Zeitung Heute : Schweiß, Training und Glücksgefühle

Dank Turnfest ist Berlin derzeit Sportmetropole. Wer jetzt auf den Geschmack kommt: Es gibt über 200 Fitnessberufe

Silke Zorn

„No Sports“ war das Motto des früheren britischen Premierministers Winston Churchill. Die 100000 Sportlerinnen und Sportler, die sich derzeit beim Internationalen Deutschen Turnfest tummeln, dem größten Wettkampf- und Breitensportevent der Welt, sehen das anders. Unter dem Motto „Berlin bewegt uns“ finden noch bis zum 20. Mai Turnwettkämpfe, Turniere, Shows, Mitmachaktionen und Workshops rund um Sport und Gesundheit statt. Eine Veranstaltung mit langer Tradition, die dennoch voll im Trend liegt: Rund 32 Millionen Deutsche halten sich in Vereinen und Fitnessstudios in Form – Tendenz steigend. Wer beruflich in die Branche einsteigen möchte, muss nicht unbedingt ein komplettes Sportstudium absolviert haben. Zahlreiche Weiterbildungen ermöglichen auch einen Quereinstieg.

„Im Bereich Sport und Fitness gibt es rund 200 verschiedene Berufe“, fasst Thomas Niewöhner, Geschäftsstellenleiter der Deutschen Fitnesslehrervereinigung (dflv), die Vielfalt der Branche zusammen. Um die richtige Aus- oder Weiterbildung zu finden, muss man also gründlich recherchieren und sich über die eigenen Interessen klar werden: Will man praktisch arbeiten, etwa als Fitnesstrainer, Sportlehrer oder Personal-Coach oder reizt einen eher die organisatorische Seite des Sports, will man Management-, Marketing- oder Sponsoring-Know-How erwerben?

Ein breites Bildungsangebot mit einem Schwerpunkt auf der praktischen Sport- und Fitnesstrainerausbildung bieten die drei großen deutschen Fitness-Verbände an: Neben der Deutschen Fitnesslehrervereinigung sind das der Deutsche Sportstudio-Verband (DSSV) und der Deutsche Fitness- und Aerobicverband (DFAV). Während die Kurse der dflv überwiegend im hessischen Baunatal bei Kassel stattfinden, halten DSSV und DFAV ihre Lehrgänge an verschiedenen Standorten ab, unter anderem auch in Berlin.

Für Neueinsteiger in die Fitness-Branche empfiehlt Thomas Niewöhner auf jeden Fall die Absolvierung von Grundlagenseminaren, in denen Basiswissen über Sportmedizin, Trainings-, Bewegungs- und Gerätelehre sowie Ernährung vermittelt wird. Denn: Gerade im Fitnessstudio muss man überall einsetzbar sein. „Kaum jemand verbringt dort einen ganzen Arbeitstag nur hinter dem Tresen oder im Büro“, weiß der Fitness-Experte. „Auch auf der Trainingsfläche muss man sich auskennen.“ Gängige Einsteiger-Kurse sind die Trainingsleiterlizenzen C, B und A. Der dflv bietet außerdem mit seinem „Fachsportlehrer Fitness und Gesundheit“ eine Weiterbildung an, die umfassend für den Einsatz im Fitnessbereich qualifiziert und die Ausbildungsinhalte der Lizenzkurse bereits beinhaltet.

Wer erste Grundkenntnisse erworben hat, kann sich in einer ganzen Reihe von weiterführenden Kursen spezialisieren, etwa als Kardiotrainer, Rückentrainer, Ernährungstrainer, Personal Coach oder Group Fitness-Trainer. Kosten und Dauer der Kurse sind dabei höchst unterschiedlich. Bei den Fitness-Verbänden reichen sie zum Beispiel von achtstündigen Workshops für rund 100 Euro, wie dem Seminar Ernährung beim DSSV, bis hin zu mehrtägigen Lehrgängen für rund 700 Euro, wie dem „Trainer für Kraft und Muskulatur“ beim dflv.

Doch auch viele private Weiterbildungsträger tummeln sich in der Sport- und Fitnessbranche. Das IST-Studieninstitut zum Beispiel hat sich seit 16 Jahren auf Aus- und Weiterbildungen in den Bereichen Sport, Tourismus, Fitness und Wellness spezialisiert. Fast alle Kurse kombinieren Fernunterricht mit Präsenzseminaren, überwiegend am Wochenende. Einen wichtigen Stellenwert nimmt dabei der Fachbereich „Sport und Management“ ein. Denn in der Branche werden selbstverständlich auch Vereinsmanager und Marketingexperten, Eventplaner und Sponsorenbetreuer, PR-Profis und Personalplaner gebraucht.

