Zeitung Heute : Schwofen

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Tisch eins: Zwei ältere Herren teilen sich eine Karaffe Rotwein. Sie reden nicht viel, schauen in Richtung der Tanzfläche.

Tisch zwei: Ein Mann mit Taschentuch im Jackett hält Hof, rechts und links hat er je eine Frau im Arm. Die Ladys lachen, wollen ihn auf die Tanzfläche locken. Er würde am liebsten mit beiden gehen, das sieht man ihm an, aber er weiß, dass die Ladys eine Entscheidung von ihm wollen.

Tisch drei: Ein junges Pärchen, er isst eine Bulette, sie nichts. Er redet, versucht, sich an sie anzuschmiegen. Sie zieht ihren Arm weg. Dann redet er nicht mehr, sie schaut in Richtung der Tanzfläche. An ihm vorbei.

Tisch vier: Eine junge Familie trifft ein, eine der drei Töchter ist schon in der Pubertät, sie himmelt Papa an – oder ist es der neue Freund von Mama? Als Mama den Papa/Ersatzpapa küsst, dreht sie sich weg. Die anderen Töchter versuchen, sie aufzumuntern, ziehen sie auf die Tanzfläche.

Die Tanzfläche: Zwei schwule Tanzlehrer gleiten im Walzer dahin, eine Rentnerin zappelt mit einem Mann in Bauarbeiterhose. Ein paar Dutzend Menschen drehen sich um sich, hier schwoft Berlin: das alte Zehlendorf, das junge Prenzlauer Berg und alles dazwischen. Ich setze mich, bestelle eine Bulette und ein Bier. Ich schaue auf die anderen Tische, stundenlang.

Tisch eins: Die älteren Herren gehen zur Bar, reden mit den Kellnerinnen. Die bringen dann ausgesuchten Frauen ein Glas Wein. Die Männer winken und lächeln von der Bar. Manchmal kommt eine Frau zu ihnen rüber.

Tisch zwei: Der Mann mit den zwei Ladys kann sich nicht entscheiden. Nun schweigen alle.

Tisch drei: Der Streit des jungen Pärchens eskaliert. Sie flirtet mit mir.

Tisch vier: Die Familie ist weg.

Die Tanzfläche: Papa, Mama und die drei Töchter liegen sich in den Armen, tanzen und fotografieren sich beim Lachen.

Nächsten Freitag komme ich wieder.

Clärchens Ballhaus, Auguststraße 24

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