Schweiz : Die Starken stützen die Schwachen

Die Schweiz ist das Land der Kantone. Jeder der 26 Gliedstaaten der Eidgenossenschaft führt ein weitgehendes Eigenleben, mit eigener Exekutive, eigener Legislative, eigener Rechtsprechung und dem eigenen „Kantönligeist“ – dem Beharren auf uralter Tradition und dem eigenen Vorteil. In einigen Gebieten wie in der „Republik und Kanton Genf“ fühlen sich manche Bürger sogar als Bewohner eines selbstständigen Staates. Zwischen den Kantonen gibt es oft Animositäten. So rümpfen die Genfer über die „tapsigen“ Waadtländer die Nase. Die Zürcher lästern über die „verschlafenen“ Berner. Es herrscht Konkurrenz: Die Kantone unterbieten sich mit Ministeuersätzen, um möglichst viele Betuchte anzulocken. Doch kann sich jeder Kanton auf ein Mindestmaß an finanzieller Solidarität der anderen Kantone verlassen: Der Schweizer Finanzausgleich macht es möglich. Dieser funktioniert im Prinzip wie der deutsche Finanzausgleich. Die finanzstarken Kantone greifen den finanzschwachen Kantonen unter die Arme. Dadurch sollen die Lebensverhältnisse der Menschen in den unterschiedlichen Regionen angeglichen werden – die Politik verspricht sich davon ein festes Fundament für den Gesamtstaat. Kantone mit brummender Wirtschaft und hohem Steueraufkommen zahlen dabei vergleichsweise viel in den gemeinsamen Topf ein. Seit Jahren ist die Finanzmetropole Zürich der größte Nettozahler. Kantone mit überwiegend ländlichem Charakter beziehen besonders viele Ausgleichsgelder. Am stärksten wird nach den neuesten Berechnungen der Kanton Bern profitieren: Rund eine Milliarde Franken bekommt er in Zukunft. Das System hat nicht nur Befürworter: Kritiker bemängeln die „Trittbrettfahrermentalität“ einiger Kantone. Sie würden nicht die Voraussetzungen für Wirtschaftswachstum und hohe Steuereinnahmen schaffen, sondern lieber mit aufgehaltener Hand lautstark die Solidarität der anderen fordern.

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