„Wir bieten sehr unterschiedliche Qualifikationen an“, erzählt Fachbereichsleiterin Merle Merten, „von umfassenden Studiengängen, zum Beispiel im Sportmanagement oder im Sportmarketing, bis hin zu kürzeren Kursen von rund drei Monaten.“ In diesen Kurzlehrgängen kann dann gezielt Spezialwissen erworben werden, zum Beispiel im Fußball- oder Tennismanagement oder dem Betrieb von Sportanlagen. Ganz neu ist der dreisemestrige Aufbaustudiengang zum Sportökonom, den das Institut gemeinsam mit der Fachhochschule Schmalkalden anbietet.

Und die Berufsaussichten? Scheinen nicht ganz schlecht zu sein. „Inzwischen sitzen in den Geschäftsstellen von 15 Bundesligaclubs Leute, die bei uns studiert haben“, berichtet Merten nicht ohne Stolz. Und auch viele Profisportler zählen zu den Absolventen des IST, zum Beispiel die erfolgreiche Kanutin Birgit Fischer oder der ehemalige Hertha-Kicker Michael Preetz, der mittlerweile im Management des Vereins tätig ist.

Der Arbeitsmarkt beschränkt sich allerdings nicht nur auf Sportvereine und Fitnessstudios. „Gute Möglichkeiten bietet auch der Tourismus“, erzählt Verena Brauwers, die beim IST für den Fachbereich „Fitness und Wellness“ zuständig ist. „Viele Hotels und Clubs bieten ihren Gästen inzwischen Sport- und Fitnessmöglichkeiten.“ Ein Absolvent der Schule sei sogar auf dem Kreuzfahrtschiff Aida untergekommen. Hinzu kommen Reha-Zentren, Sportreiseveranstalter, Volkshochschulen und seit neuestem auch die Betriebssportabteilungen großer Firmen. Eine weitere Möglichkeit, in der Branche Fuß zu fassen, ist die Selbständigkeit als Personal Trainer, der seine Kunden im so genannten „One-to-One-Training“ rundum betreut und individuell begleitet. Schließlich kommen auch Sportmedien und Sportartikelhersteller als potentielle Arbeitgeber hinzu.

Wer als Trainer direkt an der Basis arbeiten möchte, wird sich nach Meinung vieler Experten in Zukunft vor allem auf zwei Kundengruppen einstellen müssen: mobile ältere Menschen und übergewichtige Kinder. Auch Thomas Niewöhner von der Fitnesslehrervereinigung ist sich sicher, dass hier in den kommenden Jahren Experten mit entsprechendem Spezialwissen gebraucht werden. „Ältere Leute sind heutzutage viel fitter als früher und wollen ihren Ruhestand aktiv und nicht im Rollstuhl verbringen.“ Die dflv bietet deshalb eine Ausbildung zum Osteoporosetrainer an. Das IST-Studieninstitut hat einen Lehrgang zum Best-Aging-Trainer im Angebot, der älteren Menschen Spaß an Sport und Fitness vermitteln soll. Außerdem gibt es eine Fortbildung zum Kinderfitness-Trainer, in der die Teilnehmer lernen, dem Nachwuchs Spaß an Sport und Bewegung zu vermitteln.

Bei der Suche nach dem richtigen Bildunganbieter rät Thomas Niewöhner vor allem dazu, auf die Qualifikation der Ausbilder zu achten. „Bei den großen Fitnessverbänden etwa kommen die Dozenten in aller Regel von der Uni, sind Sportmediziner, Orthopäden oder Sportwissenschaftler, also echte Spezialisten auf ihrem Gebiet.“ Außerdem sollte man Kursdauer und Kursinhalte verschiedener Anbieter sorgfältig vergleichen. „Viel Praxis ist gerade im Sportbereich unerlässlich“, sagt Niewöhner. Wer sich für eine Trainerausbildung interessiert, dem rät der Fitness-Experte daher von reinen Fernlehrgängen eher ab. „Es versteht sich von selbst, dass man praktische Übungen nicht übers Internet oder aus Büchern lernen kann.“ Anders sieht es nach Meinung Niewöhners aber mit der kaufmännischen Seite der Sport- und Fitnessbranche aus. „Wer zum Beispiel in der Ausbildung zum Fitnessfachwirt etwas über Management und Marketing lernen will, kann das mit genügend Selbstdisziplin auch in einem Fernlehrgang tun.“

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