Zeitung Heute : Schwierige Zeiten

Regina-C. Henkel

Der Ruf als weltweit wichtigste Job-Börse war bereits ruiniert, bevor die Cebit 2002 am Mittwoch ihre Tore öffnete. Kein Wunder: In den zurückliegenden zwei Monaten haben die Arbeitgeber sage und schreibe 68 Prozent weniger Stellen für IT-Fachleute ausgeschrieben als ein Jahr zuvor. Die große Jagd nach den einst so begehrten IT-Fachleuten ist - zumindest vorübergehend - vorbei. Viele Betriebe haben erst gar kein Recruiting-Personal nach Hannover geschickt. Beim "Cebit Job Market" in Halle 10 präsentieren sich nach 150 Ausstellern im vergangenen Jahr noch 86. Nicht einmal ein Drittel der Top-Arbeitgeber hat überhaupt einen Job-Info-Stand. Warum also mitten in der Nacht aufstehen, nach einer langen Anreise stundenlang durch stickige Messehallen ziehen und bei Personalern antichambrieren?

Jens Christian Berggreen kann so eine Frage nicht verstehen. Der Cebit-Besuch ist für den 35-Jährigen schon seit seiner Studienzeit ein selbstgewähltes Muss. "Nirgends kann man besser Kontakte knüpfen als auf der Cebit," sagt der Marketingprofi. Seiner Überzeugung nach sind die Erkenntnisse aus einem Small-Talk am Messestand und Visitenkarten mit Vor- und Zunamen, Durchwahl-Rufnummer und E-Mail-Adresse der beste Türöffner für Geschäfte aller Art - und somit natürlich auch für eine Kontaktanbahnung mit potenziellen Arbeitgebern. Er ist sicher, dass es auch auf der Cebit 2002 wieder zu zahlreichen neuen Arbeitsverträgen kommt.

Doch wer sind diese Glücklichen, die ihre Heimreise von Hannover mit einer neuen Perspektive antreten? Quereinsteiger wohl eher nicht. Und das sind rund 80 Prozent der etwa 1,6 Millionen bei Herstellern und Anwendern beschäftigten IT-Fachleute. Jahrelang haben sie bei Startups und in der Old Economy getüftelt und gewerkelt. Ihr fachfremdes oder abgebrochenes Studium spielte keine Rolle. Vorbei. Mittlerweile machen 70 000 junge Leute eine Ausbildung in IT- und Medienberufen. Im Bündnis für Arbeit waren 40 000 Ausbildungsplätze angepeilt worden. Zeitgleich haben sich die Luft-Jobs in der New Economy ins Nichts aufgelöst.

Ohne einschlägigen Berufs- oder Studienabschluss und ohne den Nachweis grundlegender betriebswirtschaftlicher Kenntnisse ist heute kein Job mehr zu bekommen. "Je geringer die Ausbildung, desto schwieriger haben es die Leute", weiß Manfred Brücks vom Personaldienstleister adecco, der kontinuierlich und bundesweit die Jobofferten auswertet. Danach stellen IT-Dienstleister ein Drittel der Angebote und suchen überwiegend Software-Entwickler und Vernetzer. Zweitgrößte Arbeitgebergruppe auf der Suche nach Mitarbeitern sind Ingenieurbüros und der Maschinen- und Fahrzeugbau. Sie suchen CAD / CAM-Spezialisten sowie Maschinenbauingenieure mit Zusatzqualifikation wie Prozesssteuerung. Drittwichtigste Gruppe sind die Computerhersteller - für hochqualifizierte Informatik-und Elektro-Ingenieure. Chancen haben in der Regel nur Spitzenleute. Die übrigen dürfen froh sein, wenn sie ihren Job behalten können.

Bildungsministerin Edelgard Bulmahn weiß um diese Situation. Gemeinsam mit den Sozialpartnern hat ihr Ministerium deshalb ein "Weiterbildungssystem für die Informations- und Kommunikationsbranche" entwickelt. Bulmahn argumentiert: "Gerade in Zeiten der Konsolidierung der Branche zeigt sich, wie bedeutend eine hohe Qualifikation ist, um auch in schwierigeren Zeiten Beschäftigung zu finden." In der schnelllebigen IT-Branche sei es wichtig, "die Qualifikation durch Weiterbildung zu erhalten."

Mit dieser Erkenntnis rennt die Bildungsministerin offene Türen ein. Vor allem in der Weiterbildungsindustrie. Mehr als 600 Vertreter von Trainingsinstituten reisten Anfang März ins Berliner Tagungs-Hotel Estrel, um auf dem Kongress "Weiterbildung mit System" Details über eine neue Geldquelle zu erfahren. In der Folge des Statistik-Skandals bei den Arbeitsämtern sehen viele Weiterbildungsanbieter ihre Finanzierungsmodelle in Gefahr. Jetzt hoffen sie auf Fördermittel für Kurse, die sie im Zusammenhang mit der "Verordnung über eine berufliche Fortbildung im Bereich der Informations- und Telekommunikationstechnik" entwickeln können. Diese soll "in Kürze" in Kraft treten, damit Seiteneinsteiger "ihr Wissen auffrischen, sich spezialisieren und höherwertige Abschlüsse erlangen können".

