Zeitung Heute : Schweiß und Tränen vergießen

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Als ich das letzte mal hier war, flossen noch die Tränen. 1989 war das, ein halbes Jahr, bevor die Mauer fiel. Damals aber stand sie noch, fest wie Beton. Und unsereins stand Schlange, stundenlang. Millimeter um Millimeter rückten wir näher an die unwirschen Kontrolleure heran, fürchteten und ärgerten uns, hatten Mitleid mit all den gebeugten Alten, die mit ihren schweren Taschen in einer eigenen Schlage warteten. Bis wir endlich, abgefertigt und abgestempelt, nach Ost-Berlin gelassen wurden.

Rauskommen ging schneller. Für unsereins.

Seit damals bin nicht mehr am Grenzübergang Friedrichstraße gewesen. Jetzt dachte ich, ist es höchste Zeit für den Tränenpalast. Und siehe da: Am Eingang (der für West-Berliner der Ausgang war aus Ost-Berlin) sieht erst mal alles noch wie früher aus, die niedrigen Decken, der düstere Gang, die schummrige Beleuchtung, die alten Schilder. Aber dann – dann ist alles anders. Wer gerne jammert über die Wiedervereinigung oder über das Ende der DDR, der sollte mal in den Tränenpalast gehen und sich eine Dusche abholen. Eine heiße Dusche. Denn kühl ist es dort in diesen Tagen nicht. Die Fenster sind schwarz verhängt, die Musik ist heiß, die Nächte blau, eine riesige kubanische Band steht auf der Bühne, statt Tränen fließt nur Schweiß: Irgendjemand muss den Musikern gesagt haben, dass Berlin sehr kalt sei, und so haben sie sich für den Auftritt ihre dicksten Winteranzüge aus dem Schrank geholt. Dort, wo die Grenzer die Menschen früher in Reih und Glied platzierten und schikanierten, hüpften und wackelten und zuckten und klatschten und sangen jetzt alle fröhlich durcheinander.

Nur zu laut war es uns. Der Polizei auch. Drei Mann hoch kamen sie in der Pause vorbei und beklagten sich. Hat aber auch nichts geholfen. Wie um zu beweisen, dass Ordnungshüter an diesem Ort kein Sagen mehr haben, wurde nach der Pause noch mal lauter aufgedreht. Schade eigentlich. Einige hielten sich die Ohren zu, wir haben irgendwann die Flucht ergriffen. Nicht über die Grenze, nur ein paar Häuser weiter, zu Windhorst an der amerikanischen Botschaft. Dort haben wir kühler und leiser gesessen, auf dem Bürgersteig mit dezenter Barmusik im Rücken, haben unsere Cocktails genossen, die Polizisten im Container angeguckt – die hatten sich’s auch gemütlich gemacht – und das neue Deutschland gelobt.

Denn, Krach hin oder her: Der Tränenpalast ist ein Segen für die Stadt, die die Spuren ihrer Vergangenheit nach der Wende schneller beseitigt hat, als man überhaupt protestieren konnte. Ein Ort ganz ohne Ostalgie, der die Erinnerung wachhält und gleichzeitig was Neues wagt. Inzwischen steht der Kulturpalast unter Denkmalschutz. Wohl weniger wegen der Architektur – obwohl auch die äußerst sehenswert ist: Reine sechziger Jahre, leicht und mit Schwung, ein Haus der Moderne, ganz Stahl und Glas, der Zaun geradezu spielerisch. So baute sich die DDR, ein paar Monate nach dem Mauerbau, ihren Grenzübergang.

Tränenpalast, Reichstagufer 17, Tel. 206 100 11. www.traenenpalast.de . Am 13. August stehen ein Film und eine Diskussion über Häftlingsfreikäufe aus der DDR auf dem Programm.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben