Zeitung Heute : Sechs Paar graue Strümpfe, Größe 11 1/2

Stephan Pabst

Obwohl Heerscharen von Philologen in Archiven nach vergessenen Dokumenten der Literaturgeschichte suchen und es unwahrscheinlich ist, dass dabei mehr zutage gefördert wird als dieser oder jener prominent signierte Wäschezettel, werden zuweilen noch Entdeckungen gemacht. So stieß Jürgen Jahn auf den Briefwechsel zwischen Ernst Bloch und Wieland Herzfelde, den er jetzt, versehen mit einem ausführlichen Kommentarteil und einem Namensregister, bei Suhrkamp herausgegeben hat. Die Korrespondenz umfasst die Jahre des Exils, das Bloch, der Philosoph der Utopien, und Herzfelde, der Gründer des Malik-Verlages, zum größten Teil in Amerika verbrachten. Sie gehört sicher nicht zu jenen privaten Dokumenten, die zum literaturgeschichtlichen Großereignis werden. Herzfelde ist allzu sehr in die Organisation seines Alltags verstrickt, und nur selten schwingt sich Bloch zur Komik der "klassenlosen Bügelfalte" auf, von der er Trude Herzfelde erklärt, dass seine Liebe zur politischen Ordnung ihn auch dieser kulturellen Errungenschaft gegenüber freundlich stimme. Doch mag es gerade die Nähe der beiden Männer sein, die sich ihr Gespräch zum Teil um Trivialstes drehen lässt.

Ihren Reiz beziehen solche Passagen aus der Belustigung, mit der man liest, dass Herzfelde in New York Nylonstrümpfe für den ländlicher wohnenden Bloch besorgte - sechs Paar braune und sechs Paar graue, Größe 11 1/2 - oder mit der man mehrere Seiten verfolgt, welches diplomatische Feingefühl auch zwischen Freunden bei der Rückgabe geliehener Möbel notwendig werden kann.

All dies hat wohl dazu beigetragen, dass der Briefwechsel bislang nicht einmal das Interesse der Bloch-Biographen erregen konnte. Und doch führen eben diese Alltäglichkeiten vor Augen, welche Schwierigkeiten sich bei dem Versuch einstellen konnten, die Arbeit unter den Bedingungen des Exils wieder aufzunehmen. Was Bloch in einem seiner ersten amerikanischen Vorträge zum Thema macht, "zerstörte Sprache, zerstörte Kultur", das schlägt sich tagtäglich in seinen Berührungsängsten mit dem Englischen nieder. Er selbst erklärt sie mit dem pädagogischen Trauma, das er beim Erlernen von Sprachen in seiner Jugend erlitten habe.

Der Leser freilich gewinnt den Eindruck, dass es die Vorbehalte des Bildungsbürgers gegen die Sprache der amerikanischen "Banausen" sind, die ihm das Englische verleiden. Wer sonst würde es nötig finden, die Verwendung der harmlosesten englischen Floskel dadurch zu entschuldigen, dass er dieselbe auch ins Griechische und Lateinische übersetzt, bevor er seine neue Vokabel dem Freund präsentiert, wenngleich falsch - "so quickly as possible". Tatsächlich bleibt es nicht aus, dass auch der Leser nachvollzieht, in welchem Maße Blochs utopisches Denken durch die neue Sprache entstellt wird. "The dreams of better life" klingen eher nach den Feierabendträumen eines mittleren Angestellten als nach der Feder des Philosophen: "Was unsereiner mit einer fremden Sprache sagen kann, das ist doch nur der Schatten seiner selbst."

Unter solchen Umständen provoziert die neue Welt den Rückzug des Philosophen in den "elfenbeinernen Turm" seiner klassischen Bildung. Das Interesse an den Utopien, das in Deutschland keine Anknüpfungsmöglichkeit fand, wird auch hier enttäuscht: "Amerika jedenfalls tut uns nicht gut." Blochs vereinzelte politische Äußerungen zeigen aber auch, wie sehr das Festhalten an den Utopien aus diesen Enttäuschungen seine Energie gewinnt, aber dafür mit politischen Fehlurteilen bezahlt.

Dass Herzfelde offensichtlich der zuverlässigere Verwalter des eigenen Briefnachlasses war als Bloch, führt in der vorliegenden Edition dazu, dass drei Viertel der abgedruckten Briefe von Bloch und nur ein Viertel von Herzfelde stammen. Wie Bloch ist Herzfelde als Verleger darauf angewiesen, von der eigenen Sprache zu leben. Schon die Art dieser Abhängigkeit bringt es aber mit sich, dass seine Briefe bedeutend pragmatischer ausfallen. Was im Exil die Stärke Herzfeldes gewesen sein mag, sich von intellektuellen Vorbehalten gegen den "Durchschnittsamerikaner" nicht lange aufhalten zu lassen und auch sonst den eigenen Befindlichkeiten weniger Raum einzuräumen als Bloch, hat für den Leser den Nachteil, dass stattdessen immer wieder Korrekturen, Honorare, Vorschüsse, Verlagsrechte etc. Gegenstand seiner Briefe sind. Zu selten werden Herzfeldes literarische Arbeiten thematisiert. Und auch der Stimmungsumschwung im Amerika der Nachkriegsjahre, den Herzfelde natürlich registriert, hat für den Leser seiner Briefe die Konsequenz, dass ihm politische Äußerungen weitgehend vorenthalten werden: "Über die neueste Bombe und Kriegserklärung lieber mündlich", schreibt er am 8. August 1945 an Bloch. Konturen gewinnt Herzfelde aber als beeindruckende Verlegerfigur, der sich auch für nicht sonderlich gewinnversprechende Autoren wie Bloch engagiert und sich gleichwohl der Tatsache bewusst ist, daß das, was "in romantischen Zeiten" Leser genannt wurde, nur noch den Titel "CONSUMENT" verdient. Beide verlassen Amerika nicht mit den besten Gefühlen, um Professuren im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands anzunehmen, obwohl ihnen mit Lukács, über dessen "Totalitätsgeschmus" sich Bloch gelegentlich äußert, die möglichen Wege des Denkens unter den Bedingungen der kommunistischen Diktatur lebhaft vor Augen stehen.

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