Zeitung Heute : Schwieriger Start

Schon Kinder erkranken an Rheuma – von den Eltern zunächst oft unbemerkt.

Tilmann Kallinich
Tapfere Patienten.
Tapfere Patienten.Foto: Ria Novosti / SPL / Ag.Focus

Den Eltern der zweieinhalbjährigen Nadine fiel seit drei Wochen auf, dass ihre Tochter ein dickes Knie hatte und humpelte. Über den Kinderarzt erfolgte die Weiterleitung in eine kinderrheumatologische Sprechstunde. Bei der Untersuchung wurden Entzündungen des linken Knies und Sprunggelenkes festgestellt; die bereits vorhandene Muskelschwäche im betroffenen Bein wies auf eine längere Entzündung hin. Zusätzlich diagnostizierte der Augenarzt eine Entzündung der Regenbogenhaut (Uveitis).

So oder ähnlich beginnt die Krankengeschichte eines Kindes, das an einer rheumatischen Erkrankung leidet. Der Beginn von Rheuma ist bei Kindern oft schleichend und wird von den Eltern kaum bemerkt. Die klinische Untersuchung offenbart dann aber deutliche Gelenkentzündungen, nicht selten bereits mit Anzeichen eines chronifizierten Verlaufes. Um bleibenden Funktionsschädigungen vorzubeugen, ist eine frühe Diagnose wichtig. Doch das ist schwer, da die Beschwerden häufig unspezifisch sind.

Dabei sind rheumatische Erkrankungen des Kindes- und Jugendalters keine Rarität. Für Deutschland geht man davon aus, dass etwa jedes tausendste Kind an Gelenkrheuma leidet. Die verschiedenen Formen werden unter dem Begriff der juvenilen idiopathischen Arthritis (JIA) zusammengefasst. Die Krankheitsdefinition beinhaltet, dass die Erkrankung vor dem 16. Lebensjahr manifest wurde, zu einer chronischen Gelenksentzündung über mindestens sechs Wochen führt und keine andere – beispielsweise infektiöse – Ursachen gefunden werden konnten.

Man unterscheidet sechs verschiedene Verlaufsformen der JIA. Am häufigsten wird die oligoartikuläre JIA beobachtet, welche insbesondere bei kleinen Mädchen auftritt und bei der maximal vier Gelenke entzündlich verändert sind. Bei dieser Verlaufsform wird das Auftreten einer Uveitis, welche bis zur Blindheit führen kann, besonders häufig beobachtet. Polyartikuläre Verlaufsformen, bei denen mindestens fünf Gelenke entzündet sind, treten bei jüngeren Kindern ohne Nachweis von Rheumafaktoren auf. Bei Jugendlichen lässt sich hingegen gehäuft der Rheumafaktor nachweisen. Da diese Verlaufsform bei Jugendlichen jedoch eher selten vorkommt, spielt dieser spezifische Laborwert in der Diagnostik nur in speziellen Fällen eine wesentliche Rolle. Bei der systemischen JIA, auch Morbus Still genannt, kommt es zu einem hochfieberhaftem Verlauf und Beteiligung innerer Organe. Die Diagnosestellung ist häufig schwierig, die Therapie intensiv.

Die Intensität der Behandlung richtet sich nach der Verlaufsform und Aktivität der Erkrankung, wobei etwa die Hälfte aller Kinder mit einer Basistherapie behandelt wird. Gerade bei schweren Verlaufsformen hat die Einführung der Biologikatherapie die Möglichkeiten einer nebenwirkungsarmen und effektiven Therapie entscheidend verbessert.

Die Frage nach der Prognose der Erkrankung ist in erster Linie von der jeweiligen Verlaufsform abhängig. Das größer gewordene Bewusstsein für diese Krankheiten zusammen mit der Etablierung vieler kinderrheumatologischer Zentren und einer Vereinheitlichung der therapeutischen Konzepte hat wesentlich dazu beigetragen, dass die früher oft beobachteten schweren Funktionseinschränkungen viel seltener geworden sind. Das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum in Berlin hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, in einer bundesweiten Erhebung „ICON“ die Krankheitsverläufe anhand von 800 neu erkrankten Kindern zu analysieren. Hierdurch sollen zuverlässige Prognosefaktoren beschrieben werden, die eine risikoangepasste individuelle Therapie ermöglichen. Diese Untersuchung wird durch eine große prospektive Langzeitbeobachtung von Erwachsenen ergänzt („JuMBO“), die im Kindesalter an einer JIA erkrankt sind.

Naturgemäß führt die Diagnose der JIA bei der Familie und bei den Betroffenen zu Fragen und Sorgen, die nicht immer durch eine sorgfältige ärztliche Aufklärung geklärt werden können. Daher erfolgt die Betreuung rheumakranker Kinder idealerweise durch ein Team aus spezialisierten Kinderärzten, Kinderkrankenschwestern, Therapeuten, Sozialarbeitern und Psychologen. Mittlerweile stehen in Deutschland neben den stationären Versorgungsmöglichkeiten etwa 60 kinderrheumatologische Spezialambulanzen zur Verfügung, in denen Kinder zeitnah diagnostiziert und behandelt werden.Tilmann Kallinich

Der Autor ist Leiter der Sektion Rheumatologie der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie u. Immunologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

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