Zeitung Heute : Schwerter zu Taktstöcken

Der Tagesspiegel

Von Kerstin Decker

Fast war er in Ramallah. Eine Viertelstunde hätte er von Jerusalem gebraucht mit dem Auto. Er war eingeladen, sie warteten schon auf ihn. Der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper wollte in Ramallah ein Konzert geben, bei palästinensischen Musikstudenten. Der Flügel war schon aufgebaut in Ramallah, aber dann durfte der israelische Staatsbürger Daniel Barenboim den Checkpoint nicht passieren. Das war vor vier Wochen.

In Ramallah sitzt jetzt der ausgehungerte Arafat in seinem Hauptquartier, ein paar Getreue um sich geschart, und vor der Tür seines Bunkers stehen die israelischen Soldaten mit Maschinengewehr im Anschlag.

Daniel Barenboim sitzt in seinem Berliner Dirigentenbüro und sieht aus, als hätte er gerade nichts weiter vor. Er zündet sich eine dicke Zigarre an, und ein überzeugender, ansteckender Nirwana-Friede legt sich auf sein Gesicht. Nur wenn die Zigarre zu Ende ist, muss er wohl endgültig anfangen, den Gral zu suchen. Punkt 16 Uhr beginnt „Lohengrin“. Die Oper Unter den Linden ist soeben eine Art Gegen-Bayreuth geworden. Alle Wagner-Opern vom selben Ensemble in nur 14 Tagen. Und gleich zweimal hintereinander. Sowas gab’s noch nie.

Manche verstehen Daniel Barenboim nicht. Ein israelischer Wagnerianer, der auch noch für die Palästinenser Klavier spielen will. Ein Tabuzertrümmerer, ein aufrührerischer Musiker. Ist Daniel Barenboim der Biermann Israels? Hätte er in Ramallah, in Nahost, auch Wagner gespielt so wie gerade in Fernost? Barenboim und seine Staatskapelle haben den Anfang des Jahres damit verbracht, in Japan den „Ring“ vorzutragen. Die Japaner waren erschüttert vom Schicksal der nordischen Götter. In Israel mögen viele die Göttergesellschaft nicht, mit der Barenboim sich da umgibt. Nein, er wusste noch nicht, was er in Ramallah gespielt hätte. Er wusste nicht, welches Instrument da sein würde. Aber vor drei Jahren in Bir Zeit an der wichtigsten palästinensischen Universität spielte er Beethoven und Chopin, und die palästinensischen Studenten spielten für ihn. Der Kontakt nach Ramallah ist dort entstanden. Sie haben ihn angerufen und gesagt, es sei Zeit, dass er komme. Barenboim verstand sofort. Dabei stand die israelische Armee noch gar nicht in Arafats Hauptquartier. Barenboim dachte auch, dass es Zeit würde.

Zeit ist ganz wichtig, sagt Barbenboim. Die Musik ist eine Zeitkunst, und er ist ihr Dirigent. Aber die Politik ist auch eine Zeitkunst, findet Barenboim und scheint völlig vergessen zu haben, dass er in nicht mal einer Stunde anfangen muss, den Gral zu suchen.

Das Verhältnis von Inhalt und Geschwindigkeit. Beispiel Osloer Friedensverhandlungen, beginnt Barenboim. Vielleicht ist Oslo vor allem am falschen Rhythmus gescheitert. Die Einstimmung auf diesen Frieden war zu kurz, die Durchführung dann zu langsam. Das ist, sagt Barenboim, als wenn ich ein Beethoven-Vorspiel ganz schnell mache und dann den Kopfsatz schleppend, immer wieder abbrechend. Entsetzlich. – Also ist es zu einfach, wenn man sagt, Arafat ist schuld? – Barenboim winkt ab, ich bin kein Politiker, sagt er, aber Barak war der erste Israeli, der das Tabu Jerusalem gebrochen hat, und das hätte Arafat anerkennen müssen! Da kann man nicht einfach weggehen vom Verhandlungstisch. Ein Gegenvorschlag wäre das Mindeste gewesen. Aber vielleicht, überlegt Barenboim, war Clinton auch nicht der einfühlsamste Dirigent in Camp David. Er gab eine Geschwindigkeit vor, und das war nicht die seiner israelisch-palästinensischen Mit- Musiker. Die Welt als Tempofrage. Es gibt schnelle Sätze und langsame Sätze. Und man darf sie keinesfalls verwechseln. Auch in der Politik nicht.

Ob Ariel Scharon auch schon mal über schnelle und langsame Sätze nachgedacht hat? Als er im September 2000 auf den Tempelberg ging, dann wohl vor allem, um Baraks Satz abzubrechen. Ende des Friedensdirigats.

Mag sein, Barenboim hält Ariel Scharon überhaupt nicht für einen Politiker. Scharon denkt wie ein Militär, er handelt wie ein Militär. Und Barenboim unterscheidet streng zwischen Politikern und Militärs. Ein Militär ist für Barenboim jemand, der zerstören muss, um seine Aufgabe zu erfüllen. Ein Politiker muss alles tun, um nicht zu zerstören. Auch Arafat ist für Barenboim ein Mann der Vergangenheit, des Kampfes. Ein Militär kennt nur die Zeit des Todes. Und genau an diese Zeit glaubt Barenboim nicht, oder nur in der Musik; letztes Jahr hat er ja in Jerusalem „Isoldes Liebestod“ gespielt, gegen das israelische Wagner-Verbot. Für die Zukunft Israels aber weiß er nur eins: dass es die militärische Lösung nicht gibt. Und nie gab.

