Zeitung Heute : Scientollywood

Tom Cruise predigt für Scientology. Er ist damit nicht allein in der Filmbranche. Wie viel Sektenideologie steckt in Hollywood?

Sebastian Handke

Tom Cruises berühmtes Grinsen war gefroren. „Wer sind Sie? Von welchem Blatt sind Sie? Der Boston-was? Soll das eine gute Zeitung sein?“, schäumte er, als ein mutiger Reporter auf der New Yorker Pressekonferenz zu Spielbergs Film „Krieg der Welten“ von ihm wissen wollte, ob es Verbindungen gebe zwischen Scientology und Science Fiction. „Da gibt es keine Verbindungen“, sagte Cruise erbost. „Überhaupt keine.“ Tom Cruise muss es wissen, denn er ist Scientologe, und zwar nicht irgendeiner. Er hat es weit gebracht auf der „Brücke zur Freiheit“, dem Heilsweg der Scientologen. Möglicherweise ist er bereits „Operierender Thetan der Stufe sechs“. Dann müsste ihm auch jene geheime Geschichte bekannt sein, von der Aussteiger und Experten behaupten, dass man sie schon auf der dritten Thetan-Stufe erzählt bekommt: Vor 75 Millionen Jahren war Xenu Herrscher über eine Planetenkonföderation, die von Überbevölkerung geplagt war. Da sperrte Xenu viele Millionen Bewohner in Vulkane auf der Erde und sprengte sie in die Luft. Übrig blieben deren Seelen, die Thetane, und sie befallen heute die Menschen.

So oder so ähnlich geht die Legende von Xenu, deren Existenz von Scientology selbst allerdings bestritten wird. Nun war L. Ron Hubbard, Gründer von Scientology, eigentlich Science-Fiction- Autor, und bei der Grundlegung seiner „Church of Scientology“ hat er durchaus aus dem materialreichen Fundus seines Werkes geschöpft. Hubbards 1975 veröffentlichtes „Dianetics and Scientology Technical Dictionary“ etwa klärt über die fünf „Invasoren-Truppen“ auf und darüber, dass alle paar Millionen Jahre ein Planet von solchen Truppen übernommen werde. Und in einem etwas versteckten Glossar auf der Scientology-Webseite heißt es über die Gattung der Weltraumoper: „Sie ist keine Fiktion und betrifft tatsächliche Ereignisse.“

Angenommen, Tom Cruise glaubt an die Inhalte seiner Kirche, und dafür spricht in der Tat einiges, dann macht dies Spielbergs neuen Film über die Invasion Außerirdischer mit Cruise in der Hauptrolle noch ein klein wenig unheimlicher. Von Kritikern wurde stets Ausschau gehalten nach Spuren von Scientology-Ideologie in Filmen – ein schwieriges Unterfangen, da schon das Scientology-Credo vom Erfolg durch Selbstentwicklung und „Make money. Make more money“ der Botschaft vieler Hollywood-Filme gleicht. Doch direktes scientologisches Gedankengut, das bestätigt auch Tilman Hausherr, Scientology-Kenner und Betreiber der Website „Scientollywood.org“, lässt sich in „Krieg der Welten“ nicht ausmachen. Ein anderer Star unter den Scientologen, John Travolta, hingegen hatte sich mit seinem Megaflop „Battlefield Earth“ vor fünf Jahren weit aus dem Fenster gelehnt. Die Verfilmung eines Hubbard-Romans enthält Elemente seiner Gedankenwelt – allerdings eher auf der Ebene unfreiwilliger Selbstparodie. „Psychlos“ heißen hier grimmige Aliens, die die Menschheit versklaven, bis ein jugendlicher Held sie mutig ins All zurückjagt. Der Film ist eine Imagination Hubbards als Befreier der Menschheit von Psychiatern – den erklärten Hauptfeinden der Scientologen. Er geriet allerdings so ungeheuer schlecht, dass man sich über missionarische Effekte gewiss nicht sorgen muss.

Scientology ist sehr präsent in Hollywood, interessiert sich aber vermutlich gar nicht so sehr für die Infiltrierung durch Filminhalte. Viel wertvoller sind die Darsteller. Bereits 1955 soll Hubbard das „Project Celebrity“, die gezielte Annäherung an Prominente, angestoßen haben. Mittlerweile bekennen sich auffallend viele Schauspieler zu Scientology. Denn deren Programme sind wie maßgeschneidert für verunsicherte Darsteller: als eine „Betriebsanleitung für den menschlichen Geist“, die pragmatische Lösungen bereithält für Krisen. Die Verbindung aus säkularem Pragmatismus, spiritueller Führung und protestantischer Disziplin sowie das mentale Training, an dessen Ende angeblich die umfassende Fähigkeit zur Selbst- und Fremdkontrolle stehen soll, helfen den zarten Egos wieder auf die Beine. Der einflussreiche Schauspiellehrer Milton Katselas empfiehlt daher seine Problemfälle gerne an Scientology weiter. John Travolta führt sein Comeback allein auf die Persönlichkeitsentwicklung im Schoße der Sekte zurück.

