Zeitung Heute : Sechs Humboldt-Institute zogen seit 1998 auf das Areal

Tina Rohowski

Wenn Elmar Kulke, Geographie-Professor an der Humboldt-Universität (HU), andere Forscher zu Gast hat, geht er mit ihnen auf das Dach seines Instituts. Dann zeigt er auf die Glasarchitektur des neuen Physikinstitutes, auf den Windkanal aus den 30er Jahren und auf modernste Laborgebäude. In der Ferne sieht man den Fernsehturm; 16 Kilometer ist Kulkes neuer Arbeitsplatz von den alten HU- Standorten in Mitte entfernt. Noch vor zehn Jahren sei das Gelände in Adlershof ein „schauerhaftes Gerümpel an Gebäuden“ gewesen, sagt er. „Niemand konnte sich damals vorstellen, dass hier so schnell ein international attraktiver Technologiepark wächst.“

Viele Befürchtungen, die es vor dem Umzug gab, sind heute ausgeräumt. Doch nicht alle Hoffnungen haben sich erfüllt. Sechs HU-Institute sind zwischen 1998 und 2003 nach Adlershof gezogen – oft unter großem Widerstand ihrer Professoren. Der Chemiker Michael Linscheid, heute HU-Vizepräsident für Forschung, war 1998 einer der ersten, der „ganz bewusst als Pionier nach Adlershof“ ging. „Ich war von Beginn an begeistert von der Idee, verschiedene HU–Wissenschaften, außeruniversitäre Institute und Unternehmen an einem Ort zu bündeln.“ Das bringe mehr Kooperationen zwischen den Forschern und erleichtere gemeinsame Projekte von Wissenschaft und Wirtschaft.

Doch hat der Umzug tatsächlich zu mehr Interdisziplinarität geführt? Zu den Neuerungen der letzten Jahre gehören zum Beispiel „Brücken-“ und „S-Professuren“. „Solche Sonderprofessoren arbeiten zugleich an HU-Instituten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen“, erklärt Linscheid. Acht „S-Professoren“ gibt es bisher in Adlershof; sie verbinden zum Beispiel das Physik-Institut mit dem Leibniz-Institut für Kristallzüchtung. Daneben wurden drei Brückenprofessuren eingerichtet.

Der Physiker Norbert Koch ist so ein Brückenprofessor; er verbindet Physik und Chemie. Die Möglichkeit, an Schnittstellen zu forschen, war für den vielumworbenen Wissenschaftler einer der Gründe, dem Ruf an die HU zu folgen. „Neue Ideen in der Forschung entstehen leichter, wenn man starre Fachgrenzen auflöst“, sagt Koch. Der Standort hat für ihn aber noch einen weiteren Vorteil: „Es gibt genug Freiflächen, um sich auszubreiten. Adlershof ist noch lange nicht am Anschlag.“

HU-Forscher, deren Fachgebiet auch kultur- und sozialwissenschaftliche Anteile hat, klagen dagegen über „abgerissene Brücken nach Mitte“, wo weiterhin Wirtschafts- oder Politikwissenschaftler sitzen. „Kontakte zu erhalten ist viel mühsamer geworden“, sagt etwa Ludwig Ellenberg, Geographie-Professor an der HU. Klar seien in Adlershof neue Brücken entstanden. Insgesamt habe der Umzug aber mehr zerstört als neu geschaffen. Internationale Konferenzen im Technologiepark würde er seinen Kollegen beispielsweise nicht zumuten wollen.

Selbst Berliner Wissenschaftler seien selten bereit, zum neuen Standort zu kommen, sagt Informatik-Professor Hans-Dieter Burkhard. Ihn würde interessieren, wie oft der HU-Präsident selbst schon in Adlershof war, der seit 1998 sein Büro hier hat – und nach jahrelanger Erfahrung eine eher negative Bilanz zieht: „Für den Zusammenhalt innerhalb der Humboldt- Universität war es ein Fehler.“

Der Wirtschaftsgeograph Elmar Kulke hat Adlershof Ende der 90er Jahre als wissenschaftliches Thema für sich entdeckt. Für den Wirtschaftsstandort hat er viele gute Zahlen parat: mehr als 700 Unternehmen, weniger als 20 Insolvenzen und ein Umsatzwachstum von 86 Prozent in den letzten zehn Jahren. Ob aber die Zusammenarbeit von Hochschulforschern und High-Tech-Firmen je den Erwartungen der Anfangszeit gerecht werde, sei fraglich: „Die Naturwissenschaftler machen eher Grundlagenforschung.“ Unternehmen suchten jedoch meist „Partner, die an der technischen Umsetzung arbeiten“, beispielsweise Fachhochschulen.

In einem Punkt sind sich alle Wissenschaftler einig: Adlershof muss wohnlicher werden. „Wir brauchen Orte, wo man sich gern trifft“, sagt Geograph Ludwig Ellenberg, zum Beispiel Cafés oder Biergärten. Bislang komme jeder zu seinen Terminen und reise danach sofort wieder ab. „Wir müssen den informellen Ideenaustausch verbessern“, sagt Vizepräsident Michael Linscheid. „Sich ungezwungen oder sogar zufällig zu begegnen, ist für die Forschung wichtig“, meint der Physiker Norbert Koch. Da vermisse man „das Lebensgefühl in Mitte“.

Immerhin: Zwei Orte gibt es, an denen die Sehnsucht nach dem alten Standort gemildert wird: Als Gipskopien haben es Wilhelm und Alexander Humboldt, deren Marmordenkmäler vor dem HU- Hauptgebäude stehen, nach Adlershof geschafft. Tina Rohowski

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