Zeitung Heute : Schwierige Diagnose

Die Gesundheitsbranche ist einer der größten Arbeitgeber Berlins. Ärzte haben es aber nach wie vor schwer

Harald Olkus

Gesundheit und Medizin spielen in Berlin eine zentrale Rolle. Wissenschaftler, die in der Medizingeschichte Meilensteine setzten, arbeiteten und forschten hier – Rudolf Virchow, Robert Koch, Paul Ehrlich. Heute ist die Branche vor allem einer der größten Arbeitgeber der Hauptstadt. In 67 Kliniken, 70 Forschungseinrichtungen, zahlreichen Universitäten und Fachhochschulen sowie in über 300 Medizin- und Biotechnologieunternehmen, in der Pharmazeutischen Industrie und in den Apotheken arbeiten rund 180 000 Beschäftigte, die jährlich einen Umsatz von rund 17 Milliarden Euro erwirtschaften.

Auch der Berliner Senat spricht dem Bereich große Entwicklungschancen und ein bedeutendes Arbeitsmarktpotenzial zu. Bereits im Jahr 2004 wurde eine „Initiative Gesundheitsstadt“ ins Leben gerufen, die Berlin zum „maßgeblichen Gesundheitsstandort Deutschlands mit internationaler Attraktivität“ machen soll. Drei Senatsverwaltungen haben unter der Federführung der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen einen „Masterplan Gesundheitsregion Berlin“ entworfen, der sich zum Ziel setzt, „bis zum Jahr 2010 die Zahl der Beschäftigten auf 250 000 und den Umsatz auf 22 Milliarden Euro zu steigern“. Volkswirtschaftlich gesehen habe der Gesundheitsmarkt das größte Wachstumspotenzial, heißt es in Fachkreisen.

Der Arbeitsmarkt bietet derzeit allerdings noch ein recht uneinheitliches Bild, vor allem für Mediziner. Beispiel niedergelassene Ärzte: In Berlin gebe es aufgrund der stadtweiten Planung des Landesausschusses Ärzte-Krankenkassen keine Neuzulassung für Arztpraxen, sagt Annette Kurth, Pressesprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin. Einzige Ausnahme: ärztliche Psychotherapeuten. Ansonsten dürften nur bereits bestehende Praxen übernommen werden. „Natürlich gibt es Ballungen in manchen Stadtgebieten“, bestätigt Kurth. So sei der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf überdurchschnittlich versorgt, während die Ärztedichte in manchen Gegenden Neuköllns geringer sei.

Brandenburg hingegen sucht landesweit händeringend Ärzte. Ähnlich sieht es in anderen ostdeutschen Bundesländern aus. Wer mobil ist, hat hier gute Chancen auf eine eigene Praxis – zumal Brandenburg mit Fördergeldern und einer Reihe von Ausnahmeregelungen wirbt. „Allein außerhalb des Speckgürtels in der Uckermark und im Landkreis Spree-Neisse fehlen 170 Hausärzte“, sagt Ralf Herre, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung in Brandenburg. Die Situation werde sich aufgrund des hohen Altersdurchschnitts der niedergelassenen Ärzte weiter verschärfen. Im Nord- und Südosten des Landes sowie in den Kreisen Potsdam-Mittelmark und Teltow-Fläming bestehen bei Augenärzten, Orthopäden und Urologen bereits lange Wartezeiten für nicht-akute Behandlungen.

Viele ausgebildete Mediziner wandern allerdings auch in nicht-kurative Bereiche ab, in denen bessere Bedingungen herrschen, was Arbeitszeit und Gehalt betrifft. „Die Zahl der Mediziner ohne ärztliche Tätigkeit stieg 2005 im Vergleich zum Vorjahr um 5,7 Prozent“, sagt Athanasios Drougias, Leiter Verbandskommunikation beim Marburger Bund.

Was die Krankenhäuser betrifft, gibt es laut Bundesärztekammer etwa 4800 vakante Klinik-Arztstellen in Deutschland. In der Hauptstadt herrscht dagegen immer noch ein Überangebot. Hauptgrund: Die in Berlin ausgebildeten Mediziner wollen fast ausnahmslos in der Stadt bleiben. „Frei werdende Stellen werden bei uns nur in Ausnahmefällen an Externe vergeben“, sagt etwa Kerstin Endele, Pressesprecherin der Charité.

Wieder andere Probleme ergeben sich im Bereich Pflege: Obwohl die immer älter werdende Bevölkerung langfristig zu einem Bedarf an Pflegekräften führen dürfte, kommt es nach Auskunft des Deutschen Pflegerats derzeit durch Einsparungen zu einer Mangelversorgung der Bevölkerung. Bundesweiter Personalabbau in den Krankenhäusern führe dazu, dass die Zahl der Pflegekräfte bei gleich bleibender Patientenzahl von 17 Millionen bereits um zehn Prozent gesunken sei.

Stabile Verhältnisse dagegen beim „Arbeitgeber Apotheke“: Nach einem Rückgang in den Jahren 2003 und 2004 hat die Zahl der Arbeitsplätze 2005 wieder um 2,4 Prozent zugenommen. Derzeit stehen den rund 54 000 berufstätigen Apothekern knapp 12 400 Studierende gegenüber – die Zahl der Apotheken pro Kopf der Bevölkerung ist jedoch weitgehend gleich geblieben.

In der Berliner Pharmaindustrie liegen Aufschwung und Katerstimmung dicht beieinander. Während etwa Berlin Chemie seit der Wende von 1000 auf 4000 Mitarbeiter gewachsen ist und in den kommenden fünf Jahren noch einmal 4000 Mitarbeiter einstellen will, herrscht bei Schering Stagnation. Nach der Übernahme durch Bayer hat das Unternehmen einen Einstellungsstop verfügt. Die Zukunftsbranchen Medizintechnik und Biotechnologie sind dagegen weiter auf Wachstumskurs. Die Gesamtzahl der Beschäftigten in Biotech-Unternehmen in der Region Berlin-Brandenburg stieg im Jahr 2006 auf 3427. Insgesamt 70 Unternehmen haben im vergangenen Jahr 210 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt.

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