Zeitung Heute : Schwerter zu Traktoren

Der Tagesspiegel

Von Wolfgang Drechsler

Seit der Unabhängigkeit von Portugal vor fast 30 Jahren ist Angola von der regierenden MPLA und der Rebellenbewegung Unita systematisch zermahlen worden. In ihrem gnadenlosen Kampf um die Macht haben sie eines der potenziell reichsten Länder Afrikas ruiniert: Sein fruchtbarer Boden steckt voller Landminen. Die Lebenserwartung ist auf 44 Jahre gesunken. Die Kindermortalität ist die höchste der Welt – über 30 Prozent sterben vor dem fünften Lebensjahr. Eine ganze Generation entwurzelter Angolaner ist zudem in den Flüchtlingslagern aufgewachsen, die heute die großen Städte umgeben. Dennoch gibt es in dem südwestafrikanischen Land erstmals seit Jahren wieder Grund zur Hoffnung: Der gewaltsame Tod von Rebellenführer Jonas Savimbi und der gestern unterzeichnete Friedensvertrag zwischen den beiden Kriegsparteien haben Hoffnung auf ein Ende des längsten Konflikts in Afrika geweckt.

Gewiss: Savimbi war nicht der einzige Grund für den Bürgerkrieg. Aber er war die Triebfeder dafür, dass dieser Krieg so lange dauerte. Der rasche Friedensschluss, der einer Kapitulation der Unita gleichkommt, ist jedenfalls Indiz dafür, dass die Rebellen ohne ihren Führer nachhaltig geschwächt sind. Gleichwohl sollten die Chancen auf einen dauerhaften Frieden nicht überschätzt werden. Zu oft haben die Menschen in Angola vergeblich gehofft. Der letzte von vier Friedensverträgen wurde 1994 in Sambias Hauptstadt Lusaka geschlossen und sah die Einbeziehung der Unita in die Regierung vor. Doch Savimbi nutzte die ihm damals gewährte Atempause nur dazu, um seine demoralisierten Rebellen neu zu bewaffnen. Der Krieg begann von neuem, blutiger als je zuvor.

Mit Savimbi ist jetzt das größte Hindernis zum Frieden, aber auch die einzig ernsthafte Opposition gefallen. Präsident Eduardo dos Santos und seine MPLA sind viel zu gewieft, als dass sie den nun errungenen Vorteil am Verhandlungstisch freiwillig abtreten würden. Überhaupt hat dos Santos in den letzten Jahren wenig für den Frieden getan. Vielmehr hat der Krieg ihm als Vorwand gedient, kritische Stimmen zu ersticken, politische Reformen zu verzögern, die Öleinnahmen auf Jahre hinaus gegen Rüstungsgüter zu verpfänden und die bitterarmen Angolaner der Obhut westlicher Hilfsorganisationen zu überlassen. Rund ein Drittel der angolanischen Staatseinnahmen wurden im letzten Jahr nicht ordnungsgemäß verbucht und landeten wohl in den Taschen der Machthaber.

Dass der Konflikt in Angola nach Ende des Kalten Krieges unvermindert weiterging, zeigt, dass der Kampf um die Macht nur künstlich ideologisiert wurde. Es ging weder um Sozialismus noch westliches Demokratieverständnis. Am Ende war der Bürgerkrieg stets ein unerbittliches Ringen um mehr Kontrolle über Land, Leute und Ressourcen. Schon deshalb ist es wichtig , dass der Westen in Angola künftig nicht nur Rohstoffe kauft, sondern der korrupten Regierung endlich Daumenschrauben anlegt. Die Möglichkeiten dazu sind vorhanden: Angolas Schulden sind hoch. Auch wird sein Öl, dass 90 Prozent der Staatseinnahmen ausmacht, von westlichen Firmen gefördert und nach Europa und Amerika verschifft.

Ohne größeren westlichen Druck und ein neues, geduldiges Engagement der UN könnte sich der nun geschlossene Friede schnell als Illusion entpuppen. Die rasche Ernennung eines erfahrenen Unterhändlers wie etwa des US-Diplomaten Chester Crocker, der bereits den Übergang Namibias zur Unabhängigkeit verhandelt hat, könnte Vertrauen schaffen und den Prozess beschleunigen. Gleichzeitig gilt es, die Dominanz von MPLA und Unita zu brechen und den neu gegründeten Bürgerforen Gehör zu verschaffen. Wenn das so lange geknebelte Land endlich Frieden finden soll, dürfen weite Teile der angolanischen Zivilgesellschaft nicht wie bisher einfach übergangen werden.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben