Zeitung Heute : Sechs Genossen für Ypsilanti

Drei Frauen und drei Männer – von ihnen hängt Andrea Ypsilantis Zukunft ab. Und auch die der Bundes-SPD. Wer ist die hessische Linksfraktion?

Cordula Eubel[Fabian Leber] Dagmar Rosenfeld

Willi van Ooyen (61), Fraktionsvorsitzender

Der Fraktionschef der hessischen Linken sagt über sich, er sei ein „Antiheld“. In der Berliner Parteizentrale halten sie den bedächtigen Mann für zuverlässig. Wenn er garantiere, dass Andrea Ypsilanti bei der Wahl zur hessischen Ministerpräsidentin alle sechs Stimmen der Linken bekommen werde, dann sei darauf Verlass. Der parteilose van Ooyen nahm als Friedensaktivist zum ersten Mal 1966 an einem Ostermarsch teil. Inzwischen ist er pädagogischer Leiter einer Behindertenwerkstätte in Frankfurt.

Spitzenkandidat der hessischen Linken wurde er erst, nachdem der frühere DKPFunktionär Pit Metz sich wegen umstrittener Äußerungen zum Schießbefehl in der DDR zurückziehen musste. Van Ooyen, der sich seit den 70er Jahren für Kriegsdienstverweigerer einsetzt, war mehrere Jahre lang in der Deutschen Friedensunion aktiv, eine der DKP nahe stehende Organisation, die kräftig mit Geldern der DDR finanziert wurde. Auch deswegen versuchte die hessische CDU, van Ooyen als den „bösen Kommunisten“ zu diskreditieren, hatte damit aber in der Bevölkerung keinen großen Erfolg.

Umgekehrt will van Ooyen jetzt alles daransetzen, Ministerpräsident Roland Koch (CDU) aus dem Amt zu drängen. „Das war unser erklärtes Wahlziel“. Vor allem deshalb will die Linke für Andrea Ypsilanti stimmen – um gleichzeitig Koch abzuwählen. Daraus ergebe sich aber nicht zwingend eine weitere Zusammenarbeit: „Wir sind als Opposition angetreten und das werden wir auch im Landtag bleiben“, sagt van Ooyen. Wenn es um die Verabschiedung des Landeshaushalts gehe oder um einzelne Gesetze, habe eine rot-grüne Minderheitsregierung die Stimmen der Linken nicht automatisch „im Sack“. Van Ooyen erwartet, dass die SPD in den nächsten Wochen auf ihn zugeht. Die will aber heute zunächst nur Koalitionsgespräche mit den Grünen beginnen.

Ulrich Wilken (49), Landesvorsitzender

Er sei gerade in Skopje, wo er einen Workshop für das mazedonische Arbeitsministerium durchführe, sagt Ulrich Wilken am Telefon. Als freiberuflicher Arbeitswissenschaftler berät der studierte Soziologe die Arbeitsverwaltungen in künftigen EU-Beitrittsländern. Das Projekt in Skopje wird wohl sein letztes sein, denn künftig gehört er ganz der Linksfraktion im hessischen Parlament. Ulrich Wilken, der in den 80er Jahren Generalsekretär der deutschen Sektion der Christen für den Sozialismus war, ist seit 2000 Mitglied der PDS und war bis 2003 Kreisvorsitzender in Frankfurt am Main.

Was er und seine Kollegen sich nun vorgenommen haben, ist nicht weniger als „einen neuen Politikstil“ einzuführen. „Durchaus vergleichbar mit der Aufbruchstimmung bei den Grünen in den 80er Jahren“, sagt Wilken. Transparent und basisdemokratisch. Wie das konkret aussehen wird, macht er am Beispiel des hessischen Landeshaushalts 2009 deutlich, den der Landtag demnächst verabschieden muss. „Wir werden über die Eckpunkte nicht allein in der Fraktion beraten, sondern es wird dazu einen Mitgliederentscheid geben“, sagt er. Die Basis soll bestimmen.