Daniel Barenboim sieht lauter Brücken, wo andere nur Gräben sehen. Ist er denn blind für eine Welt, die voller Gräben ist? Die Welt der meisten Menschen hat starre Grenzen, schon weil sie dann viel übersichtlicher ist. Aber Barenboim ist Künstler, ein Meister der Übergänge, der Verbindungen.

Vielleicht sollten wir alle Macht den Musikern übergeben. Vor allem, weil sie niemals eine Sache anfangen und dann wie ein Politiker mittendrin einfach sagen dürfen: Gescheitert! Barenboim muss schon im Anfang das Ende denken. Wenn er jetzt den „Lohengrin“ beginnt, kann er nicht nach dem ersten Akt rufen: Gescheitert! Er muss da durch. Er muss jetzt überhaupt ganz schnell weg von Barak, Camp David und Scharon, hin ans Pult, jene Oper dirigieren, deren Eindruck Heinrich Manns „Untertan“ so zusammenfasste: „Das ist die Kunst, die wir brauchen! Das ist deutsche Kunst.“ Tausend Aufführungen einer solchen Oper, und es gäbe niemanden mehr, der nicht „national“ sei. Barenboim dirigiert jetzt gleich die 901. Vorstellung des „Lohengrin“ an der Lindenoper. Der Mann ist wirklich schwer zu verstehen. Andererseits beginnt diese Musik wie der Widerschein des Wunders. Und wenn Barenboim nach Ramallah wollte, um dort vor Palästinensern zu spielen, dann doch auch nur, um das Wunder ein wenig vorzubereiten.

„Sehen Sie, Israel ist im Übergang, 1948, die Staatsgründung, das haben wir gut gemacht, nach fast 2000 Jahren.“ Barenboim sagt immer „wir“, wenn er von Israel spricht, obwohl er in Buenos Aires geboren wurde. „Aber dass wir nur 19 Jahre später, nach dem Sechstagekrieg, auch die Verantwortung für eine Minderheit übernehmen sollten, das haben wir bis heute nicht geschafft.“

Barenboim hätte es gut gefunden, wenn die Palästinenser einmal gesehen hätten, dass nicht alle Israelis Soldaten sind. Er hat Briefe bekommen aus Israel nach seiner Ramallah-Reise. In manchen steht, dass er gewiss ein großer Dirigent sei, aber woher er das Recht nehme, dieses Ansehen auszunutzen, um vor dem Feind zu spielen? „Wieso vor dem Feind?“, fragt Barenboim, wenn ich in Israel spiele, spiele ich auch nicht für Scharon. Außerdem könne er als Musiker schon heute mit dem Frieden anfangen. „Wir sind doch keine Statisten auf der Bühne von Arafat und Scharon.“ Wenn Daniel Barenboim eines nicht ausstehen kann, dann sind das Reisebeschränkungen. Darum macht er das jetzt auch mit dem Wagner. Also nicht wegen des Rekords? Der Dirigenten-Blick füllt sich mit abgründiger Verachtung. Was soll er, das einstige Klavier-Wunderkind, über das schon der große Furtwängler sein Erstaunen notierte, mit einem Rekord? Nein, eine ungeheure Reise soll dieser Wagner-Marathon werden. Er hat jetzt einen beinahe kompromisslosen Gesichtsausdruck, und wir fürchten schon, gleich wird er einzeln gespielte Wagner-Opern für Dilettantismus erklären. „Ich denke zyklisch!“ Der halbe „Parsifal“ sei schon im „Holländer“ drin, nur eben unentfaltet. Wie er das sagt, kann sein, der „Parsifal“ ist ihm von allen Wagner-Opern die liebste. Manche glauben noch immer, der „Parsifal“ sei im Grunde eine antisemitische Oper.

30 Minuten vor „Lohengrin“-Beginn hängt Daniel Barenboims Zigarre absturzgefährdet über der Stuhllehne. Was diese Nicht-Musiker für Fragen stellen! Warum begreift denn keiner, dass es um die Musik geht? „Es gibt ja keine einzige antisemitische Figur bei Wagner, nicht mal Kundry im ,Parsifal’.“

Wir ahnen, wenn Barenboim diese Musik nicht unberührt wüsste von den manchmal grob antisemitischen Ausfällen ihres Urhebers – er hätte Wagner nicht gespielt im Sommer in Israel. Barenboim hält den Umgang mit Wagner für symptomatisch für die geistige Verfassung Israels. Für die Unfreiheit gegenüber sich selbst. Wir werden nicht mehr von außen definiert. Wir müssen uns selber definieren. Das haben wir noch nicht geschafft.

„Lohengrin“ beginnt. Kein Platz bleibt frei. Die meisten Besucher kommen aus dem Ausland. Die Gralsburg leuchtet. Und das soll eine reaktionäre Oper sein? Als Wagner mit dem „Lohengrin“ fertig war, zündete er erst mal ein Opernhaus an. Richtige 68er machen das so, und Wagner war einer, genauer, er war ein 1848er, er organisierte die Revolution in Dresden.

„Nun sei bedankt, mein lieber Schwan.“ – Barenboim dämpft und forciert den Rittersmann mit der Andeutung einer Bewegung der rechten Hand. Manchmal singt er auch ein bisschen mit. „Wie der dirigiert, wo hab’ ich das schon mal gesehen?“, fragt in der Pause ein älterer Mann. „Bei Karajan, richtig! Aber Barenboims Tempi sind manchmal eigentümlich, nicht wahr? Fanden Sie im ,Tannhäuser’ den Chor nicht auch sehr schnell und Elisabeth fast ein wenig langsam?“ Das Verhältnis von Inhalt und Geschwindigkeit. Platon hatte die Idee, die Philosophen sollten die Welt regieren. Aber wahrscheinlich ist das nicht gut für die Aktienkurse. Sollte man es nun einmal mit den Dirigenten versuchen?

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