Zeitung Heute : Schwirrende Insekten zwischen Gartenblumen

Die französische Lyrikerin Michèle Metail wird 13. Samuel Fischer-Gastprofessorin

Felicitas von aretin

Geschriebene Gedichte sind für die 1950 geborene Lyrikerin Michèle Métail nicht selbstverständlich. Vielmehr ähneln die Wörter ihrer Texte den Noten einer Partitur. Wie im Konzert erst die Instrumente der Musiker die Töne zum Klingen bringen, sind Métails Arbeiten abhängig vom Tempo, der Nuance und der Sprechstimme. „Der Wurf des Wortes in den Raum stellt die höchste Stufe des Sprechens dar“, äußerte die Gastprofessorin für Literatur jüngst im Interview. Viele Gedichte hat die Französin nicht schriftlich niedergelegt, sondern nur mündlich in einer ihrer Performances dem Publikum vorgetragen. Mit ihrer Lyrik versucht die promovierte Sinologin, Zeit, Raum und Klang auszuloten. An der Freien Universität bietet Métail ab dem 17. Mai einen Workshop an, der die Beziehung der modernen und zeitgenössischen französischen Lyrik und der chinesischen Poesie zum Begriff des Raumes untersucht. „inner/außerhalb der seite: der raum des gedichts“ lautet der Titel. Berlin ist der in Südfrankreich lebenden Lyrikerin, die perfekt Deutsch spricht, von ihrem Aufenthalt als Gast des DAAD-Künstlerprogramms vertraut. Lange Zeit war sie Mitglied der Gruppe OULIPO. Gemeinsam mit Louis Roquin begründete sie den Verein „Les arts contigus“, der sich mit dem Verhältnis verschiedener Künste, der Balance zwischen Nähe und Distanz, Fremde und Vertrautheit beschäftigt. Bislang nahm Métail an mehreren Gruppenausstellungen teil und präsentierte ihre visuellen Gedichte in Einzelausstellungen wie „Gigantexte no 4: les lettres sont des insectes pris dans le filet de mots“ in der Galerie Lara Vincy. Als Grenzen überschreitende Künstlerin, die als Wissenschaftlerin und Übersetzerin arbeitet, spürt sie den Sinn(es)grenzen nach, indem sie Satzzeichen vermeidet oder Gedichtzeilen mit Collagen und Fotos verbindet. Ansonsten ist die gebürtige Pariserin in ihren Vorlieben praktisch veranlagt: Sie liebt Gemüseblumen und Japanische Gärten. An der FU übernimmt sie für drei Monate die 13. Samuel Fischer-Gastprofessur für Literatur, die im Sommersemester 1998 für ausländische Schriftsteller von der Freien Universität gemeinsam mit dem S. Fischer Verlag, dem DAAD und der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck eingerichtet wurde.

Die Lehrveranstaltungen von Michèle Métail finden – in deutscher Sprache – ab dem 17. Mai dienstags und freitags um 16 Uhr im Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft im Hüttenweg 9 statt.

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