Zeitung Heute : Schwer zu fassen

Die spanische Polizei hat fünf Tatverdächtige verhaftet – drei Marokkaner und zwei Inder. Experten sehen Parallelen zu der Hamburger Zelle um Mohammed Atta. Indizien deuten hin auf eine neue Dimension des islamischen Terrors. Die Bomben könnten künftig jeden treffen – auch in Europa.

Frank Jansen

BEDROHT AL QAIDA JETZT AUCH EUROPA?

Die Parallelen sind erschreckend, auch wenn sie bislang noch spekulativ erscheinen. Eine ethnisch gemischte Truppe hat die spanische Polizei nach der Anschlagsserie von Madrid festgenommen, drei Marokkaner und zwei Inder. „Das erinnert an die Hamburger Zelle um Mohammed Atta“, sagt ein Sicherheitsexperte. Es sei denkbar, dass sich in Madrid wie Ende der neunziger Jahre in Hamburg eine Clique junger Islamisten aus mehreren Ländern zusammengetan habe. Und dem Wahn verfallen sei, die Ungläubigen müssten mit exzessiver Gewalt bekämpft werden. Eine zweite Hamburger Zelle, nicht die Eta – diese Vermutung wird jetzt in Sicherheitskreisen diskutiert. Da ist die Sorge zu spüren, dass noch viele Zellen wie in Hamburg und womöglich Madrid weltweit einen blutigen Auftritt vorbereiten.

Auf den ersten Blick erscheint eine Gruppe aus Marokkanern und Indern eher seltsam und exotisch. Die Heimatländer dieser Leute sind tausende Kilometer voneinander entfernt, außerdem fehlt die gemeinsame Sprache. Aber es könnte, wie bei der Hamburger Zelle, der Glaube sein, die frömmelnde Abschottung in einer als fremd empfundenen Umgebung, die Gebete in derselben Moschee, die auch Marokkaner und muslimische Inder zusammenschweißen.

In Hamburg hatten sich ebenfalls junge Männer aus mehreren Ländern verbündet: Mohammed Atta kam aus der ägyptischen Hauptstadt Kairo, Ziad Jarrah war Libanese, Marwan al Shehhi stammte aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und der Cheflogistiker der Gruppe, Ramzi Binalshibh, hatte sich aus dem ländlich-archaischen Jemen nach Deutschland aufgemacht. Atta, Jarrah und al Shehhi steuerten dann am 11. September 2001 drei der vier entführten Flugzeuge. Die Hamburger Zelle war ein klassisches Beispiel für eine fanatische Truppe von „Dschihadisten“, Kämpfern im Heiligen Krieg. Die sich so weit radikalisierten, dass sie sich an Al Qaida wandten, um endlich so effektiv wie möglich loszuschlagen.

Eine solche Gruppe lässt sich einsetzen, von Osama bin Laden oder einem anderen Islamistenchef oder, wie jetzt italienische Medien vermuten, von einem ehemaligen Offizier Saddam Husseins. Oder sie handelt auf eigene Faust. Und kooperiert sogar mit Ungläubigen, zum Beispiel ultraradikalen Anhängern der Eta. Auch diese Vermutung wird in Sicherheitskreisen geäußert. So zeichnet sich im Gemenge der Theorien und ersten Erkenntnisse eine neue Dimension des Terrors ab: Es ist alles möglich, es gibt keine Grenzen. Der Westen muss sich neu und tiefer in die Logik des militanten Islamismus hineindenken. Denn gleich mehrere Gewissheiten sind nach den Attentaten von Madrid zerbrochen oder zumindest fragwürdig.

Erstens: Europa ist nicht länger nur Ruhe- und Rückzugsraum für islamistische Terroristen. Zweitens: Es sind auch Ziele gefährdet, die keinen erkennbaren negativen Symbolwert für Islamisten haben, wie das World Trade Center oder Synagogen. Das bedeutet eine erheblich gesteigerte Gefahr für alle Orte, an denen Menschenmengen zusammenkommen. Seien es Vorortzüge, Rockkonzerte – oder die Olympischen Spiele und die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Drittens: Die islamistische Terror-Internationale will den Westen bestrafen. Und jeder Westler, ob Politiker, Polizist oder einfach nur Passant, wird für die als große Niederlagen des Islam gewerteten Krisen verantwortlich gemacht. Das sind die Interventionen der Amerikaner und ihrer Verbündeten in Afghanistan und Irak, die israelische Besatzungspolitik in Palästina, die von Frankreich unterstützte Unterdrückung der Islamisten in Algerien, die indische Repression in Kaschmir, die Brutalitäten der russischen Sicherheitskräfte in Tschetschenien und weitere Konflikte. Bei den Anschlägen in Madrid ging es offenbar um das Engagement Spaniens im Irak. Damit sind alle, die den USA dort helfen, auch akut bedroht: Polen, Italien und jeder andere Staat, selbst wenn er nur mit einem Minikontingent teilnimmt.

Nur eine Gewissheit gilt noch. Auch wenn sich der Terror quantitativ ausweitet, bleibt er bei Sprengstoff. Doch wie lange? Ein qualitativer Sprung wäre der Einsatz von nuklearen, chemischen oder biologischen Stoffen. Oder der Angriff auf eine Chemiefabrik oder ein Atomkraftwerk. Im August 2003 nahm Kanadas Polizei eine Gruppe Pakistanis fest, die sich ein AKW nahe der Millionenstadt Toronto vorgenommen hatte. Einer der Männer hatte bereits Flugunterricht genommen.

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