Zeitung Heute : Schwierige Nachbarschaft an Oder und Neiße

Trotz der Verstimmung zwischen Warschau und Berlin pflegen beide Länder auch freundschaftliche Kooperationen

Wolfgang Benz

Das Klima zwischen den offiziellen Regierungskreisen in Polen und Deutschland ist frostig. Seit die Agitation für ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ in Deutschland eskalierte und seit die inzwischen zerbrochene Koalition einer national-konservativen Partei mit zwei populistischen, anti-europäischen Partnern in Warschau regierte. Das frostige Klima ist nicht aber nur auf politischer Ebene zu spüren. So war das Willy-Brandt-Zentrum an der Universität Breslau seit Sommer 2007 ernsthaft gefährdet. Erst kürzlich wurde dieses deutsch-polnische Vorzeigeprojekt gerettet.

Auch das bekannte deutsch-polnische Jugendwerk, das den Dialog durch Begegnungen von Jugendlichen beider Staaten fördert, geriet wegen zögernder Budgetzusagen aus Warschau in Planungsnot.

Schrille Töne in den Medien bedienen Ängste, Feindbilder und Vorurteile, die meist tiefgehende historische Wurzeln haben. Die Diskussion über die Vertreibung der Deutschen, geführt als Anklage und einseitige Schuldzuweisung gegen Polen, hat dort alte Ängste und Sorgen wiederbelebt. Spekulationen über Regressforderungen von Deutschen in den ehemaligen Ostgebieten des Reiches haben für Aufregung gesorgt. Weitere Beispiele ließen sich nennen.

Wer die Ursachen der polnischen Ressentiments gegenüber dem westlichen Nachbarn und der Europäischen Union erforschen will, kommt an der katholischen Rundfunkstation Radio Maryja nicht vorbei. Mit ihrer Hilfe will ein Redemptoristenpater ein Millionenpublikum durch patriotische Frömmigkeit, Antisemitismus und antideutsche Feindbilder unterhalten.Die Redemptoristen gehören zur fundamentalistischen Ordensgemeinschaft der „Kongregation des Heiligsten Erlösers“.

Aber haben die polnischen Nationalkatholiken und ihre Verbündeten die Mehrheit in Polen? Hatte die Regierung Kaczynski nicht vor allem wegen ihres Projekts der „moralischen Revolution“ (gemeint ist der Kampf gegen die Korruption) Anhänger, die keineswegs Deutschenhasser sind, die sie dann erst bei zunehmenden inneren Spannungen durch kräftiges Agieren auf internationalem Parkett bei der Stange halten wollte? Und wie sich das deutsch-polnische Verhältnis auf politischer Ebene nach den Parlamentswahlen in Polen am vergangenen Sonntag entwickeln wird, muss sich erst zeigen.

Dass antideutsche Ressentiments existieren (und dass sie für bestimmte politische Ziele eingesetzt werden), ist allerdings nicht Ausfluss polnischen Nationalcharakters oder polnischen Mutwillens. Man neigt oft dazu, die eigenen Vorurteile (etwa „polnische Wirtschaft“) für vergleichsweise harmlos zu halten, wenn man über die Ressentiments der anderen in Rage gerät. Und man neigt bei der Betrachtung der Fehler anderer gern zum partiellen Gedächtnisverlust hinsichtlich der historischen Entwicklungen. Dass Schlesien seit einem halben Jahrhundert zur polnischen Nation gehört, ist nicht das Ergebnis polnischer Aspirationen, sondern eines Krieges, der aus deutscher Überheblichkeit mit einem Überfall auf Polen begann, in dessen Folge Millionen polnischer Bürger ermordet, versklavt, ihres Lebensglücks beraubt wurden.

Das Verlangen, diese traumatischen Erfahrungen innerhalb von zwei oder drei Generationen zu überwinden, ist fern aller Realität. Wenn man die Gespenster der Vergangenheit bannen will, muss man mit langer Perspektive arbeiten, muss Vorurteile und Feindbilder überwinden.

Dass viele Polen Angst vor dem westlichen Nachbarn haben, sollte eher Anlass sein, zum Beispiel darüber nachzudenken, welchen Klang das Wort „Preußen“ mit all seinen Konnotationen in polnischen Ohren hat, anstatt arrogante Beschwichtigungen zu inszenieren. Oder vielleicht nachzudenken, warum viele Polen über Generationen hinweg „die Deutschen“ für laut und geizig, für wenig gastfreundlich, egoistisch oder unhöflich halten. Die Reflexion darüber, warum die Polen dem Nachbarn so viele negative Eigenschaften zuordnen, lohnt sich schon darum, weil es kulturelle Charakteristika derjenigen erkennen lässt, die so denken.

Der derzeit frostige Zustand der offiziellen Beziehungen zwischen den beiden Nationen ist aber auch nur eine Seite der Realität, die freilich in den Medien und in politischen Verlautbarungen dominiert. Zum Befund des deutsch-polnischen Verhältnisses gehören die ökonomischen Beziehungen ebenso wie die durch wachsenden Tourismus geförderten Einsichten in die Kultur des Nachbarn. Tatsächlich wird die Stimmung auf beiden Seiten der Oder weder von polnischen Fundamentalisten beim Radio Maryja noch von der Gefolgschaft des Bundes der Vertriebenen beherrscht. Denn trotz der schrillen Töne entwickelt sich die Nachbarschaft, und zwar nicht nur als Vision. Sie funktioniert auf vielen Gebieten, nicht zuletzt in der Wissenschaft, erfolgreich und in freundschaftlichem Geist. Wolfgang Benz

Der Autor ist Professor an der Technischen Universität Berlin. Er leitet das Zentrum für Antisemitismusforschung der Universität.

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