Zeitung Heute : Schwerter zu Brieföffnern!

Der Tagesspiegel

Von Andreas Conrad

Die römischen Invasionstruppen, die 55 v. Chr. nach England schipperten, waren nicht zu beneiden: „Die Kelten sind grimmig und fackeln nicht lang, / ihr Mordsgestank macht Angst und Bang.“ Dagegen Rom: Weihrauch in den Tempeln, Parfümdüfte aus den Barbierläden, die Menschen sauber gewaschen, die Abwässer kanalisiert. Ihre Gewänder freilich stampften sie zwecks Reinigung in uringefüllten Bottichen. „Delirant isti Romani – die spinnen, die Römer.“

Und damit sind wir schon mitten drin im Sortiment der Friedenauer Firma „Museion“, die sich vor drei Jahren daran gemacht hat, Museumsshops mit Schätzen zu füllen. Mit zunehmendem Erfolg, die Bücher der „Riech mal“-Reihe sind ein Beispiel dafür. Im normalen Handel blieben sie oft unbeachtet liegen, im Umfeld eines Museumsshops aber erwiesen sie sich als Renner, und so hat „Museion“-Betreiber Daniel Strauch, ein Existenzgründer par excellence, kurzerhand die Auflage von „Römische Aromen“, „Geölte Griechen“, „Wilde Wikinger“ und „Modrige Mumien“ aufgekauft. Gerade Lehrer, so weiß er, greifen gerne zu, dankbar selbst für anrüchige Mittel, um ihren Schülern die Antike nahezubringen. Den Bleistift mit dem Obelix-Spruch hat Strauch selbst produzieren lassen, speziell für den Lateinpauker.

Mittelalter lief in letzter Zeit sehr gut, Römer ebenso. Kinder der Umgebung drückten sich die Nasen am Schaufenster des Ladens die Nasen platt, um die einen Limes-Wachturm verteidigenden Legionäre zu bewundern oder Blicke zu erhaschen auf Harry-Potter-Zauberhüte, Holzschwerter, Bastelbögen mit Burgen und abenteuerlich illustrierte Bücher. Erwachsene werden eher den Hals nach Repliken mittelalterlicher Trinkgläser recken, nach Seidenschals mit ägyptischen Motiven oder römischen Ledersandalen. Ein Schmuckkästchen von einem Laden, zum Stöbern nach überraschenden Präsenten sehr zu empfehlen, nur wird kein Kunde vermuten, dass sich hinten ein sehr erfolgreicher Versandhandel für Museales verbirgt.

Die antike Sparte seines Sortiments liegt Daniel Strauch am nächsten, hat er doch in Alter Geschichte promoviert, dazu vorsorglich im Nebenfach Archäologie und Betriebswirtschaft belegt. Fünf Jahre lang hatte er an der Akademie der Wissenschaften gearbeitet, 1998 endete der Vertrag, doch kam die Arbeitslosigkeit durchaus gelegen, um eine bei Museumsbesuchen in England und Frankreich entstandene Geschäftsidee weiterzuentwickeln. Dort waren Museumsshops selbstverständlich, in Deutschland dagegen klaffte eine Marktlücke. Hierzulande schrecken Museumsdirektoren vor solchem Handel in ihren Häusern eher zurück, befürchten ein Disneyland in den heiligen Hallen oder sorgen sich auch, dass man ihnen, wenn der Laden zu gut läuft, unter Hinweis auf diesen Erfolg die Zuwendungen kürzt.

Strauch ließ sich dennoch nicht entmutigen, belegte einen Kurs der Industrie- und Handelskammer über „Unternehmensführung für Existenzgründer“, nahm mit Erfolg am Business-Plan-Wettbewerb der Investitionsbank teil–und fand schließlich in dem Friedenauer Ladengeschäft finanzierbare Geschäftsräume. Anfangs wandte er sich mit seinem Versandhandel nur an private Käufer, bot Repliken und andere museale Artikel. Auch unter den Zwischenhändlern und Museumsshops sprach sich das bald herum, mittlerweile zählt er rund 60 Museumsshops zu seinen Kunden, darunter in Berlin Pergamon-Museum und Ägyptisches Museum, das Römisch-Germanische Museum in Köln, die Archäologische Staatssammlung München oder die Musées Royeaux Brüssel. Das British Museum in London wird hierzulande exklusiv von ihm vertreten, mit den französischen Nationalmuseen verhandelt er. Auch für Bastelbogen-Verlage wie Baoab Design aus Frankreich hat Strauch die Generalvertretung, dessen Sortiment reicht von Wikingerschiffen und Fischerbooten bis zu Sauriern und Mammuts, sehr gut laufen die allerdings nicht und haben gegen Schwerter als Brieföffner sowieso keine Chance.

So was wird nun mal gekauft, da kann Daniel Strauch auch nichts machen, obwohl ihm Artikel mit pädagogischer Nebenwirkung persönlich lieber sind. Manches lässt er mittlerweile schon selbst herstellen, arbeitet dabei mit der Berliner Firma Archaeform zusammen, die auch schon mal Kleinserien für bestimmte Ausstellungen anfertigen lassen kann. Als besonders erfolgreich erwies sich ein Stück Holz, 30 Zentimeter lang, die „Regula Romana“. Ein Zentimeter-Lineal, ergänzt um das römische Digitus-Maß hinten drauf mit Köpfen und Lebensdaten der wichtigsten Kaiser. Als Spickzettel unschlagbar.

Museion, Hertelstraße 1 in Friedenau, montags bis freitags 10-18 Uhr, Tel. 8270 5013

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