Zeitung Heute : Schweiz: Heidi lebt hier nicht mehr

Felix Ruhl

Ausgerechnet in diesem Jahr! Den 100. Todestag von Johanna Spyri gilt es zu würdigen, jener Autorin, die dem Land seine berühmte Tochter Heidi geschenkt hat, da stürzen zwei Schweizer Heiligtümer vom Sockel. Die beiden Ereignisse stehen, der knappen zeitlichen Abfolge zum Trotz, in keinem kausalen Zusammenhang und erfassen doch die bloßgelegten Nervenstränge einer Nation.

In Zug, der heimlichen Hauptstadt des Geldes, dank einer einmaligen Steuergesetzgebung und des Bankgeheimnisses eine der weltweit größten Anhäufungen von Briefkastenfirmen und anderer "Finanzdienstleistungen", entlud der Frührentner Fritz Leibacher seinen Zorn im Kantonsparlament. Seiner Wut fielen 14 Politiker zum Opfer, darunter fast die komplette Kantonsregierung. Bevor sich Leibacher selbst eine Kugel in den Kopf lenkte, deponierte er einen Brief mit Vorwürfen gegen die ortsansässige "Mafia".

Leibacher war kein durchgeknallter Banker im Kokain-Rausch und auch kein enttarnter Geldwäscher. Seinem Hass auf das Establishment lag ein Wirtshausstreit mit einem Busfahrer zugrunde. Am Ende einer absurden juristischen Auseinandersetzung sah er eine Verschwörung aus Politik und Justiz, die den in seinen Augen betrunken fahrenden Buschauffeur deckte. Für seine Attacke nutzte Fritz Leibacher jenes Sturmgewehr 90, das jeder Schweizer "Wehrhafte" zu den regelmäßig stattfindenden Manövern der Armee aus seinem Kleiderschrank holt. Viele Schweizer stellen sich nun die Frage, ob die Bewaffnung der Bevölkerung, der Mythos der Wehrhaftigkeit, nicht ein Relikt aus Zeiten ist, in denen die Schweizer Armee noch als Garant der Neutralität zu gelten hatte und gar vermeintlich Hitler von einem Angriff auf die Eidgenossenschaft abzuschrecken in der Lage war.

Jahrelange Misswirtschaft

Ein zweiter Mythos rankt sich um die Swissair. Sie stand für jene Kardinaltugenden, die unter dem Markenzeichen "Swiss made" zum Symbol für die Potenz eines kleinen, aber findungsreichen Landes wurden - Präzision, Pünktlichkeit, Gediegenheit, Dienstfertigkeit. Die Swissair ist nun ein Fall für das Imperfekt. Am Dienstag blieben die Maschinen auf dem Boden, weil die einst so stolze Fluglinie nicht einmal Geld für Treibstoff aufbringen konnte. Am Ende einer jahrelangen Misswirtschaft, die noch die Gerichte beschäftigen wird, steht ein Berg von 17 Milliarden Franken Schulden.

Finanzminister Kaspar Villiger verzweifelte beim Versuch, den mächtigsten Banken-Boss, Marcel Ospel, dessen Großbank UBS (Jahresumsatz 51 Milliarden Franken) die Scherben der Swissair für einen Spottpreis übernommen hat, ans Telefon zu bekommen. Villiger wollte Ospel ermahnen, die Swissair wenigstens so lange am Leben zu erhalten, bis ein Nachfolgeunternehmen bereit stünde, Teile des nationalen Flugverkehrs zu übernehmen. Immerhin hatten Tausende im Vertrauen auf den früheren Edel-Flieger Tickets gekauft. 70 000 Angestellte und eine Kette von Zulieferern bangen um ihre Arbeitsplätze. Auch Bilder, die Passagiere vor Schalttafeln voller "Annulliert"-Schilder zeigten und die nicht so recht mit dem Image der Perfektion korrespondierten, hätte Villiger gerne vermieden.

Doch Ospel war für den Mann, der seit Jahren mit zusehends größerem Argumentationsaufwand das Schweizer Bankgeheimnis verteidigt, nicht zu erreichen. Aus der UBS-Zentrale hieß es, Herr Ospel habe schließlich noch andere Pflichten. Während Villiger ins Telefon schwitzte, saß Marcel Ospel in seinem Privatjet auf dem Weg zu einer Aufsichtsratsitzung nach New York. "Der Wirtschaftsführer fährt in die Luft, der Bundesrat (die Schweizer Regierung) geht in die Luft", soufflierte ein spöttischer Bundespräsident Moritz Leuenberger.

