst in einigen Tagen sagen.

Kann man Schweinegrippe behandeln?

Nach ersten Tests der US-Seuchenkontrollbehörde CDC sind die Grippemittel „Tamiflu“ und „Relenza“ gegen das neue Influenzavirus wirksam. „Sie wirken aber nur, wenn sie kurz nach dem Auftreten der ersten Grippesymptome eingenommen werden“, sagt Kekulé.

Welche Vorsichtsmaßnahmen sollte man

ergreifen?

Wer aus Mexiko zurückkommt, sollte seinen Körper genau beobachten und im Zweifelsfalle einen Arzt aufsuchen. Allen anderen droht derzeit zumindest statistisch gesehen ein verschwindend geringes Risiko.

Trotzdem sollte man – wie übrigens auch in jenen Zeiten, in denen keine Krankheitswelle droht – auf Hygiene achten und sich beispielsweise regelmäßig die Hände waschen. Vor allem, wenn man sich an Orten aufgehalten hat, an denen viele Menschen nah beieinander sind: beispielsweise in Bussen, Bahnhöfen oder Geschäften.

Schweinefleisch kann man getrost auch weiterhin essen. Wurde es vollständig auf mehr als 72 Grad Celsius erhitzt, sind die Schweinegrippeviren nach Expertenansicht sicher abgetötet.

Mehr Informationen zur Schweinegrippe gibt es auf den Internetseiten des Robert-Koch-Instituts unter www.rki.de und der Weltgesundheitsorganisation unter www.who.int

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