Zeitung Heute : Schwer zu trennen

Wegen des hohen Ölpreises wird auch das Gas teurer werden – denn Öl- und Gaspreis sind aneinandergekoppelt. Nun fordern Politiker und Experten eine Entkopplung. Was würde das bringen?

Alfons Frese

Schön wär’s ja, wenn der Gaspreis nicht mehr im Sog der Ölspekulanten nach oben gezogen würde. Wie sich das für eine Marktwirtschaft gehört, würden dann Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen. Aber funktioniert das wirklich, wenn es nur wenige Anbieter und wenige Nachfrager gibt? Und wie wird es sich wohl auswirken, wenn die Investoren auch das Gas entdecken als Anlageobjekt und Milliarden auf fallende oder steigende Gaspreise setzen?

Die Kopplung an den Ölpreis hat historische Gründe. In den 60er Jahren ging es darum, möglichst verlässliche Investitionsbedingungen zu schaffen für den Aufbau einer Gasinfrastruktur, also vor allem von Pipelines und Netzen. So richtig sicher sein konnte man sich damals nicht, ob das Gasgeschäft wirklich in Schwung kommen würde.

Bestandteil der langfristigen Lieferverträge wurde auch eine Preisanpassungsformel oder -automatik, die es bis heute gibt und mit der auf Änderungen des Ölpreises reagiert wird. Nach einer gewissen Zeit, im Schnitt sind es etwa sechs Monate, verändert sich dann der Gaspreis. Im Spätsommer oder Herbst wird es deshalb einen Preissprung geben. Der SPD-Politiker Michael Müller hat in die Glaskugel geschaut und spricht von 40 Prozent. Das ist aus verschiedenen Gründen unrealistisch. Die Großhandelspreise sind nicht identisch mit den Preisen, die der Haushaltskunde zahlt. Und die großen Gasverteiler hierzulande (Eon Ruhrgas, VNG und Wingas) haben eine Vielzahl von Verträgen und damit auch Preisen mit ihren Kunden aus der Industrie, regionalen Versorgern und den Stadtwerkern.

Schließlich werden sich die Firmen vor Ort – in Deutschland gibt es rund 700 Gasunternehmen – vor zu großen Preiserhöhungen in Acht nehmen. Auch die Gasag, mit 650 000 Kunden mit Abstand der Marktführer in Berlin. Vor einem Jahr hatte der Stromlieferant Vattenfall mit einer unglücklichen Preiserhöhung 250 000 Kunden zur Konkurrenz getrieben. Diese bittere Erfahrung haben andere sehr wohl registriert. Und inzwischen gibt es auch auf dem Gasmarkt einige Anbieter, zu denen man wechseln kann, wenn zum Beispiel der Platzhirsch bei den Preisen überzieht. Trotz der Ölpreisbindung gibt es also ein bisschen Wettbewerb unter den Lieferanten und die Verbraucher haben Wahlmöglichkeiten. So sehr viel ändern wird das an den Preisen indes nichts.

Befürworter einer Entkopplung des Gaspreises vom Ölpreis argumentieren mit der Verfügbar+keit: Prognosen zufolge gibt es Gas mindestens noch 60 Jahre, die Ölquellen dagegen sind in 40 Jahren erschöpft. Die unterschiedlichen Knappheiten müssten also auf dem freien Markt zu unterschiedlichen Preisen führen, Gas also günstiger gehandelt werden als Öl.

Allerdings hat sich Gas in den Status einer Konkurrenzenergie zum Öl entwickelt, mit entsprechenden Preismustern und -reaktionen. Die Skeptiker einer Entkopplung weisen denn auch gerne auf die USA und Großbritannien, wo es nicht die ansonsten in Europa übliche Preisautomatik gibt, das Gas aber trotzdem teuer ist. Um auf den Punkt zu kommen: Wenn das Öl teurer wird, steigt in den USA auch der Gaspreis.

Und dennoch: Die Kopplung ist nicht gerade ein marktwirtschaftliches Instrument und verhindert deshalb auch den optimalen Einsatz von Gas, zum Beispiel in Kraftwerken, weil der Gaspreis eben nicht nach Marktgegebenheiten schwankt. Ändern können das nur die großen Gasfirmen, die Exporteure und die Importeure, zum Beispiel Gasprom, Eon Ruhrgas oder VNG. Denn in deren Verträgen ist die Automatik festgeschrieben. Die Leipziger VNG zum Beispiel, die knapp 50 Prozent ihres Gases aus Russland bezieht, hat einen Vertrag bis 2030. Und mit Norwegen, dem zweiten großen VNG-Lieferanten, ist die Preiskopplung bis 2022 festgeschrieben.

Bis dahin wird viel passieren auf den Energiemärkten – und wahrscheinlich noch manche Spekulationsblase platzen. In Kürze hoffentlich die beim Öl. Denn fast alle Marktkenner veranschlagen den Anteil der Spekulanten an der augenblicklichen Öl-Hausse auf mindestens 20 Prozent. Die müssen nur mit sinkenden Ölpreisen rechnen und entsprechend ihre Anlageentscheidung treffen – und schon fällt der Ölpreis. Und dann auch der Gaspreis. Hoffentlich.

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