Zeitung Heute : Schwere Landung

Der letzte Lebende und der letzte Tote müssen nun Diepensee verlassen – Haus und Grab dem Großflughafen Schönefeld weichen

Stefan Jacobs[Leipzig]

Nun muss Erwin Birkoben, 75 Jahre alt, wohl doch noch ein zweites Mal in seinem Leben weichen. Sein Anrufbeantworter meldet sich mit „Bettenvermietung in Schönefeld, Ortsteil ehemals Diepensee“, und in der Einfahrt zu seinem Hof hat er einen Findling aufgestellt mit der Inschrift: „Familie Birkoben, am 20.8.1944 von Ostpreußen vertrieben und am 31.1.1951 in Diepensee als Neubauer gesiedelt.“ Er ist nicht nach Leipzig gereist an diesem grauen Wintertag, an dem das Bundesverwaltungsgericht seine Entscheidung in den vier Verfahren verkündet, die stellvertretend für rund 4000 Klagen gegen den Ausbau von Schönefeld zum Großflughafen verhandelt wurden.

Vier Termine stehen an diesem Donnerstag auf dem Programm des Bundesverwaltungsgerichts: Eine Firma, die Salz abbaut, klagt gegen das Land Baden-Württemberg, um nicht für ältere Umweltschäden haften zu müssen. Ein Winzer verklagt Rheinland-Pfalz, weil er seine Weine nicht „Réserve“ und „Grande Réserve“ nennen darf. Ein Entsorgungsbetrieb will die Hansestadt Lübeck zur Genehmigung seines Wertstoffsammelsystems mit gemischten Containern zwingen. Das vierte Verfahren heißt „Birkoben und andere gegen das Ministerium für Infrastruktur und Raumordnung des Landes Brandenburg“. Es ist der größte Fall in der Geschichte des Gerichts.

Eine halbe Stunde vor der Urteilsverkündung treffen die Busse aus dem Berliner Südosten ein. Auf der Autobahn kurz vor der Ausfahrt Leipzig-Radefeld sind sie unter jener Brücke hindurchgefahren, über die seit fünf Jahren die Landebahn des Flughafens Halle-Leipzig verläuft. Es gab nicht viel Ärger um den Neubau, erzählt ein Leipziger, der aus Neugier in das monumentale Gerichtsgebäude gekommen ist. „Aber die haben hier wohl auch besser geplant als in Berlin.“ Die Angereisten verteilen sich in dem gewaltigen Atrium unter der Kuppel des Gebäudes. Die Geräusche ihrer Schritte und Gespräche hängen in der Luft. Besorgnis steht in den Gesichtern, Anspannung. Rainer Brettschneider, der als Leiter der Brandenburger Planfeststellungsbehörde die Baugenehmigung für den Flughafen unterschrieben hat und damit für viele Gegner das personifizierte Verbrechen darstellt, steht mit einigen seiner Feinde zusammen und scherzt: Er könne dann wohl den Fuhrpark übernehmen oder die Bibliothek, wenn das Gericht seinen Beschluss kippt.

Als ihn die Leute von der Flughafengesellschaft herauskaufen wollten, hat Birkoben gesagt, er lasse sich nicht ein zweites Mal vertreiben. Er war der Einzige, der sich nicht vom Umzug nach Neu-Diepensee, mit dem Auto eine Viertelstunde vom alten Dorf entfernt und jenseits der Einflugschneise, überzeugen ließ. Den anderen wurde Hab und Gut eins zu eins ersetzt, Alt gegen Neu: Häuser, Obstbäume, Hundehütten, auch mit Extras. 82 Millionen Euro hat sich die vom Bund sowie Berlin und Brandenburg getragene Flughafengesellschaft das kosten lassen – rund 230 000 Euro pro Person.

Birkobens Haus steht ungefähr in der geografischen Mitte des neuen Flughafens, etwa an der Stelle, an der der Terminal zwischen den beiden Startbahnen errichtet werden soll. Seit ein paar Monaten hat er freien Blick nach allen Seiten, denn wo die Häuser der Nachbarn standen, war nur noch Schlamm. Mittendrin gruben Archäologen unter einem Folienzelt nach Spuren früherer Besiedlung. Sie haben Hausrat aus der Jungsteinzeit gefunden und Fundamente einer mittelalterlichen Kirche. 5000 Jahre Diepensee, die jetzt zu Ende sind. Leute von den Abrissfirmen haben bei Birkoben ein Zimmer gemietet.

Der holzvertäfelte Gerichtssaal mit den Gold-Applikationen an den Wänden füllt sich, dann treten die fünf Richter in ihren purpurnen Roben ein. Für einen Augenblick scheint die Luft zu stocken, so still ist es. Dann verkündet der Vorsitzende Richter Stefan Paetow die Entscheidung: Die Planfeststellungsbehörde wird verpflichtet, über die Nachtflüge neu zu entscheiden, den Schallschutz für die Menschen in der Einflugschneise zu verbessern und die Größe der betroffenen Zonen neu festzulegen. „Im Übrigen werden die Klagen abgewiesen.“ Juristendeutsch, zusammengehalten von Paragrafen und Aktenzeichen. Richter Paetow liefert den Leuten eine Übersetzung: Der Flughafen darf in Schönefeld gebaut werden, aber von Mitternacht bis morgens um fünf gilt ein Nachtflugverbot. Murren im Saal, Paetow fährt fort, erklärt die Planung ansonsten für korrekt, weil Schönefeld gut ans Verkehrsnetz angebunden sei, nahe an Berlin und geeignet für wirtschaftliche Impulse. Lauteres Murren im Saal. Der Status quo mit den drei Berliner Flughäfen sei keine bessere Alternative zum geplanten Single-Flughafen in Schönefeld. Aber bei 360 000 Flugbewegungen und 30 Millionen Passagieren pro Jahr müsse dort wenigstens nachts Ruhe herrschen, deshalb müssten Flüge auch zwischen 22 Uhr und Mitternacht sowie morgens zwischen fünf und sechs nach Möglichkeit vermieden oder einzeln begründet werden. Weitere Einschränkung: Vor dem Baustart müssen die Behörden noch einige andere Gerichtsbeschlüsse aufheben lassen. Dann ist die Sitzung geschlossen.

