Zeitung Heute : Sechs Bahnfirmen wollen Dampf machen

Der Tagesspiegel

Von Christoph Villinger

Potsdam. Das Zittern hat ein Ende, die Stilllegungsgefahr für die Nebenstrecken der Bahn ist vorerst gebannt: Bei der ersten europaweiten Ausschreibung von vier Strecken im Nordosten von Brandenburg stehen die Bewerber Schlange. Ingesamt sechs Konkurrenten gibt es, darunter fünf Privatbahnen und die regionale Tochter der bundeseigenen „Bahn AG“.

Die erste Runde, in der sie ihre Eignung zum Betreiben einer Strecke nachweisen mussten, haben alle sechs nun erfolgreich bestanden. In den Tagen nach Ostern teilt das vom Brandenburger Verkehrsministerium extra eingerichtete Ausschreibungsbüro in Potsdam den Teilnehmern die genauen Bedingungen mit: wieviele Züge, in welcher Qualität, in welchem Takt. „Bis zum 1. Juli diesen Jahres müssen die sechs Bahnunternehmen dann ihre konkreten Angebote abgeben“, sagte der Sprecher des Verkehrsministeriums, Lothar Wiegand. Der Vertrag über den Betrieb des „Teilnetzes Ost“ mit insgesamt 330 Kilometern Länge wird dann zum Fahrplanwechsel am Jahresende 2004 auf zehn Jahre geschlossen. Weitere Details wollten weder Wiegand noch die Teilnehmer vor Abschluss der Ausschreibung nennen.

Im Einzelnen handelt es um die jeweils am Bahnhof Berlin-Lichtenberg beginnenden Strecken über Eberswalde nach Frankfurt/Oder (RB 60), über Werneuchen nach Tiefensee (RB 25), über Beeskow nach Frankfurt/Oder (RB 36) und die Strecke von Eberswalde nach Templin (RB 63). Noch im vergangenen Herbst standen Teile der vier Strecken auf einer von den Bundesländern in Auftrag gegebenen Streichliste, die mehr als 260 Bahnstrecken bundesweit umfasst.

Von der öffentlichen Ausschreibung der Strecken versprechen sich die Verkehrsminister neben geringeren Kosten auch eine deutliche Erhöhung der Fahrgastzahlen und eine Belebung des Services. Wiederholt bewiesen in den letzten Jahren Privatbahnen mit modernen Zügen und billigeren Preisen auf von der „Bahn AG“ vernachlässigten Nebenstrecken, dass diese wieder attraktiv gemacht werden können. Gleichzeitig schreibt eine EU-Verordnung ab dem Jahr 2006 die Ausschreibung des Öffentlichen Nahverkehrs zwingend vor. Bisher werden die vier Eisenbahnlinien von der „Bahn AG“ betrieben. Unter den sich bewerbende Privatbahnen befindet sich die zur Connex-Gruppe gehörende Niederbarnimer Eisenbahn AG.

Die Connex-Gruppe ist in den letzten Monaten zum bedeutensten Konkurrenten der „Bahn AG“ aufgestiegen. Neben zahlreichen Regionalbahnen, wie die „Ostmecklenburgische Eisenbahn“ von Pasewalk nach Schwerin, betreibt sie seit Anfang März auch erstmals einen Fernzug von Gera über Berlin nach Rostock. Ebenfalls bewirbt sich die Prignitzer Eisenbahn-Gesellschaft, die mehrere von der „Bahn AG“ aufgegebene Strecken im Nordwesten Brandenburgs betreibt.

Wegen des Erfolges der kleinen Privatbahnen plant nun auch die „Bahn AG“ dieses Modell zu übernehmen. Sie hat vor, deutschlandweit ihren Regionalverkehr in mehr als 35 selbstständige und eigenverantwortliche Tochtergesellschaften auszugliedern. Ein bekanntes Beispiel für den Weg vom Sanierungsfall zum Modellprojekt ist die zur „Bahn AG“ gehörende „Usedomer Bäderbahn“.

Die Verkehrsminsiter möchten „noch innerhalb dieses Jahrzehnts alle Regionalstrecken in Berlin und Brandenburg ausschreiben“, so Sprecher Wiegand. „Dazu gehören auch die lukrativen Regional-Expresslinien“. Zur Zeit bezahlt das Land Brandenburg über 300 Millionen Euro im Jahr an Subventionen für den Eisenbahn-Regionalverkehr.

Ein besonderes Bonbon für den Sieger der Ausschreibung hält Bundesumweltminister Jürgen Trittin bereit. Zwei Millionen Euro gibt es aus dem Etat des Umweltministeriums zur Anschaffung von „abgas- und lärmarmen Schienenfahrzeugen“. Bis vor kurzem wurde beispielweise die Strecke von Wriezen über Eberswalde nach Berlin noch mit schweren Diesellokomotiven sowjetischer Bauart betrieben.

An dem für Berliner Wochenendausflügler besonders spannenden Problem, warum drei dieser vier Strecken vom recht abgelegenen Bahnhof Berlin-Lichtenberg starten, wird sich vorerst nichts ändern. „Erst wenn der Lehrter Bahnhof fertig gestellt ist, können die Züge auch ins Stadtzentrum Berlins fahren“, sagt Lothar Wiegand.

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