Dort haben es die Umgarnten ausgesprochen behaglich: Celebrity Centers, Club-ähnliche Anlagen, schirmen ihre Schützlinge von allen äußeren Feinden ab. Die danken es der Organisation, indem sie sich zum Werbeträger machen. „Das ist ,Positioning’, wie man es auch im Marketing kennt“, sagt der Berliner Pfarrer Thomas Gandow, Sektenbeauftragter der Evangelischen Kirche. „Es geht darum, mit etwas sehr Positivem in einem Atemzug genannt und dadurch aufgewertet zu werden. Scientology saugt sich deren Image.“ Wie gut das bisweilen funktioniert, zeigt ein Wort des „Harry und Sally“-Regisseurs Rob Reiner: „Ich weiß nichts über Scientology. Aber wenn Scientology bedeutet, dass man so sein kann wie Tom Cruise, dann sollte jeder ein Scientologe sein.“

Den erst kürzlich vorgestellten Bericht des deutschen Verfassungsschutzes für 2004 kennt er vermutlich nicht. Der spricht von 5000 bis 6000 Scientology-Mitgliedern in Deutschland und hält daran fest, dass die Sekte weiter beobachtet werden muss, da „wesentliche Grund- und Menschenrechte, wie die Menschenwürde, das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und das Recht auf Gleichbehandlung, außer Kraft gesetzt oder eingeschränkt“ werden sollen. Davon bleiben die Schauspieler, Manager und Anwälte, die es sich in den Celebrity Centers unbehelligt von gewöhnlichen Scientology-Anhängern gut gehen lassen, verschont. Kritische Nachfragen halten sie offenbar für einen Angriff auf ihre Kirche und reagieren ausgesprochen feindselig. Auch Tom Cruise, ehemals für seine Selbstbeherrschung und Verschwiegenheit bekannt, gibt sich plötzlich launisch und leutselig – in Glaubens- ebenso wie in Herzensangelegenheiten. 14 Jahre hielt seine PR-Beauftragte Pat Kingsley („Pitbull Pat“) ihren Schützling an der kurzen Leine, bis er sie durch seine Schwester Lee Ann DeVette ersetzte – eine bekennende Scientologin. Jetzt, so scheint es, gibt es kein Halten mehr.

Scientology legt Wert darauf, dass Partner und Familien der Sekte angehören, und nachdem Cruise und die katholische Nicole Kidman sich vermutlich im Streit um die Kindererziehung entzweit hatten, fand Cruise, 42, in der Jungschauspielerin Katie Holmes, 26, eine begeisterungsfähige Partnerin. Die Verlobung und ihr Scientology-Beitritt wurden quasi in einem Atemzug bekannt gegeben, und ein bizarrer Auftritt in der Oprah-Winfrey-Show, wo der manisch grinsende Cruise abwechselnd auf die Couch sprang und aufs Knie ging, sollte die Wahrhaftigkeit seiner Liebe bezeugen.

Tom Cruise aber beschränkt sich nicht mehr darauf, sein Image fürs „Positioning“ zur Verfügung zu stellen. Er hat auch begonnen, für Scientology zu predigen und prahlt da mit angeblichen eigenen Heilungserfolgen. Besonders eifrig zieht er gegen die von Scientology verteufelte Psychiatrie und die Verwendung von Psychopharmaka ins Feld. Kollegin Brooke Shields geißelte er öffentlich dafür, dass sie ihre Wochenbettdepression mit Antidepressiva kuriert hatte.

Als Matt Lauer ihn in seiner NBC Today Show auf Brooke Shields ansprach, folgte ein eisiger Schlagabtausch, der viel Aufruhr verursachte in den Vereinigten Staaten. Cruise sagte: „Brooke versteht nichts von der Geschichte der Psychiatrie, so wie du nichts davon verstehst, Matt. Ich schon.“ Denn, so fügte der Schulabbrecher mit fester Stimme hinzu, er habe die „Research Papers“ studiert. Von seinem Wissen legte er Zeugnis ab in einem Interview mit „Entertainment Weekly“: Psychiatrie, sagte er da, dürfe durchaus als Nazi-Wissenschaft bezeichnet werden, nicht umsonst habe Methadon anfangs „Adolophine“ geheißen – nach Adolf Hitler. In Wahrheit wurde Methadon von der amerikanischen Firma „Eli-Lilly“ anfangs als „Dolophine“ geführt – abgeleitet vom lateinischen „dolor“ (Schmerz). Cruises Ansichten, sagt John Scully, medizinischer Direktor der American Psychiatric Association, seien so, als spreche man mit jemandem, der behauptet, die Erde sei eine Scheibe.

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