Die Leute im Saal kochen. Doch anders als bei früheren Terminen explodiert die Wut nicht in Geschrei. Sie lähmt. Manche haben Tränen in den Augen, andere schweigen einfach. Eine Frau aus dem Treptower Ortsteil Bohnsdorf, ganz dicht am heutigen Flughafen, sagt: „Ich muss jetzt meiner neunjährigen Tochter erklären, dass sie nur noch fünf Stunden schlafen kann.“ Ihre Begleiterin aus Köpenick ist blass. „Die Leute werden die Zerstörung der Erholungsgebiete rund um den Müggelsee erst begreifen, wenn sie passiert ist. Wir werden etwa 200 000 Menschen sein, die durch den Fluglärm geschädigt werden.“ Eine alte Dame sagt: „Bei 1000 Flugzeugen am Tag brauche ich nicht mehr in meinen Garten zu gehen.“

Auch Chefplaner Rainer Brettschneider sieht nicht wie ein Gewinner aus. Oft stand er im Epizentrum des Hasses, die Krawatte über dem runden Bauch, mit zur Schau gestellter Ruhe. Jetzt sagt er, er sei „erleichtert, dass das Verfahren vorbei ist“. Ob der Flughafen mit den vom Gericht verordneten Einschränkungen überhaupt noch wirtschaftlich betrieben werden kann, sei sein Thema nicht.

Die Anwälte der im Bürgerverein Brandenburg-Berlin (BVBB) organisierten Gegner hatten zuvor ein kleines Pressegespräch angekündigt, aber das wird jetzt zugunsten einer Betroffenenversammlung abgeblasen. Es sind dieselben Juristen, die vor knapp einem Jahr anhand von zehn „K.o.-Kriterien“ erläutert hatten, dass der Flughafen in Schönefeld ganz sicher nicht gebaut werden würde. BVBB-Chef Ferdi Breidbach wirft die Journalisten aus dem Besprechungsraum, seine Anhänger assistieren mit Gebrüll, manche drohen den Reportern Prügel an. Sie fühlen sich verraten von den Medien, die öfter über die wirtschaftlichen Hoffnungen der Hauptstadt als über ihre Sorgen berichtet hätten. Zwar hat ihr Widerstand die Starterlaubnis um Jahre verzögert, aber die Nerven sind schwach geworden. Breidbach boykottiert die meisten Medien, und im Gästebuch auf der Internetseite des BVBB haben sich in den vergangenen Tagen erwachsene Menschen beschimpft wie Halbstarke.

Ein unauffälliger Mann mit Krawatte verlässt den Raum freiwillig. „Das muss ich mir nicht antun“, sagt er kopfschüttelnd und erzählt, er sei aus dem Bürgerverein geworfen worden, nachdem die „Demagogen um Breidbach“ vor fünf Jahren die Macht übernommen hätten. Sachlich sagt der Mann – Arzt aus dem Berliner Westen –, dass er nun sein Haus in Köpenick verkaufen werde und dass es schade sei, dass das Gericht mit der Entscheidung dieselben Fehler ermögliche, die anderswo schon vor Jahrzehnten gemacht wurden: „Die Chance auf ein langfristig wirtschaftliches Drehkreuz wurde ein für alle Mal vertan.“ Ein moderner Flughafen gehöre nun mal „in die Walachei“.

Jene, die mit der Bahn nach Leipzig gekommen sind, fuhren ganz dicht an der Alternative zu Schönberg vorbei, an Sperenberg, 25 Kilometer südlich der Berliner Stadtgrenze – ein Ort, der tatsächlich in der Walachei liegt. Unter dem Gesichtspunkt der Lärmbelastung wäre die Alternative Sperenberg inmitten weitläufiger Kiefernwälder „der deutlich geeignetere Standort“, hatte der Vorsitzende Richter gesagt. 1925 vom Fluglärm Betroffene hat die Planungsbehörde für Sperenberg ausgemacht, das aus einer Vergleichsuntersuchung vor zehn Jahren als die bessere Variante hervorging. Rund um Schönefeld könnten es nach dem Urteilsspruch mehr als 100 000 Menschen sein, die Anspruch auf Schallschutzfenster, Lüfter und Entschädigung haben. Die Anwälte sprechen von 200 000 Betroffenen.

Bald nach dem Urteilsspruch fahren die Busse zurück Richtung Berlin. Die Leute reden nicht viel auf dem Weg durch die Halle zum Ausgang. Ihre Rechtsanwälte wollen am Freitag in Berlin ihr weiteres Vorgehen verkünden.

Auf dem Friedhof von Diepensee, direkt neben dem grünen Metallzaun des heutigen Flughafengeländes, weht ein rot-weißes Flatterband. Es soll verhindern, dass versehentlich ein Baggerfahrer über das letzte verbliebene Grab rollt. „Hier ruht in Frieden Jacob Scheck, 1868 – 1956“, steht in verblasstem Gold auf dem Stein. Der Großvater von Erwin Birkoben. Die anderen Toten von Diepensee sind längst ins neue Dorf umgebettet worden. Jetzt kann die Flughafengesellschaft den letzten Lebenden aus dem aufgegebenen Ort holen und den letzten Toten umbetten.

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