Bislang müssen Autodidakten, wollen sie ihre Kenntnisse zertifizieren lassen, ganz bei Null anfangen und Stoff über sich ergehen lassen, den sie längst kennen. Künftig sollen sie sich ihre vorhandenen oder noch zu erwerbenden Qualifizierungen zertifizieren lassen. Vorgesehen sind auf dem Level der IT-Grundberufe sechs Funktionsgruppen: Software Developer, Coordinator, Solutions Developer, Technician, Administrator und Advisor. Auf der nächsthöheren Ebene sind vier Operative Professionals angesiedelt: IT Engineer, IT Manager, IT Consultant und IT Commercial Manager. Strategische Professionals mit der Bezeichnung "IT System Engeneer" und "IT Business Engineer" schließlich sind Führungskräfte mit Master- oder ähnlichen Abschlüssen. Das System soll "Qualifikationsstandards" für die insgesamt 29 Spezialistenprofile festlegen und damit "Unternehmern und Arbeitnehmern Qualitäts- und Handlungssicherheit" geben. Untermauert wird das Ganze durch eine bundeseinheitliche Zertifizierungsstelle beim Deutschen Akkreditierungsrat (DAR), angesiedelt beim Bundesamt für Materialforschung in Berlin.

So weit - so gut. Doch wie das neue IT-Weiterbildungssystem genau funktionieren soll, weiß im Moment noch niemand: Welche Rolle werden in der Qualifizierung hauseigene und markenspezifische Zertifikate spielen? Nach welchen Kriterien werden die vorgesehenen "Leistungspunkte" vergeben, mit der berufliche Qualifikation mit Studiengängen verglichen werden? Derlei praktische Fragen müssen noch beantwortet werden. Immerhin hat Bulmahn das System als "durchlässig" vorgestellt und von der Möglichkeit gesprochen, "die praxisnahe Qualifizierung in einem Unternehmen mit der wissenschaftlich geprägten Ausbildung an einer Hochschule zu kombinieren." Das Zauberwort dafür heißt APO - Arbeitsprozessorientierte Weiterbildung. Das Fraunhofer Institut für Software und Systemtechnik bekam 2,3 Millionen Euro für die Erarbeitung von Curricula und einen Rahmen für E-Learning-Angebote. Außerdem unterstützt das Ministerium mit drei Millionen Euro die Entwicklung von IT-Lernsoftware.

Einen Mann wie Sigram Schindler müsste das eigentlich freuen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Schindler ist Vorsitzender der eco-Initiative "Mittelstand online" im Verband der Internetwirtschaft. In dieser Eigenschaft bezeichnet er das neue IT-Weiterbildungssystem "unter Machbarkeitsgesichtspunkten als einen Flop". 80 Prozent aller Ausbildungsplätze und 70 Prozent aller Arbeitsplätze seien beim Mittelstand angesiedelt. Es seien von Großunternehmen geprägte Vorstellungen durchgesetzt worden. Diese beruhen laut Schindler auf einer "sehr starken betrieblichen Arbeitsteilung", KMU-Betriebe dagegen auf einem "weitgehend ganzheitlichen Unternehmensverständnis".

Das Engagement von Mathematik-Professor Schindler ist nachvollziehbar. Es ist nämlich auch Gründer und Vorstandsvorsitzender der Teles AG sowie deren im Jahr 2000 gegründeten "Teles European Internet Academie" (Teia). Und die bietet unter anderem einen Online-Studiengang "Bachelor of E-Business Management" an: berufsbegleitend und als Vollzeitstudium. Und: Die - bislang 750 - Studierenden brauchen keine formalen Zugangsvoraussetzungen zu erfüllen, also keine Berufsausbildung, kein Abitur und auch keinen Hochschulabschluss. Die Zertifizierung übernimmt die Staatliche Zentralstelle für Fernunterricht (ZfU).

Ob Quereinsteiger mit dem Teia-E-Business-Bachelor, einem Zertifikat nach dem neuen staatlichen IT-Bildungssystem oder einem ganz normalen Uni-Diplom eher einen Job finden als heute, wird sich zeigen. Möglicherweise hat bis zu den ersten Abschluss-Prüfungen aber auch die Konjunktur für IT-Spezialisten wieder angezogen. Der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und Neue Medien (Bitkom) rechnet für das dritte Quartal 2002 mit einer Entspannung auf dem Job-Markt. Dann werden, wie Bitkom-Sprecher Thomas Mosch mutmaßt, "wieder mehr Leute gebraucht: für glasklare, nutzenbezogene Anwendungen, die sich kurzfristig rechnen."

Wer spätestens beim Aufschwung wieder dabei sein will, sollte sich deshalb vielleicht doch die Reise nach Hannover überlegen. Mögen dort auch weniger Personalchefs als bislang anzutreffen sein, Parties gibt es nach wie vor. "Kontakte knüpfen und halten" war schon immer die Erfolg versprechendste Devise. Und für den Nachwuchs ist die Cebit 2002 sowieso ein Muss. Jugendliche sollen Lust auf IT bekommen. Der Informatiker-Bedarf der Wirtschaft wächst jährlich um fünf Prozent - gegen jede aktuelle Jobkrise.

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