Bilder aus den letzten Tagen: Nach dem Attentat von Zug werden am Regierungssitz in Bern Metalldetektoren installiert. (Bislang gab es keine Sicherheitskontrollen im Parlament, von einer Bannmeile ganz zu schweigen. Minister, ganz ohne Bodyguards, trifft man schon mal im Kino oder auf der Skipiste.) Der Finanzminister wird von einem Banker gedemütigt. Hochbezahlte Swissair-Piloten demonstrieren in der Finanzmetropole Zürich mit Plakaten, auf denen "Bringt die Banken ins Wanken" zu lesen ist.

Was ist los mit der Schweiz? Mit alemannischem Fleiß und mit Präzision, mit Beharrlichkeit und dem Pragmatismus eines Bergvolks sowie dem Geist einer Nation, die mehrere Sprachen und Kulturen zur Deckung brachte, wurde die Schweiz zum allseits bewunderten Staatswesen. Gleich mehrere Unternehmen machen Umsätze in der Höhe des Staatshaushaltes. Steigt die Arbeitslosenquote einmal über drei Prozent, gilt das als tiefe Krise. Ein stark ausgeprägter Föderalismus lässt im Kleinen soziokulturelle Experimente wie etwa in der Drogenpolitik zu, die allgemein als vorbildlich erachtet werden. Die direkte Demokratie, die das Volk viermal im Jahr an die Urnen bittet, wo sie nicht über Parteien, sondern über einzelne Gesetze zu bestimmen haben, führt zu einer hohen Identifikation des einzelnen Bürgers mit dem Staatswesen.

Das Ergebnis des Sonderfalls Schweiz: eines der sichersten, stabilsten und reichsten Länder der Welt, versinnbildlicht in einer Fluglinie, deren weißes Kreuz auf rotem Grund auf der Heckflosse die Errungenschaften des "Swiss made" in aller Welt zur Schau stellte. Doch in den vergangenen Jahren ist unter der sauberen Oberfläche immer mehr zum Vorschein gekommen, was das Bild der Schweiz aufs Heftigste verdüsterte. So zeigten zum Beispiel historische Untersuchungen, dass die Schweiz gegenüber Hitlerdeutschland nicht so neutral war, wie sie zu sein vorgab. Die Banken standen wegen ihrer Haltung gegenüber jüdischem Vermögen unter Beschuss. Im Sommer wunderte sich der brave Schweizer doch sehr, dass der Präsident des Nationalrats, ein Wirtschaftsanwalt aus Zug, lukrative Aufsichtsratsposten auf karibischen Inseln einnahm, wo er nicht mit Bananen, sondern "Steueroptimierungsmodellen" handelte. Bei der EU steht die Schweiz ohnehin unter dem Generalverdacht der Rosinenpickerei, kritisch (oder neidisch?) wird konstatiert, dass in der Alpenrepublik ein Drittel des weltweiten Privatvermögens lagert.

Im Fall der Swissair zeigt sich nun exemplarisch das mentale Dilemma einer Eidgenossenschaft zwischen Globalisierung und Heidi-Romantik. In einer ruhmreichen Flugflotte, die über grüne Almen und glitzernde Gletscher schwebt, sollte sich patriotische Nostalgie mit amerikanischer Unternehmenskultur paaren. Die Manager in Zürich schwelgten in den Anglizismen des Wirtschaftsjargons. McKinsey hieß ihr Gott. Wechselnde Swissair-Bosse warfen im Ausland mit Milliarden um sich, um einen der größten Flugkonzerne Europas zu basteln. Nun sind die Träume am Boden der Startpisten zerschellt.

Senner und Global Player

Der Bankrott der Swissair ist für traditionsbewusste Schweizer ein Super-Gau. Denn der Senner aus dem Appenzell hat gewisse Schwierigkeiten mit den Zürcher Global Players, das Big Business von Swissair und Co. passt nicht so ganz in die rustikale Alphütte. Das hat Verwirrung gestiftet, speziell in den ländlichen Regionen der Deutschschweiz, und zuletzt den Aufstieg des Rechtspopulisten Christoph Blocher begünstigt, einer typisch schweizerischen Figur. Blocher propagiert den alten Isolationismus und profitiert doch selbst als Chemie-Produzent (und Milliardär) von der wirtschaftlichen Öffnung Europas.

Die Entscheidung zwischen Tradition und Moderne haben die Schweizer Entscheidungsträger längst getroffen. Heimatidylle oder globale Geldvermehrung - die Banken etwa, die gerade als Sündenbock für den Swissair-Ruin herhalten müssen, wissen nicht erst seit gestern sehr genau, was ihnen wichtiger ist. Aber auch die Toblerone-Fraktion ahnt, dass der Rütli-Schwur allein nicht unbedingt die richtige Antwort auf die Fragen der Zeit ist. Vielleicht gehört die Lernfähigkeit ja auch zu den Schweizer Tugenden. Und wer partout ein paar nationale Symbole für die mentale Stubeneinrichtung braucht, kann sich ja an die Schweizer Uhren halten. Die gehen noch immer richtig.

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