Klar sei, dass sich die Linksfraktion als Opposition verstehe, und nicht als Teil einer Regierungskoalition. „Deswegen nehme ich es der SPD auch nicht übel, dass sie uns anders behandelt als die Grünen. Schließlich müssen die Sozialdemokraten nicht mit uns, sondern mit den Grünen koalieren“, sagt Wilken. Außer Frage stehe aber, dass seine Fraktion Andrea Ypsilanti zur Ministerpräsidentin wählen wird. „Schließlich sind wir im Wahlkampf damit angetreten, Roland Koch abzuwählen.“

Janine Wissler (26),  stellvertretende Fraktionsvorsitzende

Ob Hessen mit einer rot-grünen Minderheitsregierung fünf Jahre lang stabil regiert werden kann? Das ist die einzige Frage, bei der Janine Wissler kurz stockt. Die 26 Jahre alte Politikstudentin spricht ansonsten so schnell und druckreif, wie es andere Politiker nach 20 Jahren nicht können. „Man kann sagen: Das ist instabil. Man kann aber auch sagen: Das ist eine besondere Form von Demokratie“, meint Wissler, die für eine Änderung der „gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse“ eintritt. Endlich müsse sich eine Regierung mal ein „bisschen Mühe“ geben, um Mehrheiten zu bekommen.

Janine Wissler ist gerade auf dem Weg zum einem Streik-Termin des öffentlichen Diensts. Sie ist vor kurzem erst von einer Reise nach Venezuela zurückgekehrt. Mit Staatschef Hugo Chavez würde sie übrigens gerne einmal über den „Sozialismus im 21. Jahrhundert“ diskutieren, hat sie vor der Landtagswahl dem HR gesagt. Ihre landespolitischen Ziele: Sie will die Studiengebühren abschaffen und den Ausbau des Frankfurter Flughafens verhindern. Und wie wird die Linke eine Minderheitsregierung Ypsilanti unterstützen? „Ich weiß nicht, wie das konkret aussehen soll“, sagt Wissler. Sie ärgert sich gerade über die SPD. „Erst wollten sie uns gar nicht wahrnehmen, und auch nach der Landtagswahl wollten sie nicht mit uns reden.“ Sie findet es arrogant, dass die SPD bisher noch nicht auf Gesprächsangebote der Linken reagiert habe. „Die kommunizieren bisher nur über die Presse mit uns.“

Marjana Schott (49),  Fraktionsgeschäftsführerin

Muffensausen habe sie schon, sagt Marjana Schott, wenn man sie auf ihre künftige Arbeit im hessischen Landtag anspricht. Trotzdem, dass ihr und ihren Fraktionskollegen unterstellt wird, sie seien wegen ihrer mangelnden Erfahrung im politischen Geschäft unberechenbar, ärgert sie „rein vom Bauchgefühl her kolossal“. Es werde ja keiner als Politiker geboren, jeder müsse mal anfangen.

Marjana Schott – Mutter eines erwachsenen Sohnes, gelernte Buchhändlerin, studierte Sozialpädagogin und freiberufliche Insolvenzverwalterin – hat mit der Politik vor fast sechs Jahren angefangen: 2002, als die PDS, „die einzig linke Partei in Deutschland“, wie sie sagt, nicht mehr in den Bundestag gewählt wurde. „Da habe ich mich entschlossen, einzutreten.“

„Ich will eine Politik verwirklichen, die für die Menschen da ist“, antwortet sie auf die Frage nach ihren Zielen. Politische Erfahrung hat sie kaum, dafür aber eine Menge Überzeugungen, die manchmal nach dem Sozialismus der 80er Jahre klingen. So ist Marjana Schott Gründungsmitglied von Lisa-Hessen, der Linken Sozialistischen Arbeitsgemeinschaft der Frauen in der Linkspartei. In ihrem Feminismus ist sie radikal. Dass es Prostitution überhaupt gibt, dafür seien „die Macht des Kapitals und die Macht der Männer verantwortlich. Beides gehört abgeschafft“, ist auf ihrer Homepage in einem Beitrag zu lesen, in dem sie sich vornehmlich mit Wirtschaftspolitik beschäftigt. Im Kleinen hat sie als Insolvenzverwalterin Erfahrung damit, wie es ist, wenn es mit dem Kapitalismus mal nicht funktioniert. Im Großen sind es Stellenstreichungen bei BMW oder die Schließung des Nokia-Werks in Bochum, die sie umtreiben. „Man muss nur mal darauf gucken, was die freie Marktwirtschaft gerade so macht, und stellt dann fest: Der Markt regelt es eben nicht.“ Deshalb sollten Stromkonzerne, Telekom und Post verstaatlicht, ein Spitzensteuersatz von 50 Prozent und eine Vermögensteuer eingeführt werden.

