Zeitung Heute : Schwerkraft aufheben

Lars von Törne

Wie ein West-Berliner die Stadt erleben kann

Eine Schachtel mit Sägespänen ist alles, was mir von meinem ersten Zirkus geblieben ist. Dazu ein Erinnerungsfoto. Da halte ich zusammen mit dem Sohn des Direktors, mit dem ich mich angefreundet hatte, ein Lama an der Leine. „Olympia“ hieß der Zirkus. 25 Jahre ist es her, dass er in unserer Nachbarschaft gastierte und uns als Kinder in eine Traumwelt entführte, deren Zauber bis heute nachwirkt. Immer noch habe ich den Geruch von Sägespänen in der Nase, wenn ich ein Zirkuszelt sehe.

Der Cirque du Soleil kommt ganz ohne Sägespäne oder Lamas aus. Zauberhaft ist das trotzdem, was die einst in Kanada gestartete Truppe in diesen Tagen unterm weißen Zeltdach am Ostbahnhof vorführt. Die bunt kostümierten Artisten fliegen, hüpfen und tanzen durch die Luft, als gebe es für sie keine Schwerkraft. Hier kann man über wagemutige Akrobatik so staunen wie einst als Kind im kleinen Dorfzirkus. Der Jongleur funktioniert perfekt wie ein Uhrwerk, der Pas de deux zweier Akrobaten in der Luft lässt das Herz tanzen, und die „Dralions“, aus Drachen und Löwen gekreuzte Fantasietiere, wirken wilder und animalischer als jedes echte Zirkustier. Wunderschön und farbenfroh arrangiert ist das alles, anmutig und voller körperlicher Höchstleistungen, sodass man vor Staunen oft zu klatschen vergisst.

Hier machen sogar die Clowns Freude, die bei anderen Zirkussen schon mal ein Trauerspiel sind. Die schwarz- weiß gekleideten Cirque-Komiker verbinden den infantilen Humor der bunten Clowns der Kindertage mit doppelbödiger Ironie. Die Rockmusik zum Spektakel ist im Gegensatz zur Rummtahtah-Kapelle des Zirkus „Olympia“ perfekt auf die Artisten abgestimmt. Nach gut zwei Stunden Spektakel geht es mir wie damals vor 25 Jahren: Am liebsten würde ich alles gleich noch mal sehen. Statt der Sägespäne habe ich eine Handvoll Konfetti von den Clowns mitgehen lassen.

Cirque du Soleil: Dralion. Vorführungen täglich außer Montag bis 5. 10. am Stralauer Platz neben dem Ostbahnhof, Karten 20 bis 69,50 Euro, Tel.: 01805 35 25 35 oder 2977 8095

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