Was ihre konkrete Arbeit als Landtagsabgeordnete angeht, klingen Schotts Aussagen schlichter. Ihr persönliches politisches Ziel sei es, Roland Koch abzuwählen. Weil das nur in vereinten Kräften mit den Grünen und der SPD zu erreichen sei, werde sie Ypsilanti zur Ministerpräsidentin wählen. Ohnehin gebe es eine Menge Überschneidungen mit der SPD – Mindestlohn, Abschaffung der Studiengebühren, Bekämpfung der Kinderarmut. Wie eine Zusammenarbeit mit der SPD praktisch aussehen wird? „Ich habe doch keine Glaskugel mit der ich in die Zukunft sehen kann.“

Hermann Schaus (53)

Die Stimme von Hermann Schaus ist kaum zu verstehen. Während er telefoniert, steht er zwischen hunderten Streikenden in Frankfurt, die mit Megafonen für höhere Löhne eintreten. „Es ist toll, wieder mal so einen Arbeitskampf zu erleben“, sagt er. Es ist längst nicht der erste Streik, bei dem der Gewerkschafter an vorderster Front steht. Der gelernte Kfz-Mechaniker war Jahre lang Sekretär bei Hessens ÖTV-Kreisverwaltungen. Seit 2007 ist er Pressesprecher von Verdi Hessen.

„Ich muss jetzt erst mal damit klarkommen, dass sich alle Blicke auf uns sechs Abgeordnete richten“, sagt Schaus. Er habe aber schon ein „bisschen Parlamentserfahrung“, seit 2006 sitze er im Kreistag des Hochtaunuskreises. Schaus war 1993 aus der SPD ausgetreten, wegen des Großen Lauschangriffs und des Asylkompromisses. Trotzdem findet er es nicht komisch, wenn er – wie angekündigt – am 5. April für die SPD-Kandidatin Ypsilanti stimmen wird: „Ich hege keinen Groll gegen die SPD“. Er bedauere nur, wie sich die Partei in den vergangenen Jahren entwickelt habe. Viele SPD-Abgeordnete kenne er noch aus der gemeinsamen Zeit bei den Jusos, und emotional könne er gut verstehen, dass sich die hessische SPD in einer schwierigen Lage befinde. Sein Problem sei das allerdings nicht: „Wir verstehen uns als Teil der Opposition.“ Auch wenn die Linkspartei Ypsilanti wähle, könne von einer Tolerierung keine Rede sein. Die Linkspartei habe nie erklärt, dass sie mitregieren wolle.

Barbara Cárdenas (54)

Manchmal ist sie immer noch überrascht, wie schnell es gegangen ist – und wie viel Gewicht alles bekommen hat. Erst im Sommer vergangenen Jahres ist sie in die Linkspartei eingetreten, jetzt sitzt sie im hessischen Landtag. Am Vereinigungsparteitag von PDS und WASG ist Barbara Cárdenas Mitglied geworden. „Wenn zwei Parteien so unterschiedlicher Provenienz in der Lage sind zusammenzuarbeiten, dann hat die Linke in Deutschland eine Chance. Da wollte ich mitmachen“, sagt sie. Das tut Barbara Cárdenas nun in der ersten Reihe, sie wird die bildungspolitische Sprecherin der hessischen Linksfraktion sein, und sich um das Thema Integration kümmern. Die diplomierte Pädagogin und Psychologin betreibt eine eigene Praxis und hat ein „Pfiffigunde“ genanntes Diagnostikverfahren entwickelt, um Wahrnehmungs- und Motorikstörungen von Kindern besser zu erkennen. Politisch hat sie sich bisher in ihrem Heimatort Dietzenbach engagiert, als Gemeinderatkandidatin der Dietzenbacher-Liste, einer Art Freien Wählergemeinschaft.

„Wir sind Newcomer. Was wir hier in Hessen vorhaben, ist ein neues Projekt, und zwar in jeder Beziehung“, sagt sie. Damit meint sie auch die bundespolitische Wucht, die die hessische Landespolitik bekommen hat. „Verdammt nochmal, das ist viel was Andrea Ypsilanti da zu tragen hat“, sagt Barbara Cárdenas. „Aber auch wir sechs sind uns der Verantwortung bewusst. Wir wollen uns nicht profilieren, sondern den Hoffnungen gerecht werden, die die Menschen in uns gesetzt haben.“ Wie ihre Kollegen, will sie Koch abwählen und zeigen, dass eine andere Politik möglich ist – und zwar als Oppositionspartei. Von der SPD erwartet sie eine Gesprächseinladung. „Wir werden für Ypsilanti stimmen, aber keinesfalls die Katze im Sack kaufen.“ Gemeint ist die Besetzung des hessischen Kabinetts. „Von den Ministern wird schließlich abhängen, ob eine inhaltliche Zusammenarbeit mit SPD und Grünen funktionieren kann.“

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